Politik

Die Einsamkeit während des Lockdowns halten manche Menschen ohne Alkohol kaum aus. (Foto: dpa/Alexander Heinl)

08.01.2021

"Sucht und Depressionen nehmen weiter zu"

Der Münchner Suchtmediziner Tobias Rüther über die fatalen Auswirkungen der Corona-Krise, nötige Präventionsmaßnahmen und die Entkriminalisierung von Drogen

In der Corona-Krise trinken viele Menschen mehr Alkohol, auch der Konsum illegaler Drogen steigt. Der Münchner Suchtforscher Tobias Rüther hält jedoch nichts davon, abhängige Menschen zu bestrafen. Dies bringe nichts – außer vollen Gefängnissen, sagt er im BSZ-Interview.

BSZ: Herr Rüther, es ist Winter, Lockdown, Freunde soll man nicht treffen und Hallensport ist verboten. Was bleibt einem da, außer zu trinken?
Rüther: Es gibt sieben gute Gründe zu trinken: Montag, Dienstag, ... (lacht) Im Ernst: An den Verkaufszahlen zeigt sich, dass die Menschen in der Corona-Krise mehr Alkohol trinken. Auch der Konsum von anderen Drogen hat zugenommen. Es gibt aber natürlich auch im Lockdown Tausende Alternativen zum Trinken.

BSZ: Welche Auswirkungen haben Corona-Maßnahmen generell auf das Suchtverhalten?
Rüther: Wir Psychiater sagen drogensüchtigen Menschen immer: Geht raus, sucht Freunde, tretet Vereinen bei. Das ist jetzt alles verboten und lässt sich online nur schwer ausgleichen. Auch das Wort Social Distancing ist schief, weil es Physical Distancing heißen müsste. So nehmen Sucht, Depressionen und vermutlich auch Suizide weiter zu.

BSZ: Sind Jugendliche suchtgefährdeter als ältere Menschen?
Rüther: Ich habe einige depressive junge Menschen gesehen, die neu in der Stadt sind und keinen Anschluss finden. Jetzt durch den Lockdown kommen sie gar nicht mehr raus. Da erscheint Alkohol mit seiner belohnenden und angstlösenden Wirkung wie eine Lösung. Das größte Problem entsteht aber auch in Familien, die häufig auf engem Raum zusammenleben. Wenn der Vater oder die Mutter trinkt, sind Aggressionen vorprogrammiert. Wer noch ein normales Sozialleben am Arbeitsplatz hat, kommt etwas leichter durch die Krise.

BSZ: Viele Suchteinrichtungen wie Ihre Suchtambulanz am Klinikum konnten während der Lockdowns keine Treffen anbieten. Können die Online-Sprechstunden das ausgleichen?
Rüther: Ja, das hat uns selbst überrascht. Natürlich geht das ein wenig auf Kosten der Qualität. Ob mit Mundschutz vor Ort oder ohne am Computer schenkt sich aber nicht viel. Unsere gute Entwöhnungsquote von 50 Prozent bei den RauchfreiKursen hat sich nicht viel geändert. Vor zehn Jahren wäre eine solche Krise für abhängige Menschen eine deutlich größere Katastrophe gewesen. Natürlich müssen Kursleiter online aber neue Wege gehen, nicht alles lässt sich eins zu eins übertragen. Auch manche Teilnehmer müssen noch lernen, sich nicht aus Autos oder öffentlichen Verkehrsmitteln in die Sitzung dazuzuschalten.

BSZ: Die Politik feiert, dass Jugendliche weniger rauchen. Dafür kiffen jetzt mehr.
Rüther: Der Cannabiskonsum steigt zwar an. 30 Prozent der Jugendlichen bis 16 Jahre hatten schon mal damit Kontakt. Aber nicht alle, die aufgehört haben, konsumieren jetzt regelmäßig. Wenn wir jetzt sagen, die sind alle kriminell, hilft das keinem. Stattdessen bräuchte es mehr Geld für Prävention, Information und die Forschung. Denn die wichtigste Frage ist ja: Warum müssen die Menschen in unserer Gesellschaft überhaupt Drogen nehmen?

BSZ: Sie sind für eine Legalisierung von Cannabis oder härteren Drogen, wie es zum Beispiel der SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach fordert?
Rüther: Ich bin gegen eine Legalisierung, aber für eine Entkriminalisierung. Die Drogen sind da und über das Internet leicht zu bekommen. Menschen zu bestrafen, weil sie konsumieren, bringt nichts – außer vollen Gefängnissen. Am Beispiel des Rauchens sieht man, wie die Politik durch konsequente Maßnahmen wie Werbeverbote ein legales und überall verfügbares Suchtmittel unattraktiv gemacht hat. Nur noch sechs Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland rauchen. Das geht auch mit anderen Drogen.

„München hatte schon immer ein Koks-Problem“

BSZ: Nehmen Menschen mehr Partydrogen als früher?
Rüther: Ja. Immer breitere Gesellschaftsschichten konsumieren Drogen – in den Clubs häufig in Kombination mit Alkohol. Zahlen aus der Schweiz zeigen, dass zwei Drittel der Discobesucher Partydrogen dabei hatten. Übrigens oft ohne zu wissen, was sie sich da überhaupt reinballern. In der Schweiz können Drogen in Clubs anonym analysiert werden. Was da teilweise für Chemikalien in den Streckmitteln drin sind! Leider ist Drugchecking in Bayern noch nicht erlaubt.

BSZ: Immer wieder liest man von Kokain-Vorfällen in Münchner Clubs, bei denen selbst Polizisten beteiligt sein sollen. Ist die Droge in der Mitte der Gesellschaft angekommen?
Rüther: München hatte schon immer ein Koks-Problem. Ich habe bereits viele Prominente deswegen in Therapie gehabt. In anderen Städten konsumieren die Menschen lieber andere psychoaktive Substanzen, die sind billiger. Wovor ich ausdrücklich warne, ist Crystal Meth. Das macht das Hirn richtig kaputt. Wer das einmal nimmt, ist nicht mehr derselbe Mensch. Da muss man höllisch aufpassen.

BSZ: Ist die Verfügbarkeit von Drogen durch den Lockdown zurückgegangen?
Rüther: Das hatte ich vermutet, ist aber nicht so. Auch die Preise für zum Beispiel Straßenheroin sind nicht raufgegangen. Schmuggel hat sich in der Geschichte noch nie aufhalten lassen, das hat schon die Prohibition in den USA in den 20er-Jahren gezeigt.

BSZ: Welche weiteren Suchtgefahren verstärkt die Corona-Pandemie?
Rüther: Auf dem letzten Suchtkongress wurde vor allem vor der Computerspielsucht gewarnt. Natürlich kann das Zocken nur Hobby sein. Es gibt aber Jugendliche, die sechs bis acht Stunden am Computer sitzen, nichts für die Schule tun, kein Sozialleben mehr haben und aggressiv werden. Die Spiele sind so programmiert, dass die Menschen immer mehr Zeit damit verbringen. Das macht mir große Sorgen. Auch bisher illegale Portale für Online-Poker oder Online-Casinos sollen im Juli legal werden. Im Verborgenen ist es noch mal einfacher, sein Geld aus dem Fenster zu werfen.

BSZ: Stimmt eigentlich das Klischee, dass Ärzte häufiger rauchen als der Bevölkerungsdurchschnitt?
Rüther: Ja, das stimmt. Laut einer Erhebung der Europäischen Union raucht jeder vierte Arzt. Über mir wohnt ein Lungenarzt: Das glaubt man nicht, was der wegraucht. Auch in Großhadern operieren manche zuerst die Lungen und rauchen danach erst mal selber eine. Da sieht man, wie sehr sich Raucher selbst belügen können.
(Interview: David Lohmann)

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