Politik

16.02.2023

Soll Werbung für ungesunde Kinder-Lebensmittel verboten werden?

Bundesernährungsminister Cem Özdemir (Grüne) will an Kinder gerichtete Werbung für Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- und Salzgehalt in Sendungen und Formaten für unter 14-Jährige verbieten. Unterstützung findet er dabei bei Luise Molling von Foodwatch. Gegen dieses Verbot spricht sich Christoph Minhoff vom Lebensmittelverband Deutschland aus

JA

Luise Molling, Leiterin Recherche und Kampagnen bei Foodwatch Deutschland

Kinder essen hierzulande nicht mal halb so viel Obst und Gemüse, aber mehr als doppelt so viel Süßigkeiten und Snacks wie empfohlen. 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind übergewichtig, 6 Prozent sogar adipös, die Tendenz ist steigend. Mittlerweile ist jeder siebte Todesfall auf ungesunde Ernährung zurückzuführen – damit sterben an Burger, Cola und Co. etwa genauso viele Menschen wie am Rauchen.

Die Lebensmittelindustrie befeuert diese Entwicklung. Die Produkte, die sie an Kinder vermarktet, sind fast ausschließlich ungesund. Comicfiguren werben auf zuckrigen Frühstücksflocken, Influencer*innen posieren mit Cola und Burger – und auch im Fernsehen, bei Sportevents und auf Plakaten werden junge Menschen mit Junkfood-Werbung geködert.

Allein die Süßwarenindustrie hat in Deutschland im Jahr 2021 mehr als 1 Milliarde Euro für Werbung ausgegeben. Die Branche weiß, dass ihr Geld gut angelegt ist: Lebensmittelwerbung prägt nachweislich das Ernährungsverhalten von Kindern und erhöht den Verzehr. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass gesetzliche Werbebeschränkungen zu einem Rückgang des Junkfood-Konsums führen. Freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie haben hingegen keinerlei positiven Effekt.

Um Fehlernährung zu bekämpfen und die „Adipositas-Epidemie“ einzudämmen, fordern deshalb rund 40 Organisationen, dass Comicfiguren, Influencer*innen und bei Kindern beliebte Promis nur noch für gesunde Lebensmittel werben dürfen. Zu den Unterstützenden der Kampagne gehören neben Foodwatch unter anderem die Krankenkasse AOK, das Deutsche Kinderhilfswerk, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sowie die Stiftung Deutsche Krebshilfe.

Im TV und Internet sollte zwischen 6 und 23 Uhr keine Junkfood-Werbung mehr laufen. Rund um Schulen, Kitas und Spielplätze sollte es eine Plakat-Bannmeile geben. Dies würde die Gesundheit junger Menschen schützen und es Eltern erleichtern, ihre Kinder für eine gesunde Ernährung zu begeistern. 
 

NEIN

Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Lebensmittelverbands Deutschland

Auf den ersten Blick scheint die Antwort auf diese Frage vermutlich für viele Menschen banal. Doch beim zweiten Blick kommt man ins Grübeln. Denn es wären mindestens zwei Fragen zu stellen, bevor die Frage auch nur diskutiert werden kann. Da wäre zum einen die Frage nach dem Warum? Und da wäre zum anderen die Frage nach dem Was?

Was sind eigentlich „ungesunde“ Kinder-Lebensmittel? Bei genauerem Überlegen ist die Antwort auf die zweite Frage klar: Lebensmittel sind nicht per se gesund oder ungesund, vielmehr finden alle Lebensmittel in einer ausgewogenen Ernährung ihren Platz! „Ungesunde“ Lebensmittel gibt es also nicht. Wenn es per se keine „ungesunden“ Lebensmittel gibt, dann müssen wir die Frage umformulieren: „Sollte Werbung für Kinder-Lebensmittel verboten werden?“ Tatsächlich ist auch der Begriff „Kinder-Lebensmittel“ nicht definiert, also fragen wir: „Sollte Werbung für Lebensmittel verboten werden?“

Gemeinhin wird an dieser Stelle argumentiert, dass Werbung zu einem höheren Verzehr und damit zu Übergewicht oder gar Krankheiten führt. Wir stellen fest: Objektiv betrachtet wird der Einfluss von Werbung auf die Energiebilanz beziehungsweise Gewichtsentwicklung deutlich überschätzt. Eine Vielzahl von Faktoren ist entscheidend: der (familiäre) Lebensstil, das Rollenvorbild der Eltern, das Bewegungsverhalten im Alltag, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Lösung des eigentlichen Problems ist also komplex!

Wir sind der Meinung, dass wir als Gesellschaft alle zusammenarbeiten müssen und jeder seinen Teil leisten muss. Die Lebensmittelwirtschaft reduziert in vielen Lebensmitteln Zucker, Fett und Salz, nämlich da, wo es technologisch und geschmacklich sinnvoll ist. Und es sollte nicht vergessen werden – Lebensmittelwerbung, gerade solche, die sich gezielt an unter 14-Jährige richtet, ist in Deutschland bereits umfassend reguliert. Die Antwort auf die Frage kann nur Nein lauten.

Kommentare (1)

  1. Rudi Seibt am 16.02.2023
    Natürlich JA. Die gesellschaftlichen Kosten von ungesundem Verhalten, egal ob Gumminbärchen, Sahnetorte, Haxn oder Burger, zahlen wir alle. Da die netten Apelle an eine freiwillige Salz- oder Zuckerbeschränkung bei den Unvernünftigen und den ebenso unvernünftigen Unternehmen wirkunslos verhallen, ist die Animation dazu der ncäste kleine Schritt.
    Herr Minhoff als Umsatz-Interessenvertreter ist sicher nicht der passende Gesprächspartner bei diesem Thema. Und natürlich ist auch Fettleibigkeit ein komplexes Thema, z.B. die auf dem Land gern gesehenen dickbauchigen Männer sind ein kulturelles Eigentor. Ein BMI >30 ist deprimierend und belastet die Rentenversicherung, die Krankenversicherung. Ok, Fette sterben früher, das könnten böse Zungen als Vorteil auslegen. Ein Mosaikstein darin ist die Früherziehung. Wenn unvernünftige Eltern das nicht auf die Reihe kriegen, dann ist die Reklame-Ächtung ein wichtiger Baustein.
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