Politik

07.04.2022

Soll das anlasslose Testen in Schulen sofort beendet werden?

Ab 1. Mai verzichtet Bayern auf Corona-Schultests. Einen sofortigen Stopp hält der Arzt und CSU-Politiker Stephan Pilsinger für verantwortungslos. Jugend- und Kinderärzte wie Jakob Maske fordern dagegen schon länger ein Ende des Testens gesunder Kinder. Er betont: "Damit muss jetzt Schluss sein"

JA

Jakob Maske, Kinderarzt und Bundespressesprecher des Bundesverbands für Kinder- und Jugendärzte (BVKJ)

Kinder und Jugendliche sind die einzige relevante Gruppe, die zu anlasslosen Corona-Tests gezwungen ist, auf der anderen Seite aber auch die einzige Gruppe, die durch die Infektion nur in absoluten Ausnahmefällen schwere Komplikationen erfährt.

Anlasslose Tests, also Tests bei gesunden Kindern und Jugendlichen, haben nur eine Sensitivität von knapp 40 Prozent, diese wird nochmals durch falsche Anwendung gerade bei kleineren Kindern reduziert. Dies führt sowohl zu falsch negativen als auch zu falsch positiven Testergebnissen.

Dabei führen falsch negative Testergebnisse in der Regel zu einem falschen Sicherheitsgefühl, was dazu führt, dass die Grundhygienemaßnahmen nicht mehr konsequent eingehalten werden.

Falsch positive Ergebnisse führen dagegen zu einer fälschlichen Isolierung der Kinder und teilweise auch ihrer Familien, die erneut zum Abbruch sozialer Kontakte und zu einer weiteren Reduzierung des schulischen Lernens führt.

Viel schlimmer sind jedoch die negativen psychologischen Auswirkungen, die sich zunehmend häufig in Form von psychiatrischen Erkrankungen in unseren Praxen zeigen. Nicht nur unsere Beobachtungen in der Praxis, sondern auch zahlreiche Untersuchungen zeigen mittlerweile sehr genau, dass die Zahl der Jugendlichen mit depressiven Symptomen, Essstörungen, Suizide, Zwangsstörungen et cetera dramatisch zugenommen haben. Und dies alles nur, um die Gruppen derer zu schützen, die tatsächlich schwer durch das Coronavirus erkranken.

Damit muss jetzt endlich Schluss sein! Kinder und Jugendliche dürfen nicht mehr für den Schutz der Erwachsenen herhalten, diese haben mittlerweile ausreichend eigene Möglichkeiten, sich selbst zu schützen, und sind auf die Solidarität der Minderjährigen nicht mehr angewiesen. Politik und Gesellschaft müssen endlich wieder die Rechte der Kinder und Jugendlichen respektieren und dafür sorgen, dass auch sie wieder ein nahezu normales Leben führen können.
 

NEIN

Stephan Pilsinger, Arzt und gesundheitspolitischer Sprecher der CSU-Landesgruppe im Bundestag

Ein sofortiger Stopp der Testungen von Kindern und Jugendlichen in Kindergärten und Schulen wäre verfrüht und verantwortungslos. Auch wenn wir den Scheitelpunkt der Omikron-Welle hinter uns haben, sind die derzeitigen Zahlen der täglichen Neuinfektionen noch klar zu hoch, um diesen Schritt jetzt gehen zu können.

In einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Techno- und Wirtschaftsmathematik konnte im Zeitraum Ende Januar 2021 bis Mitte Mai 2021 nachgewiesen werden, dass die anlasslosen Tests in Schulen und Kitas die sogenannte Entdeckungsrate deutlich erhöht haben. Das heißt, dass infizierte Kinder, die vorher keine Symptome gezeigt oder sich nicht in ärztliche Behandlung begeben hatten, erst durch die Tests als „positiv“ erkannt wurden. Je häufiger die Tests an Schulen und Kitas durchgeführt wurden, desto eher wurden Infizierte erkannt und in Quarantäne geschickt, womit die Zahl der Neuinfektionen deutlich zurückging. Ließ man die Tests weg, stieg die Zahl der Neuinfizierten wieder signifikant an. Durch die Schultests werden darüber hinaus auch Infektionen bei Kindern erkannt, bei denen Testungen im Elternhaus keine Rolle spielen. Das sollte man auch bedenken.

Bei dem anhaltend kalten Wetter und den derzeit noch häufig bestehenden Übertragungsgelegenheiten in Innenräumen wie eben den Schulen und Kindergärten ist es mehr als geboten, die Osterferien plus einer Zusatzwoche abzuwarten, also noch bis Ende April flächendeckend zu testen, wie es etwa Bayern handhaben wird. Ab Mai ist die Erkrankungssaison für Atemwegserreger, wie das Coronavirus nun einmal auch einer ist, mit Sicherheit ausgeklungen. Dann können wir mit wärmeren Temperaturen und entsprechend niedrigen Infektionszahlen rechnen, sodass wir mit gutem Gewissen die anlasslosen Tests an den Schulen und Kitas einstellen können. Das haben unsere Jüngsten auch wirklich verdient.

Kommentare (1)

  1. Guido Judex am 08.04.2022
    Man kann sicher so argumentieren wie Hr Pilsinger das tut. Damit lässt er aber alle korrekten Argumente von Hr. Maske einfach links liegen.
    Die von ihm erwähnte Studie bezieht sich auf die dritte Welle, in der eine gänzlich andere Situation herrschte.
    Die Impfungen hatten gerade erst begonnen, Schnelltests waren noch Mangelware, vor allem aber hatten wir es noch mit anderen Virustypen zu tun.
    Wie Larremore et al. 2021 zeigen, und von uns für die Situation in Βαyern in der WICOVIR Studie bestätigt werden konnte, haben regelmäßige Testungen unter bestimmten Bedingungen (!) einen großen Effekt auf ein Infektionsgeschehen.
    Generell sehr entscheidende Punkte sind, u.a., die Häufigkeit der Testungen in Abhängigkeit von der Inkubationszeit, die Zeit bis zum Vorliegen des Einzelbefundes beim Pooltest und, selbstverständlich, die Sensitivität und die Spezifität der angewandten Testmethode.
    Hr. Maske hat hier richtigerweise auf die schlechte Sensitivität der Schnelltests bei Omikron, vor allem in der frühen Phase der Infektion hingewiesen. Hier liegen deutlich zu oft noch negative Testbefunde in Phasen der hohen Ansteckungsfähigkeit vor.
    Auch scheint die Qualität der Tests die in den Schulen angewandt werden nach vielen Berichten maximal fragwürdig zu sein.
    Ebenso führen aber, wir auch ausgeführt, falsch positive Test (vor allem beim Schnelltest, aber auch bei der PCR, am ehesten durch Verunreinigung) zu völlig sinnlosen Isolationsphasen.
    Zumal die rechtliche Regelung, entgegen der sonst üblichen medizinischen Praxis, keine Revidierung eines falsch positiven PCR Befundes zulässt!
    Somit werden zwar sicher, wie Hr. Pilsinger ausführt, einzelne Infektionen frühzeitig durch die anlasslosen Tests in Schule und KiTa aufgespürt. Allerdings ist in der jetzigen Phase der Pandemie, mit einer kürzeren Inkubationszeit der Omikronvariante und einer schlechten Sensitivität der Schnelltests in der Frühphase der Erkrankung, ein Effekt auf das generelle Infektionsgeschehen nicht mehr zu erwarten.
    Und hierzu kann eben Arbeit aus völlig anderen Umständen zur Argumentation NICHT herangezogen werden.

    Aber ganz abgesehen von den oben aufgeführten Argumenten bleibt die sehr grundsätzliche Frage, warum, immer und immer wieder, seit Beginn der Pandemie, die Kinder und Jugendlichen für die Fehler der Erwachsenen herhalten müssen!
    In keinem anderen Umfeld wurde so lange und so umfassend getestet. Nicht mal im medizinischen Bereich!

    Nicht in Betrieben, nicht in Ämtern, und ganz sicher nicht im Landtag. Obwohl auch hier Menschen aus verschiedensten Gruppierungen zusammen kommen, und, bekanntermaßen, längst nicht alle Mitglieder des Landtages begeisterte Anhänger der Pandemiemaßnahmen sind. (Hr Pilsinger argumentiert ja auch, man müsse die Kinder testen, da es zu Hause nicht immer zuverlässig stattfinde; also, anstatt die Erwachsenen in die Pflicht zu nehmen werden die Kinder zwangsverpflichtet).

    Die Gruppe der nicht-wahlberechtigten Bürger:innen, also die Kinder und Jugendlichen die eben keine eigene Möglichkeit zur politischen Mitbestimmung hat, ist nun seit über zwei Jahren die am meisten von allen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie am meisten betroffene.
    Kinder und Jugendliche sind aber nicht die Bevölkerungsgruppe, die die schlechte Impfquote zu verantworten hat.
    Sie sind auch nicht die Bevölkerungsgruppe, die das Zunehmende Ausdünnen der medizinischen Versorgung in den letzten Jahrzehnten zu verantworten hat.

    Aber sie sind sicher die Bevölkerungsgruppe, die die Maßnahmen der letzten zwei Jahre am klaglosesten hingenommen hat, auch wenn sie, verglichen mit der Lebenszeit, und der Dichte der Erfahrungen in dieser Zeit, die meisten Einbußen hatten.
    Ein Kind mit sechs Jahren hat ein Drittel seines Lebens unter Pandemiemaßnahmen verbracht!

    Insofern ist aus meiner Sicht, weder sachlich-fachlich, noch aus persönlicher Sicht auf das Kindeswohl, eine Fortführung der anlasslosen Testung in KiTa und Schule in keiner Weise mehr gerechtfertigt.
    Zumal ja offensichtlich den wahlberechtigten Erwachsenen die viel effektiveren und billigeren Maßnahmen der Pandemiekontrolle, wie z.B. das Tragen von Masken, nicht mehr zugemutet werden kann.

    Guido Judex
    Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde
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