Politik

26.11.2020

Sind Jagd und Naturschutz vereinbar?

Jagd hat nichts mit Natur- und Artenschutz zu tun, meint die Tierschutzorganisation PETA. Doch, sagt der BUND Naturschutz, nämlich dann, wenn aus ökologischen Gründen eine Bestandskontrolle notwendig ist. Es gebe im Jagdrecht aber einen großen Reformbedarf

Ja

Richard Mergner, Landesvorsitzender des BUND Naturschutz in Bayern

Aus Sicht des BUND Naturschutz (BN) können Tiere bejagt werden, wenn die Arten in ihrem Bestand nicht gefährdet sind, eine Bestandskontrolle aus ökologischen oder anderen zwingenden Gründen geboten ist und dies mit jagdlichen Mitteln erreicht werden kann. So hält der BN die Bejagung der verbreiteten und häufigen Schalenwildarten wie zum Beispiel der Rehe für sinnvoll und notwendig. Allerdings gibt es aus Tierschutz- und Naturschutzsicht großen Reformbedarf bei der Jagd. Das Jagdrecht und die darauf aufbauende Jagdausübung ist einer der wenigen Rechtsbereiche, der noch heute von jahrzehntealten Regelungen bestimmt wird. Teilweise reichen die Wurzeln zurück bis ins Dritte Reich (Reichsjagdgesetz). Dementsprechend gibt es vielen Kritikpunkte: der Abschuss von Haustieren und von Rote-Liste-Arten, die Fallenjagd, die fehlende Rücksichtnahme auf Schutzgebiete und Schutzziele, die verfehlte Fütterung von Wildtieren, die Trophäenschauen, die hohe Zahl der jagdbaren Tierarten, die Bejagung in Balz-, Brunft- und Jungenaufzuchtzeiten und die Verfolgung von „Raubwild“ und „Raubzeug“.

Aus der BN-Sicht muss die Jagd heute vorrangig einen Beitrag dazu leisten, dass die naturräumliche Vielfalt standortheimischer Pflanzen- und Tierarten erhalten beziehungsweise wiederhergestellt wird. Wenn man auf die Waldverjüngung blickt, wird klar, dass dieses zentrale Ziel in vielen Wäldern Bayerns seit Jahrzehnten nicht realisiert wird. Was sind die Ursachen? Aus unserer Sicht sind die Schalenwildbestände, vor allem beim Rehwild, vielerorts zu hoch. Auch wenn es genügend Samenbäume gibt, kann keine Waldverjüngung hochwachsen, weil sie verbissen wird. Positive Beispiele zeigen, dass die Palette der heimischen Baumarten aufwachsen kann, wenn das Rehwild durch erhöhte Abschüsse an seinen Lebensraum angepasst wird. Der BN fordert deshalb eine Novelle des Bundesjagdgesetzes, die die jahrzehntealten Defizite beseitigt.

NEIN

Nadja Michler, Fachreferentin für Wildtiere bei PETA Deutschland e.V.

Die Jagd hat nichts mit Natur- und Artenschutz zu tun. Sie trägt nicht dazu bei, dass die notwendige Artenvielfalt und funktionierende ökologische Kreisläufe in den Wäldern erhalten bleiben – das Gegenteil ist der Fall. Jäger schrecken nicht einmal davor zurück, bedrohte Arten zu töten. So wurden im Jagdjahr 2018/19 rund 190  000 Feldhasen durch Jäger getötet. Es wäre nicht das erste Mal, dass Jäger einer Tierart so lange nachstellen, bis sie am Rande der Ausrottung steht. Auch Rebhühner wurden im 20. Jahrhundert in manchen Jahren zu Hunderttausenden erschossen und sind heutzutage stark gefährdet – die Jagd auf sie geht vielerorts trotzdem weiter.

Zudem tragen Jäger dazu bei, dass natürliche Regulationsmechanismen gestört werden. Füchse oder Marder, die als natürliche Gesundheitspolizei des Waldes schwache und kranke Tiere erbeuten, werden systematisch verfolgt – so töten Jäger allein in Deutschland jedes Jahr etwa eine halbe Million Füchse, oft auf grausame Art.

Jäger unterbinden auch die natürliche Selektion, indem sie vorwiegend den schönen und starken Tieren nachstellen. Doch gerade sie sind für eine gesunde Population wichtig. Für bedrohte Tierarten kann dies fatale Folgen haben – bis hin zum Aussterben.

Anerkannte Wildbiologen sind sich längst einig, dass aus ökologischer Sicht keine Notwendigkeit für die Jagd besteht. So betont unter anderem der renommierte Biologe Josef H. Reichholf, Ehrenpräsident des Vereins für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern, dass eine natürliche Regulation der im Wald lebenden Tierpopulationen durch Umwelteinflüsse wie Witterung, Nahrungsverfügbarkeit oder Krankheiten stattfindet. Ein Beispiel hierfür ist der Schweizer Kanton Genf, in dem die Hobbyjagd seit über 40 Jahren verboten ist. Dort reguliert sich die Natur in erster Linie selbst. Das Resultat: eine hohe Artenvielfalt und gesunde, stabile Wildtierpopulationen.

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Kommentare (6)

  1. Agilol-ebay@yahoo.com am 06.12.2020
    Frau Michael, es mag zwar toll klingen, wenn man sich auf renommierte Biologen bezieht. Aber sie haben übersehen: selbst Prof Reichholf befürwortet die Jagd, und zwar noch viel intensiver, als sie momentan durchgeführt wird, siehe:
    https://m.geo.de/natur/tierwelt/23577-rtkl-jagd-und-wald-rehe-als-waldschaedlinge-zoologe-erklaert-warum-mehr
  2. Agilol-ebay@yahoo.com am 05.12.2020
    @Menschen für Tierrechte BW: ach, es wäre so einfach, würde man nur die Ursache statt das Symptom bekämpfen. Dieses Argument ist immer so simpel, wenn man nur nach dem ersten Kausalzusammenhang gleich wieder aufhört, weiter zu denken. Alles andere als einfach ist es hingegen, wenn man noch 1-2 Schritte weiter denkt. Die relevanten Fragen, die sich dann anschließen wären zum Beispiel: Warum haben wir denn eine landwirtschaftliche Tierhaltung im aktuellen Ausmaß? Warum essen wir derart viel Fleisch? Warum gibt es den Preiskampf um Lebenmittel in den Discountern? Wie definiert man "ursprüngliche Natur"? Und wer zahlt den finanziellen Verlust, den die Wiederherstellung der ursprünglichen Natur für den jeweiligen Grundeigentümer bedeuten würde? Ja, bei den sich anschließenden Fragen wird es leider kompliziert, schwierig und unangenehm. Da ist es leichter, nur den ersten Schritt zu denken, sich kopfschüttelnd zurück zulegen und entrüstet über die doch ach so klare Lage zu dozieren. Mit diesem eingeschränkten Ansatz ändert sich nix.
  3. Julia Thielert am 03.12.2020
    Wann immer man ein Problem lösen möchte, sollte man schauen, warum es überhaupt existiert. Symptombehandlung statt Ursachenbekämpfung ist eigentlich nie nachhaltig effektiv. Wieso existieren Überpopulationen? Dafür gibt es zwei hauptsächliche Gründe. Der erste ist die massive Bejagung bis hin zur Ausrottung der Prädatoren. Einer der hauptsächlichen Gründe ist hier der Schutz von sogenannten Nutztieren. Dieser Konflikt lässt sich auch beim Wolf gerade sehr gut beobachten. Der zweite Grund ist die Zerstörung von Lebensräumen. Wildtiere haben heute kaum noch ungestörte Habitate, ihr Lebensraum sinkt kontinuierlich. Hier ist der Hauptgrund die landwirtschaftliche Tierhaltung, welche enorme Flächen beansprucht. Das Größte, was wir zur Ursachenbekämpfung tun könnten, wäre eine Abkehr von der landwirtschaftlichen Tierhaltung. Pflanzliche Lebensmittel benötigen deutlich weniger Fläche, diese frei werdenden Flächen könnte man in Rewilding Projekte einfügen. Das beutet die Herstellung ursprünglicher Natur, mit Wiederaufforstung und Ansiedlung von Tieren, auch Prädatoren. Solche Projekte gab es schon. Die Yellowstone Nationalpark wurde die Jagd verboten und es wurden Wölfe angesiedelt. Seitdem ist das Ökosystem dort so vielfältig und gesund wie nie zuvor. Man muss das Grundproblem, welches wir erzeugt haben, entfernen. In diesem, wie in vielen weiteren Fällen, die landwirtschaftliche Tierhaltung. Dann sollte eine Wiederherstellung einer intakten Natur beginnen. Stattdessen greifen wir aber lieber zu Waffen. Humanere Lösungen existieren bereits. In manchen Gebieten der USA wurde großflächig mit Empfängnisverhütung gearbeitet, die Wildtierpopulationen gingen bis zu 60 % zurück. Wie kann es sein, dass wir auf den Mond fliegen können, aber keine andere Lösung als Gewalt haben sollen? Warum wird nicht nach alternativen Methoden geforscht? Viele europäische Nationalparks sind seit Jahrzehnten jagdfrei, wir wissen also, dass es funktioniert. Das die Jagd nicht funktioniert wissen wir ebenfalls. 2019 haben wir z. B. 55 Millionen Wildschweine erschossen, trotzdem sinken die Bestände nie nachhaltig. Auch der Angst vor angeblichem Verbiss ist nicht so selbstlos, wie er im ersten Augenblick klingen mag. Hier geht es vor allem um die Wiederaufforstung der Holzindustrie. Wollen wir dem Wald wirklich helfen, brauchen wir wieder mehr Mischwälder. Rehe und Hirsche helfen laut einer neuen Studie sogar bei der Waldverjüngung, weil sie Samen in Fell und Kot verbreiten.
  4. Eva Linkogel am 27.11.2020
    Nein, auf keinen Fall ! Jagd reguliert nicht ! Und das müsste eigentlich den Jägern auch klar sein. Aber nein, sie wollen es nicht wahr haben, denn die meisten betrachten es als Hobby und möchten schiessen.
    Allein der unsinnige Fuchsabschuss zeigt schon, wie wenig Ahnung sie von den Zusammenhängen in der Natur haben. Mit einem grünen Abitur, das bereits in 2-4 Wochen erlangt werden kann, schwingen sie sich zu "Experten" auf. Ihre Arroganz ist nicht mehr zu ertragen. Und wirkliche Expertenmeinung, wie z.B. von Herrn Reichholf, wird nicht beachtet, denn man hat das ruhmreiche grüne Abitur. Die Wälder sind verkommen zu riesigen Schlachtfeldern, in denen sich Leute mit ihrem blutigen Hobby verlustieren.
    Hobbyjagd muss abgeschafft werden. Dafür Einsatz von gut ausgebildeten Hegern !!!
  5. white.wolves@gmx.de am 27.11.2020
    Für mich passen Jagd und Naturschutz nicht zusammen. Wenn ich etwas töte, dann schütze ich es nicht. Überall wo der Mensch eingreift, wird das Gleichgewicht zerstört. Und wenn es um den Schutz des Waldes vor verbiss geht: Wo der Wolf jagt, wächst der Wald (altes sibirisches Sprichwort).
  6. michael.piesskalla@freenet.de am 26.11.2020
    Die Wahrheit liegt wie so oft zwischen beiden Positionen.

    Der BUND Naturschutz propagiert - im Widerspruch zu dem Etikett, mit dem er sich durch seinen Namen versieht, ein Zusammenschießen der Schalenwildbestände (die auch zur "Natur" gehören). Hierunter leiden das Rehwild und die von der FFH-RIchtlinie besonders geschützte Gams besonders. Dies mit dem ewig gestrigen und unzutreffenden Argument, untragbaren Verbiss gebe es nur wegen überhöhter Wildbestände. Wer das hinterfragt, wird beim Blick in die Staatsforsten bestätigt: Dort wird radikal gejagt, das Rehwild also weitgehend reduziert, dennoch gibt es flächendeckend Schutzmaßnahmen. Warum? Weil sie erforderlich sind! Will heißen: Verjüngung bei den heute gewünschten Baumarten (Tanne, Douglasie, Roteiche) ohne Einzelschutz funktioniert in der Praxis eben nicht. Warum? Weil diese seltenen Baumarten für Rehe einen Leckerbissen im Einheitsbrei der Fichtenmonokulturen darstellen. Das hat also nichts mit "überhöhten" Wildbeständen oder bösen Gamsbartträgern zu tun, die Rehe füttern und die Bestände künstlich erhöhen. Auch wenige Rehe können eine Verjüngungsfläche verbeißen, verhindern kann man das nur mit Totalabschuss. Die Notwendigkeit des Waldumbaues haben uns übrigens die Urgroßväter jener Schlaumeier eingebrockt, die vor Jahrzehnten ausschließlich auf die Fichte setzten. Auch damals wusste man alles besser. Es ging nicht auf, und nun soll das Wild dafür büßen, weil es die Frechheit besitzt, auch mal Tannen und Douglasien zu verspeisen.

    Die Position der PETA ist ebensowenig überzeugend. Dass sich im Kanton Genf das Wild selbst reguliere, ist ein Ammenmärchen. Was es dort tatsächlich nicht gibt, ist die "Hobbyjagd". Es werden stattdessen staatlich finanzierte Jäger eingesetzt, die jährlich erheblich Strecke machen. Nachdem die Wildbestände nach Ende der "Milizjagd" in den 70ern teilweise völlig zusammenbrachen, sind auch Projekte der Aussiedelung kläglich gescheitert. Von Selbstregulierung also keine Spur. Woran liegt es? Vermutlich daran, dass wir eben größtenteils nicht in der "unberührten Natur", sondern in einer Kulturlandschaft leben. Und in der hat die Jagd, wenn sie sinn- und maßvoll ausgeübt wird, eine regulierende Funktion.

    Interessant ist, wo beide Positionen sich finden: Bei der Ablehnung der Fuchsbejagung etwa. Dass überhöhte Zahlen zu Fuchsräude führen können oder das Niederwild (Hasen, Fasane) leiden lassen, scheint egal. PETA ist, weil man den Rückgang des Hasenbestandes beklagt, zwar in der Erfassung der Zusammenhänge nicht ganz widerspruchsfrei, aber immerhin in der generellen Ablehnung der Tötung von Tieren konsequent. Das verdient Respekt, auch wenn man es anders sieht. Der BUND hingegen nimmt meiner Meinung nach eine unhaltbare, allein von wirtschaftlichen Interessen der Waldbesitzer bestimmte Position ein: Er findet Füchse nämlich deshalb gut, weil sie das "waldschädigende" Rehwild, an dem man sich so sehr stört, bereits im Kitzalter verspeisen. Sie nehmen den Förstern somit das Töten ab.

    Tatsächlich, lieber BUND, gibt es keine Wildtiere erster und zweiter Klasse. Die heute vertretene Position ist für einen Naturschutzverband nicht akzeptabel.

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