Politik

Höchst umstritten: der Forschungsreaktor München II auf dem Gelände der TU München. (Foto: dpa/Kneffel)

12.06.2020

Pannen und ein zweifelhafter Nutzen

Wie sicher ist der Garchinger Forschungsreaktor der TU? Der Bund Naturschutz klagt gegen dessen Betrieb

Die Kritiker*innen des Forschungsreaktors München II geben nicht auf: Nun klagt der Bund Naturschutz (BN) gegen den Weiterbetrieb der umstrittenen Garchinger Anlage FRM II. Unterstützt wird er dabei von der Landtagsfraktion der Grünen, dem Verein Bürger gegen Atomkraft Garching und dem Umweltinstitut München. Begründung der Kläger*innen: Der Reaktor werde spätestens seit 2018 illegal mit hochangereichertem Uran 235 betrieben. Denn bis dahin hätte er laut Teilgenehmigung auf niedriger angereichertes Uran unter 50 Prozent umgestellt werden müssen.

Ursprünglich war die Laufzeit des leistungsstärksten Forschungsreaktors Deutschlands mit hochangereichertem Uran nur bis 2010 genehmigt, dann aber bis 2018 verlängert worden. Als die TU München, Betreiberin des Reaktors, auch dann noch keinen geeigneten, niedriger angereicherten Brennstoff entwickelt hatte, wurde eine weitere Verlängerung mit Freistaat und Bund vereinbart. Reaktor-Gegner und TU ließen jeweils Gutachten erstellen, ob der Betrieb rechtmäßig sei – und kamen zu konträren Ergebnissen. Vergangenen Oktober beantragte der Bund Naturschutz in Bayern beim bayerischen Umweltministerium, das atomrechtliche Aufsichtsbehörde ist, den weiteren Betrieb des Forschungsreaktors zu untersagen.

„Die Antwort im April war leider nichtssagend und ging auf unseren Antrag eigentlich gar nicht ein“, kritisiert Vorsitzender Richard Mergner. Daher habe der BN nun Klage eingereicht. „Aus unserer Sicht werden rechtsstaatliche Vorgaben nicht eingehalten“, erklärt Herbert Barthel, Referent für Energie und Klimaschutz beim Bund Naturschutz Bayern. „Bis heute wird mit waffenfähigem Uran gearbeitet“, so der Chemiker.

Das sieht das Umweltministerium anders: Die Genehmigung für den Betrieb des Reaktors sei nach wie vor bestandskräftig und rechtsgültig, dass sie aufgrund der geltenden gesetzlichen Regelungen und einer intensiven rechtlichen und fachlichen Prüfung erfolgt sei.

Unverzichtbare Forschung? Grüne: „ein Märchen!“

Dabei steht die Anlage seit dem 17. März ohnehin still. Mitte Mai war bei Wartungsarbeiten radioaktives C 14 ausgetreten. Der Jahresgrenzwert wurde in der Folge um 15 Prozent überschritten. Das Ereignis habe aber keine Auswirkungen auf Mensch, Umwelt und die Anlage, betont FRM-II-Sprecherin Anke Görg. Und die TU habe die Behörden für eine detaillierte Ursachenklärung vollumfänglich informiert. Nun prüfe das Umweltministerium die Sachlage und werde über das weitere Vorgehen entscheiden.

Ludwig Hartmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag, kritisiert, dass der Vorfall erst spät gemeldet wurde. Seine Forderung: „Erst wenn der Betreiber, die TU München, auf niedriger angereichertes Uran umsteigt und endlich ein funktionierendes Sicherheitskonzept vorlegt und einhält, darf dieser Meiler wieder hochgefahren werden.“ So sieht das auch Karin Wurzbacher, Physikerin der Initiative Bürger gegen Atomkraft Garching und des BN: „Dass innerhalb von wenigen Tagen der Jahresgrenzwert um 15 Prozent überschritten wird, ist schon gravierend.“ Da müsse man die Konsequenzen ziehen und dürfe jetzt nicht herumeiern.

Der Zwischenfall vom Mai erinnert Wurzbacher an die Panne von 2012. Damals wurde der Reaktor wegen erhöhter Radioaktivität am Abluftfilter heruntergefahren. Seit dem Start des Forschungsreaktors 2004 gab es laut Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung insgesamt 21 meldepflichtige Ereignisse am Garchinger Forschungsreaktor FRM II. So kam es 2007 beispielsweise zu einer Reaktorschnellabschaltung, als die Moderatortankkühlung ausfiel. Immer wieder wurde außerdem die Gefahr von möglichen Rostablagerungen am Reaktorbecken heftig öffentlich debattiert und deshalb auch der TÜV eingeschaltet.
Unverzichtbare Forschung? Grüne: „ein Märchen!“

Ein Sprecher des Umweltministeriums verweist auf die Wichtigkeit der Anlage, die „hochkarätige technische und medizinische Forschung“ ermögliche. Außerdem würden auch wichtige Beiträge zur medizinischen Versorgung geleistet, sagt er. Wegen des aktuellen Stillstands des Reaktors stehen derzeit „mehr als 800 Forscher in der Warteschlange“, die an einem der 30 Messplätze im Reaktor Untersuchungen machen wollen, sagt FRM-II-Sprecherin Görg.

An den Messstellen sind Forschungen in großer Bandbreite von Archäologie über Physik bis zur Medizin möglich. Mithilfe der Neutronen können Wissenschaftler*innen beispielsweise das Innere einer Batterie durchleuchten, ohne dass sie aufgebrochen wird. Die Neutronenquelle dient der Materialforschung, etwa bei Batterien von E-Autos, oder versorgt die Medizin mit Radioisotopen für die Diagnostik und Therapie von Krebs. „Es gibt auch Anfragen von italienischen Wissenschaftlern zur Corona-Forschung. Diese wollen ein Virusprotein auf bestimmte Wirkstoffe hin untersuchen, um Rückschlüsse für Medikamente zu bekommen“, so Görg. Auch Impfmöglichkeiten gegen das Sars-CoV-2-Virus sollen mit Neutronenstrahlen getestet werden.

Für die Reaktorgegner*innen ist das kein Argument: „Das Märchen von der angeblich unverzichtbaren Medizinforschung am Forschungsreaktor Garching ist alt und bis heute nicht belegt. Es rechtfertigt keinesfalls die Gefährdung der Menschen in der Umgebung des Atomreaktors“, betont der Grüne Hartmann. Eine Anfrage an das Ministerium habe gerade erst ergeben, dass die Neutronenbehandlung von Krebspatienten am Garchinger Forschungsreaktor FRM II eine „blamable Pleite“ sei. Denn die Zahl der Bestrahlungen habe mindestens 95 Prozent unter dem erwarteten Wert gelegen, insgesamt wurden gerade einmal 126 Patienten behandelt.

Wie lange die Umrüstung des Reaktors auf ein niedriger angereichertes Uran dauert, ist noch immer offen. Derzeit forsche man zusammen mit Belgien und Frankreich an einem neuen Brennstoff-Produkt, so FRM-II-Sprecherin Andrea Voit. Die Chancen stünden gut, sagt sie. Allerdings habe es in der Vergangenheit bereits Brennstoff-Kandidaten gegeben, die erst vielversprechend aussahen, aber es dann doch nicht gewesen seien.
(Lucia Glahn)

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