Politik

Durch Corona hat die Vorsorge gelitten: Die Zahl der Hautkrebs-Screenings ist um fast ein Viertel gesunken. (Foto: dpa/Hildenbrand)

30.07.2021

Langsam erholen sich die Kliniken

Die Corona-Pandemie forderte dem Gesundheitssystem einiges ab – viele Kranke werden erst jetzt behandelt

Etwa eine Woche ist es her, da machte sich im Augsburger Universitätsklinikum fast so etwas wie Euphorie breit. Denn Tag um Tag war vergangen und kein einziger Corona-Fall war in der Einrichtung – mit mehr als 1700 Betten eines der größten Krankenhäuser Deutschlands. Zum ersten Mal seit Ausbruch der Pandemie vor anderthalb Jahren. „Wir konnten es kaum fassen“, sagt der ärztliche Direktor Michael Beyer.

Auch andere Kliniken in Bayern bezeichnen sich inzwischen als coronafrei, berichtet Eduard Fuchshuber, Sprecher der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG). Was jedoch nicht heißt, dass in den Krankenhäusern wieder Normalbetrieb herrscht. Zwar sei die Situation deutlich entspannter als noch vor wenigen Monaten, sagt Fuchshuber. Aber etliche Kliniken arbeiten immer noch unter Hochdruck – um Operationen nachzuholen, die während der Hochphase der Pandemie verschoben wurden. „Da hat sich eine gewisse Bugwelle aufgebaut“, bestätigt Beyer.

Das hängt mit der Zahl der Intensivbetten zusammen. 80 sind es in Augsburg. „Das war schon vor Corona nicht ausreichend“, sagt der ärztliche Direktor. Erst recht nicht während der zweiten und dritten Pandemiewelle, als man die Hälfte der Intensivstation für Covid-19-Patient*innen reservieren musste. Die Folge: sogenannte Elektiv-Eingriffe, also keine Notfälle, mussten erst einmal warten. Knie- und Hüftoperationen zum Beispiel, Eingriffe am Herzen, am Magen, bei denen Operierte anschließend möglicherweise für ein oder zwei Tage ein Intensivbett brauchen. Sogar Tumor-Operationen waren darunter. Jeden Tag um 14 Uhr seien damals Fachleute aller Disziplinen zusammengekommen, um festzulegen, wer denn am dringlichsten operiert werden müsse, erinnert sich Beyer. Drei-, vier-, fünfmal musste mancher Termin verschoben werden. Für die betroffenen Kranken eine fast unerträgliche Belastung. Zeitweilig, sagt der Mediziner, „haben wir Operationen im hohen dreistelligen Bereich vor uns hergeschoben“.

Viele unentdeckte Tumore

Jetzt versuche man das aufzuarbeiten. Kein leichtes Unterfangen. „Das erfordert eine hohe Einsatzbereitschaft von den Mitarbeitern“, sagt Beyer. Am vergangenen Wochenende beispielsweise herrschte in vier Operationssälen des Universitätsklinikums praktisch Dauerbetrieb.

Anders im Universitätsklinikum Würzburg. Eine „weitreichende Einschränkung der planbaren Eingriffe und Operationen“ sei dort nicht erforderlich gewesen, teilt Sprecherin Susanne Just mit: „Falls situativ einzelne Eingriffe verschoben werden mussten, sind diese nach und nach durchgeführt worden.“ Auch in der Helios Frankenwaldklinik im oberfränkischen Kronach, die mit rund 280 Betten zu den kleinen Häusern zählt, habe sich die Lage einigermaßen normalisiert, sagt deren Sprecher Stefan Studtrucker: „Mittlerweile können wir wieder durchatmen.“

Die Folgen der Pandemie könnten die Krankenhäuser allerdings noch deutlich länger beschäftigen. Mit Sorge sehen viele Gesundheitsfachleute beispielsweise, dass die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen zumindest in den ersten Corona-Monaten drastisch abgenommen hat. In den ersten drei Quartalen 2020 habe man bei den bayerischen AOK-Versicherten im ambulanten Bereich 32 Prozent weniger allgemeine Gesundheits- und Vorsorgeuntersuchungen registriert, informiert eine Sprecherin der AOK Bayern. Die Zahl der gynäkologischen Krebsfrüherkennungsuntersuchungen bei Frauen sei um acht Prozent gesunken, diejenige von Prostata-Untersuchungen bei Männern um zehn Prozent. Und bei den Hautkrebs-Screenings beobachtete man sogar ein Minus um 23 Prozent.

Vor wenigen Wochen schlug bereits die Barmer Alarm. In einer Analyse, die sie zusammen mit dem Universitätsklinikum Würzburg durchgeführt hat, kommt die Krankenkasse zu dem Schluss, dass allein zwischen April und Oktober 2020 bundesweit knapp 1600 Krebsfälle nicht entdeckt worden seien. Ihr Fazit: „Die Corona-Pandemie wird zu verzögerten Krebsdiagnosen mit schlechteren Heilungsaussichten führen.“
Dass gerade während der ersten Corona-Welle viele Menschen den Gang zum Arzt oder in eine Klinik mieden, aus Angst vor einer möglichen Ansteckung, hat auch Michael Beyer beobachtet. „Im Sommer 2020 standen bei uns zeitweise 500 Betten leer – weil einfach keine Patienten gekommen sind“, erinnert er sich.

Ein anderes Problem macht den Krankenhäusern dagegen nach wie vor zu schaffen: der Personalnotstand, der schon lange vor der Pandemie grassierte. Dass vielerorts die Intensivstationen nicht ganz ausgelastet werden können, liege auch daran, dass dort nicht alle Stellen besetzt seien, sagt BKG-Sprecher Eduard Fuchshuber: „Die Situation verschärft sich noch dadurch, dass viele Mitarbeiter Urlaub nehmen und Überstunden abbauen, nach dieser brutal langen, schwierigen Zeit.“

In Zukunft könnte sich die Personalknappheit sogar noch verschärfen: Laut einer Umfrage des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe überlegt fast ein Drittel der Befragten, aus dem Beruf auszusteigen. Auch wegen der extremen Belastungen während der Corona-Zeit. „Wir sind an die Grenze der Mitarbeiter und darüber hinaus gegangen, weil es nicht anders ging“, bestätigt Michael Beyer. Derzeit, erklären BKG und Klinikverantwortliche übereinstimmend, sei die Personalfluktuation noch nicht höher als üblich.

Anlass zur Euphorie dürfte dennoch niemand sehen. Das kleine coronafreie Zwischenhoch im Universitätsklinikum Augsburg fand übrigens ein jähes Ende: Nach mehreren Tagen ganz ohne Covid-19 wurden am vergangenen Dienstag wieder drei Patienten mit dem Virus eingeliefert. Die Pandemie ist eben noch längst nicht vorbei. (Brigitte Degelmann)

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