Politik

Künstliche Intelligenz kommt immer öfter zum Einsatz: im Straßenverkehr, in der Medizin, in Privathaushalten. Noch gibt es kaum Gesetze. (Foto: Getty Images)

20.07.2018

Riskante Fremd-Hirne

Künstliche Intelligenz: Warum gibt es dafür keine Regeln?

Künstliche Intelligenz (KI) wird die Gesellschaft grundlegend verändern. Experten prophezeien einen Wandel ähnlich der industriellen Revolution. Schon jetzt unterstützen denkende Maschinen Menschen beim Arbeiten 4.0. Auf unseren Straßen gibt es immer mehr selbstfahrende Autos, und Smart Homes senken den Energieverbrauch. Noch in diesem Jahr sollen im Freistaat in einem Pilotprojekt Pflegeroboter zum Einsatz kommen. An der TU München wird erforscht, wie durch KI Krebs geheilt werden kann. Und durch Smart Farming soll in Zukunft auf bayerischen Hightech-Äckern dem Klimawandel und dem Welthunger entgegengewirkt werden. Allerdings warnen kritische Stimmen vor Gefahren und unabsehbaren Folgen durch KI.

Um die KI-Forschung voranzutreiben, will Ministerpräsident Markus Söder (CSU) in den kommenden vier Jahren rund 250 Millionen Euro für Verbundprojekte von Wirtschaft und Wissenschaft ausgeben. „Bayern soll weltweit eine der führenden Regionen für KI werden“, verspricht er. So ist zum Beispiel im Rahmen der Initiative „Künstliche Intelligenz – Big Data“ ein Kompetenznetzwerk für künstliche maschinelle Intelligenz an bayerischen Hochschulen mit zusätzlichen Professorenstellen geplant. Die Investitionen sind dringend notwendig, weil Deutschland bei vielen Studien zur digitalen Wettbewerbsfähigkeit im weltweiten Vergleich zurück liegt. „Unternehmen wie Google und Amazon setzen derweil verstärkt auf KI, um ihren Wettbewerbsvorteil hierzulande auszubauen“, erklärt Jörg Reiser vom auf KI spezialisierten Unternehmen SentiOne in München.

Die Grünen im Landtag begrüßen zwar den KI-Ausbau in Bayern. Die Abgeordnete Verena Osgyan warnt jedoch davor, sich auf die technologischen Aspekte zu konzentrieren. „Wir brauchen ebenso gezielte Forschung zu den sozialen und gesellschaftlichen Folgen“, mahnt sie. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg befürchtet, dass aktuell jeder vierte Job durch KI ersetzt werden könnte. Ist das so? Bayerns Wirtschaftsministerium weiß es nicht. Was die möglichen Jobverluste angeht, „gibt es Studien in beide Richtungen“, erklärt ein Sprecher.

Deutscher Ethikrat: Kein „Algorithmen-TÜV“, aber mehr Datenschutz

Die Landtags-SPD warnt vor möglicher Meinungsmanipulation durch KI im Netz oder Diskriminierung, beispielsweise beim Scoring von Kreditunternehmen. „Die Politik muss jetzt die Rahmenbedingungen setzen und klar definieren, welche Forschung sie will und welche nicht“, betont SPD-Netzexperte Florian Ritter.

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, der Erlanger Professor Peter Dabrock, lehnt zwar einen „Algorithmen-TÜV“ ab. „Die KI-Technologie muss aber so weiterentwickelt werden, dass der Mensch im Mittelpunkt bleibt und nicht zum Sklaven der Maschinen wird“, sagt er. So müssten zum einen durch KI getroffene Entscheidungen für Nutzer transparent sein. Das fordern laut einer Umfrage auch 90 Prozent der Bundesbürger. Dabrock verlangt außerdem, neben Datensicherheit und -schutz die Datensouveränität zu verbessern. Das heißt, jeder sollte über die Weitergabe seiner Daten bestimmen können. Bis heute ist zum Beispiel unklar, wem die gesammelten Daten vernetzter Autos gehören.

Überhaupt bestehen im rechtlichen Bereich große Unsicherheiten. Wer ist verantwortlich, wenn die Algorithmen von Finanzhändlern Fehler machen und Sparer um ihr Geld bringen? Oder wenn ein autonom fahrendes Auto wie dieses Jahr in den USA einen Menschen überfährt? Bisher haften Hersteller im In- und Ausland nur für Produktionsfehler. Das EU-Parlament hält dies nicht für angemessen, wenn sich die Maschine aufgrund eigenständig erlernter Verhaltensmuster dem Einfluss seines Besitzers entzieht. Die EU-Abgeordneten haben jetzt eine Gefährdungshaftung oder den Ansatz der Risikominimierung vorgeschlagen. Dabei würde derjenige haften, der den Fehler am ehesten hätte verhindern können. Die EU-Kommission will bis Ende des Jahres entscheiden.

Das Bundesjustizministerium indes sieht derzeit keinen gesetzlichen Handlungsbedarf. Immerhin schlummert im Koalitionsvertrag noch das Vorhaben, eine Daten-Ethikkommission einzurichten. Ein Expertengremium der Bundesregierung will beim nächsten Digitalisierungsgipfel Anfang Dezember darlegen, wie eine KI-Strategie für Deutschland aussehen könnte. Zudem wurde im Juni die KI-Enquete-Kommission des Bundestags ins Leben gerufen. Der Versicherungskonzern Allianz fordert, zumindest über ein KI-Gesetz nachzudenken. In den USA bittet Microsoft sogar von sich aus um staatliche Regulierung, so verunsichert ist der Software-Gigant. KI-Forschungen hätten Fragen aufgeworfen, die „an die Substanz der Verteidigung fundamentaler Menschenrechte wie Privatsphäre und Meinungsfreiheit“ gehen“. (David Lohmann)

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