Politik

Ein zusätzliche niedrige Tür mit einer Plexiglasscheibe, ist im Eingang eines Patientenzimmers im Krankenhaus St. Camillus, angebracht. Das Krankenhaus ist auf die Behandlung geistig behinderter Menschen spezialisiert. Die Tür soll das Gefühl von Geborgenheit vermitteln und gleichzeitig Kontakte zum Geschehen außerhalb des Zimmer ermöglichen. (Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand)

28.09.2022

Projekt zusammengestutzt

Angekündigtes Zentrum für Behindertenmedizin wird nicht verwirklicht

Die Ziele der bayerischen Staatsregierung waren im Jahr 2018 hoch gesteckt. An der neuen Augsburger Universitäts-Medizinfakultät sollte ein "Interdisziplinäres Medizinisches Zentrum für Menschen mit Behinderung (IMZMB)" entstehen. Das sollte letztlich "nationale und internationale Strahlkraft entfalten", wie die damalige Wissenschaftsministerin Marion Kiechle (CSU) versprach.

Davon ist vier Jahre später keine Rede mehr. Das IMZMB ist bis heute nicht verwirklicht - und es wird in dieser Form auch nicht mehr geplant. In Augsburg, wo derzeit die jüngste Medizinfakultät Bayerns aufgebaut wird, soll nur noch eine verkleinerte Version entstehen. Ein Verband der davon Betroffenen reagiert mit Enttäuschung.

Die Landesregierung hatte im August 2018 im schwäbischen Ursberg getagt und sich damals besonders mit den Problemen von behinderten Menschen befasst. Hintergrund ist, dass sich in Ursberg mit dem kirchlichen Dominikus-Ringeisen-Werk eine der größten Einrichtungen Bayerns in diesem Bereich befindet. Das Medizinzentrum war einer der Beschlüsse des Kabinetts. "Mit diesem einzigartigen interdisziplinären Modellprojekt erhält die medizinische Behandlung von Menschen mit Behinderung auch eine Verankerung in Wissenschaft und Forschung", sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) damals.

Langwieriges Berufungsverfahren

Laut Professorin Martina Kadmon, der Dekanin der medizinischen Fakultät in Augsburg, war der damalige Plan aber nur ein erstes Konzept. Anstelle eines eigenen Zentrums soll nun eine Abteilung am Institut für Allgemeinmedizin entstehen, erläutert sie. Die genauen Forschungsinhalte hingen noch davon ab, wer die Professur erhalte, sagt Kadmon. Diese solle spätestens im Herbst ausgeschrieben werden. Dann folgt das langwierige Berufungsverfahren. "Wenn es gut läuft, dauert das ein Jahr. Andernfalls kann es 18 Monate in Anspruch nehmen", sagt Kadmon.

Der Behindertenverband Bayern ist von dieser Entwicklung enttäuscht. Im Jahr 2018 habe die Regierung den Verbesserungsbedarf erkannt, trotzdem sei das Projekt jetzt "massiv eingedampft", sagt Susanna Klotz von dem Verein. "Nun soll nicht mal dieses eine Zentrum für ganz Bayern entstehen."

Das Wissenschaftsministerium in München sagt, auch früher schon sei eine Anbindung an den Lehrstuhl für Allgemeinmedizin in Augsburg vorgesehen gewesen. Das jetzige Konzept beinhalte ebenso Strukturen, die es bisher in Deutschland nicht gebe. Warum das Kabinett damals ein interdisziplinäres Zentrum angekündigt hatte, ließ das Ministerium offen. Auch die genaue Finanzierung ist unklar. 2018 hieß es, es seien einmalige Kosten von 1,5 Millionen Euro veranschlagt sowie ein jährlicher Betrag von 1,6 Millionen Euro.

Spezielle Disziplin

In Ursberg hofft man weiter auf Unterstützung aus Augsburg. Das dortige Krankenhaus St. Camillus, das auf die Behandlung geistig behinderter Menschen spezialisiert ist, soll mit der Augsburger Unimedizin kooperieren. Die Probleme in dieser speziellen Disziplin beschreibt Chefarzt Peter Brechenmacher: "Viele unserer Patienten können ihre Schmerzen nicht adäquat artikulieren." Es komme vor, dass jemand tagelang mit einem gebrochenen Bein herum laufe, bis das Problem erkannt werde.

Die 28 Betten kleine Fachklinik kann zwar eine Grundversorgung leisten, für Operationen müssen die Patienten aber an andere Einrichtungen überwiesen werden. Das könne schwierig sein, wie Ärztin Jutta Wohlgemuth erläutert.

Eine ihrer Patientinnen hatte einen Untersuchungshandschuh geschluckt, ein Darmverschluss war die Folge. "Sie muss starke Schmerzen gehabt haben", sagt die Ärztin. Die Patientin konnte dies aber nicht ausdrücken, sie spielte einfach weiter mit ihrer Rassel. Das andere Krankenhaus habe die Patientin daher zweimal zurückgeschickt. Erst als sie den Chefarzt kontaktiert habe, sei die OP durchgeführt worden, berichtet Wohlgemuth.

Vor diesem Hintergrund wünschen sich Wohlgemuth und ihre Kollegen, dass die Augsburger Fakultät sich um mehr Vernetzung unter den Einrichtungen bemüht. Doch welche Aufgaben genau die Uni übernehmen will, wissen sie nach wie vor nicht. "Ich verstehe, dass die Medizin für Menschen mit Behinderung nicht zu den ersten Bereichen gehört, die etabliert werden", meint Wolfgang Tyrychter, Vorstandsmitglied des Dominikus-Ringeisen-Werkes. "Aber ich hoffe, dass unsere Belange nun bald an der Reihe sind."
(Stefan Foag, dpa)

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