Politik

20.01.2022

Sollen mehrtägige Klassenfahrten vorerst bis Ostern ausgesetzt bleiben?

Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) hat nichts gegen eintägige Ausflüge. Aber mehrtägige Klassenfahrten sollten angesichts der steigenden Corona-Zahlen unterbleiben. Das findet Klaus Umbach, Präsident des Landesverbands Bayern im Deutschen Jugendherbergswerk, gar nicht. Er sorgt sich um die psychosoziale Gesundheit der Heranwachsenden.

JA

Michael Piazolo (Freie Wähler), bayerischer Kultusminister

Klassenfahrten sind für das soziale Miteinander unserer Schülerinnen und Schüler sehr wichtig. Auf einer Fahrt lernen sich alle noch mal ganz anders kennen – gerade auf mehrtägigen Klassenfahrten. Deswegen stärken Klassenfahrten dauerhaft die Klassengemeinschaft. Davon profitieren letztendlich auch der Unterricht und das gemeinsame Lernen.

Zu Beginn des Schuljahrs waren mehrtägige Klassenfahrten noch möglich. Aufgrund des Infektionsgeschehens – aktuell insbesondere auch mit Blick auf die Ausbreitung der Omikron-Variante – mussten wir die Schulen leider darum bitten, geplante beziehungsweise gebuchte mehrtägige Schülerfahrten nun bis zu den Osterferien abzusagen. Diese Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen, haben wir aber hinsichtlich der stark steigenden Infektionszahlen zum gegenwärtigen Zeitpunkt so getroffen. Bei mehrtägigen Fahrten kann zum Beispiel aufgrund des engen Kontakts der Schülerinnen und Schüler und der gemeinsamen Übernachtungen in Mehrbettzimmern nicht rund um die Uhr der volle Infektionsschutz zufriedenstellend gewährleistet werden. Die Gesundheit unserer Schülerinnen und Schüler, aber auch unserer Lehrkräfte hat jedoch immer oberste Priorität.

Eintägige Schülerfahrten wie zum Beispiel Besuche im Museum oder Theater oder auch Exkursionen können jedoch weiterhin stattfinden. Auch hier begegnen sich die Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte ganz anders als in der Schule. Außerdem lassen sich im Gegensatz zu den mehrtägigen Klassenfahrten die Hygieneregeln wie Abstand, Masken und Lüften deutlich besser einhalten. Natürlich müssen auch bei den eintägigen Schülerfahrten etwa in Museen oder Gedenkstätten die geltenden infektionsschutzrechtlichen Zugangsbeschränkungen des jeweiligen Betreibers genau eingehalten werden.

Natürlich wünsche ich mir, dass bald auch wieder mehrtägige Klassenfahrten stattfinden können, weil diese den Schülerinnen und Schülern oft noch Jahre in unvergesslicher Erinnerung bleiben.

 

NEIN

Klaus Umbach, Präsident des Landesverbands Bayern im Deutschen Jugendherbergswerk

Es mutet zumindest seltsam an, wenn man angesichts der Omikron-Welle eng beieinandersteht, Ungeimpfte sich zwischen Geboosterten drängeln oder man gemeinsam am Tisch aufeinander einredet, gestikuliert und herzhaft lacht; womöglich ohne Maske. Die Rede ist übrigens nicht von Klassenfahrten, sondern vom ÖPNV, dem Einzelhandel und Restaurants.

Das ist jedoch nicht der Ansatz, mehrtägigen Schul- und Klassenfahrten das Wort zu reden. Es geht nicht darum, Gleichbehandlung zwischen Dingen einzufordern, die kaum vergleichbar sind. Denn hier treffen rein wirtschaftliche Interessen einerseits auf nichts Schwerwiegenderes als die körperliche und psychosoziale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.

Was dieses Wohlergehen mit Klassenfahrten zu tun hat: Junge Menschen haben in der Phase des Heranwachsens verschiedene Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Zentral sind die Erlangung von Autonomie, die Herausbildung von Moral- und Wertevorstellungen oder die Entwicklung einer individuellen Identität. Sie können diese Aufgaben vor allem in der Gemeinschaft von Gleichaltrigen bewältigen; Elternhaus oder Schule bilden allenfalls „Leitplanken“. Hier schließt sich der Kreis, denn Klassenfahrten sind genau dafür da. Sie schaffen Räume und Gelegenheiten zum Kompetenzerwerb, sie sind unverzichtbare Orte der Interaktion, sie ermöglichen es, Selbstwirksamkeit zu erfahren.

Kinder und Jugendliche waren schon in früheren Phasen der Pandemie am meisten eingeschränkt. Richtig daher, dass die Staatsregierung über Lockerungen der strengen Regeln für die Jugendarbeit nachdenkt. Jetzt einen pauschalen Bann auf Klassenfahrten bis mindestens Ostern zu legen, wird weder der dynamischen pandemischen Lage noch dem gerecht, was wir unseren Kindern und Jugendlichen jetzt und vollumfänglich ermöglichen müssen: Sie brauchen die Gemeinschaft und Klassenfahrten, die – was Sicherheits- und Hygienekonzepte anbelangt – übrigens einem regulären täglichen Schulbesuch in nichts nachstehen.

 

 

Kommentare (4)

  1. Markus Seibel am 26.01.2022
    Als Geschäftsführer einer gemeinnützigen GmbH mit zwei Schullandheimen in Unterfranken (die eigenwirtschaftlich arbeiten muss und keine dauerhafte oder institutionelle Förderung erhält) kann ich nur den Kopf schütteln und frage mich, wo das "Team Augenmaß" aus München Augenmaß hat und anwendet. Nun dürfen also wieder bis 10.000 Menschen in Stadien (ich gönne es ihnen ja), aber eine Klassenfahrt in einem quasi geschützten Raum wie einem Schullandheim ist aus Infektionsschutz-Gründen zu riskant. Seltsam.

    Ich kann nur den Aussagen der Kollegen aus Mittelfranken zustimmen, "Wo sind Schulkinder sicherer vor Ansteckung?" (getestet vor Anfahrt, regelmäßige Testungen wie in der Schule, feste Gruppe, KEINE Busfahrten vor/nach der Schule, KEINE Besuche in Kino oder gar in der bayerischen Gastronomie usw.).

    Die Schullandheime, die oftmals nur eingeschränkter(e) Möglichkeiten haben, auf andere Gästegruppen auszuweichen, trifft die aktuelle Regelung entsprechend. Es ist nur zu hoffen, dass diese für die Kinder und Jugendlichen so wichtigen Einrichtungen Corona überstehen und auch in Zukunft für die Vermittlung von Sozialkompetenzen - aber auch lehrplanbezogener Inhalte - in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen.
  2. Kathrin am 24.01.2022
    Es gibt doch auch keine Einschränkungen für Gruppenreisen bei den Erwachsenen, die alterbdingt sogar ein wesentlich höheres Risiko auf schwere Erkrankungen haben. Jetzt müssen die Kinder wieder zu deren Schutz verzichten, zumal viele bereits geimpft sind? Andere europäische Länder haben es vorgemacht und die Priorität auf Kinder gelegt, damit hier möglichst wenige Schädigungen entstehen.
  3. Maximilian Gaul am 24.01.2022
    1)
    Gedanken von Lehrkräften und des Schullandheimwerks Mittelfranken e.V.

    Für Lehrerinnen, die im November 2021 mit 2 dritten Klassen einen 8-tägigen Schullandheimaufenthalt im Schullandheim Schloss Obersteinbach durchgeführt haben, stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser kultusministeriellen Empfehlung.
    Wo sind Schulkinder sicherer vor Ansteckung?
    In einer geschlossenen Gruppe, die getestet die Fahrt antritt, in ein Haus mit getestetem Personal kommt, als einzige Gruppe im Schullandheim ist, feste Sitzordnung im Speisesaal hat, sich im Haus mit Maske bewegt und mit Testungen an jedem 2. Tag den den Schulen vorgegebenen Hygienevorschriften entspricht?

    Alle Kinder genossen es, in der Klassengemeinschaft rund um die Uhr zusammen zu sein. Wo kann Sozialkompetenz besser eingeübt werden und somit den negativen Auswirkungen der durch Coronamaßnahmen verursachten psychischen Herausforderungen entgegengewirkt werden?

    Tagesfahrten in Städte und Museen sind hingegen erlaubt. Hier treffen Teilnehmende auf die verschiedenartigsten Kontaktpartner.

    Die Auswirkungen dieser kultusministeriellen Bitte an die Schulen auf das Schullandheimwerk Mittelfranken e.V. und die weiteren Schullandheime in Bayern sind desaströs.

    Aufenthalte wurden und werden immer noch abgesagt, die dringend benötigten Einnahmen des gemeinnützigen Vereins Schullandheimwerk Mittelfranken e.V. fallen weg. Schullandheimwerk Mittelfranken e.V., das ist ein Verein der vor vielen Jahren (1954) von Lehrerinnen und Lehrern gegründet wurde, die alle auch im NLLV oder BLLV engagiert waren. Der Vorgängerverein bereits im Jahr 1929 mit der Wülzburg als Schullandheim.

    Enorme (Zusatz-)Arbeiten fallen für die Geschäftsstelle an. Kontakte mit den verunsicherten Kolleginnen und Kollegen aus Schulen nehmen viel Zeit in Anspruch. Die Beantragung der staatlichen Unterstützungen, die es dankenswerter Weise gibt, und deren Abrechnung werden auf die „normalen“ Arbeiten zusätzlich draufgepackt.

    Überstehen unsere mittelfränkischen Schullandheime in Bad Windsheim, Heidenheim, Obersteinbach und Vorra und die Geschäftsstelle im Haus des Lehrers in Nürnberg diese Schwierigkeiten, fehlt durch die Zeiten ohne Belegungen dennoch zusätzlich der Teil der Einnahmen, der für dringende Investitionen und für die Instandhaltung nötig ist.

    Einige langjährige Mitarbeiterinnen haben sich neue, sicherere Arbeitsstellen gesucht.


    Max. Gaul Maria Maibom StefanRoth
    Vorstand Schullandheimwerk Mittelfranken e.V.
  4. Gerhard Koller am 24.01.2022
    Gerade angesichts der sozialen Rückstände, die bei vielen Schülerinnen und Schülern durch die Pandemie zu verzeichnen sind, wären mehrtägige Schülerfahrten - gut vorbereitet und Lehrplan bezogen - ein wichtiger Baustein, um das Miteinander in den Schulen zu fördern und wieder Gemeinschaft (als Voraussetzung für teamorientiertes Lernen) erleben zu lassen. Die in den Jugendherbergen und Schullandheimen getroffenen Vorkehrungen lassen solche mehrtägige Fahrten zu einem deutlich geringeren Risiko werden als der Alltag der Schülerinnen und Schüler im Wohnumfeld. Wenn Fußballstadien wieder geöffnet werden können, warum sollten dann mehrtägige Fahrten „von oben“ verboten bleiben?
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