Politik

Beliebig privat nutzen dürfen Schüler ihre Smartphones auch künftig nicht. Die Kinder sollen aber in der Schule einen sinnvollen Umgang damit lernen. (Foto: dpa)

15.12.2017

Und jetzt: Handy an!

Eltern, Lehrer und Schüler fordern ein Ende des Handyverbots an Schulen – jetzt bewegt sich auch Kultusminister Spaenle

In der Theorie ist die Sache klar. Sie ist geregelt in Artikel 56 Absatz 5 des bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes (BayEUG): „Im Schulgebäude und auf dem Schulgelände sind Mobilfunktelefone und sonstige digitale Speichermedien, die nicht zu Unterrichtszwecken verwendet werden, auszuschalten. Die unterrichtende oder die außerhalb des Unterrichts Aufsicht führende Lehrkraft kann Ausnahmen gestatten.“ Aber wie das bei Gesetzestexten oft so ist, bleibt ihre praktische Ausgestaltung auslegungsfähig. Die einen sehen im Artikel 56 ein strenges Handyverbot an Schulen, die anderen Spielraum für die sinnvolle Nutzung der Geräte.

Schon eine kleine Umfrage im Bekanntenkreis zeigt die Spannbreite auf. An der einen Schule herrscht ein striktes Nutzungsverbot, an der anderen darf man in den Pausen die Smartphones zücken, in wieder anderen gibt es spezielle Handy-Bereiche, in der nächsten ist die Nutzung ab einer bestimmten Jahrgangsstufe zu bestimmten Zeiten gestattet. Manche Lehrer drücken die Augen zu, für andere scheint es geradezu ein Sport zu sein, die Geräte bei verbotswidriger Nutzung zeitweise zu konfiszieren, wie es das BayEUG empfiehlt. Eine klare Linie sieht anders aus, und die Ausnahmeregelungen an so mancher Schule sind vom Wortlaut des Gesetzes kaum gedeckt.

Eine Ursache für die verworrene Lage liegt im Alter und in der Entstehungsgeschichte des BayEUG-Artikels. Der stammt aus dem Jahr 2006, als die Staatsregierung auf das neue Phänomen reagierte, dass Schüler mit ihren nun internetfähigen Handys reale Mobbing- und Prügel-Videos an Schulen drehten und in die aufkommenden sozialen Netzwerke stellten. „Happy Slapping“ hieß das damals, die Opfer standen wehrlos am digitalen Pranger. Das Handy in Schülerhand galt seinerzeit als etwas Böses, diesen Geist haucht das Gesetz bis heute. Obwohl sich im Laufe der Jahre der Anwendungsbereich der Geräte massiv ausgeweitet und die Nutzung Alltag ist.

Unsinnig: Digitalisierung der Schulen ohne Endgerät

Als nun die neue Direktorin eines Gymnasiums in Unterfranken die bisher liberale Handhabung an ihrer Schule kassierte und unter Berufung auf das BayEUG ein Handy-Verbot aussprach, meldeten sich einmütig der bayerische Elternverband (BEV) und der Landesschülerrat zu Wort. Bei aller Notwendigkeit einer Nutzungsregelung seien die aktuellen Vorgaben des BayEUG „aus unserer Sicht nicht befriedigend, nicht demokratisch und nicht transparent“, erklärte BEV-Landeschef Martin Löwe. Sie bürde zum einen der einzelnen Lehrkraft eine enorme Verantwortung auf, zum anderen entstehe der Eindruck, bayerische Schulen verschlössen sich der technischen Entwicklung. Es müssten Möglichkeiten geschaffen werden, die Geräte in der Schule „gewinnbringend zu nutzen“.

Der BEV hat sich deshalb mit einer Petition an den Landtag gewandt. Er spricht sich dafür aus, dass die einzelne Schule ermächtigt wird, Ausnahmen vom grundsätzlichen Nutzungsverbot festzulegen. Dies sollten Lehrerkonferenz sowie Eltern- und Schülervertretungen im Einvernehmen tun. Susanne Arndt, Vorsitzende der Landeselternvereinigung der Gymnasien, betonte ergänzend, die Mediennutzung an den Schulen müsse „eindeutig pädagogischen Grundsätzen folgen“. Dazu brauche es je nach Schulart und -standort individuelle Leitplanken. Allerdings stellte sie auch klar, dass ihre Elternvertretung die Öffnung der Schulen hin zu einer „beliebigen privaten Nutzung digitaler Medien“ ablehne.

Genauso sieht das der Landesschülerrat. Auch er ist gegen eine völlige Handyfreigabe, sieht aber die Notwendigkeit für von der ganzen Schulfamilie entwickelte und mitgetragene Nutzungsregeln. „So kann jede Schule ein eigenes Konzept ausarbeiten, welches perfekt auf die digitale Struktur der jeweiligen Bildungseinrichtung zugeschnitten ist“, heißt es in einem aktuellen Positionspapier der Schülervertretung. Für die Ausnahmen vom Verbot müsse die uneingeschränkte Entscheidungshoheit bei den Schulgremien liegen. Das fordern auch die Lehrerverbände. So würde zum Beispiel Michael Schwägerl, Vorsitzender des Philologenverbandes, den Schulen gerne das Recht einräumen, eigenverantwortlich Konzepte für die Mediennutzung zu entwickeln. Die gegenwärtige Regelung im BayEUG empfindet er als zu starr.

Weil das so ist, sprechen sich die Lehrer- und Elternvertreter für eine Integration der Smartphones in den Unterricht aus. Ein moderner und hochwertiger Unterricht erfordere, die Geräte als „wertvolle Hilfe“ zu verwenden, ist sich der BEV-Vorsitzende Löwe sicher. Positiver Nebeneffekt könne sein, dass die Smartphones von den Kindern und Jugendlichen nicht nur als „unwiderstehliches Spielzeug“ wahrgenommen würden. Zur Medienkompetenz gehöre eben auch, den sinnvollen Umgang mit i-Phone und Co. zu erlernen.

Durch solche Stellungnahmen aus der Schulfamilie ist auch Bewegung in die offizielle Linie des Kultusministeriums gekommen. Hieß es anfangs, das BayEUG beinhalte kein Handy-Verbot und erlaube den Einsatz im pädagogischen Rahmen, sieht Minister Ludwig Spaenle nun Diskussionsbedarf mit allen Beteiligten. „Das werden wir – wahrscheinlich im neuen Jahr – mit einem klassischen runden Tisch tun“, ließ er kürzlich wissen und auch durchblicken, wohin für ihn die Reise gehen soll. Schulen seien „geschützte Räume, in denen Kinder den reflektierten Umgang mit Handys lernen sollen“.

Die Opposition im Landtag hat sich bereits auf die Seite der Verbände gestellt. Fast wortgleich fordern SPD, Grüne und Freie Wähler, das BayEUG zu ändern und die Ausarbeitung der Nutzungsrichtlinien den jeweiligen Schulgremien zu überlassen. Um die digitale Spaltung in der Schülerschaft zu verhindern, haben die Grünen beantragt, die Schulen bei der Anschaffung eines Gerätepools für jene Schüler zu unterstützen, die über keine Smartphones oder Tablets verfügen. Die Digitalisierung der Schulen ohne digitale Endgeräte voranzutreiben, wäre in der Tat ein moderner Schildbürgerstreich.
(Jürgen Umlauft)

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Kommentare (3)

  1. Säuleneibe am 18.12.2017
    Daß die jeweilige Schule für ihre Bedingungen und Situation die Mobil-Nutzung festlegt, scheint vernünftig!
    Noch gibt es aber Schüler, die kein IPhone/Smart-Phone haben: wer zahlt deren Geräte incl. monatl. Gebühren?
    Früher waren die Pausen dazu da, daß die Schüler im Freien den Kopf frei bekamen, sich körperlich betätigend ausgleichen konnten....Heute wird die Pause von zu vielen genutzt, um im Schulhaus auf dem Handy herumzutippen (entweder versteckt oder ganz "öffentlich"). In vielen Schulen gibt es PC´s, um die Beschaffung von Info´s aus dem Netz zu lernen/zu zeigen/zu üben. Braucht es dann für jeden einzelnen auch noch ein Taschengerät?
    Und wie ist es um die Disziplin bestellt? Richtig mit so einem Gerät umgehen kann nur der, der sich selber
    disziplinieren kann. Wie lernt man den Kindern allgemein Disziplin? Dies können Kinder nur bedingt und nur unter konsequenter Aufsicht. Selbst viele Erwachsene haben damit z.T. Schwierigkeiten (soll es doch sogar Lehrer geben, die im Unterricht(!) an ihren Smartphones rumtippen - sehr zum Ärger mancher Schüler)!
    Eines dürfte klar sein: gesünder, entspannter und v.a. für Lehrer und Schüler stressfreier und damit konzentrierter gehen Schultage ohne diese "Technik". Jede -diffizile- Regelung muß von jemandem kontrolliert bzw. überwacht werden! Viel Spaß, liebe Lehrer, wenn Ihr auch dies noch übernehmen müsst!
    Wahrscheinlich deshalb ist an den meisten Schulen jetzt schon (quasi schleichend) stetiger Handygebrauch von zu vielen Schülern an der Tagesordnung (z.B. lautlos geschaltet unter dem Schülertisch. So lange der Unterricht nicht gestört wird, sehen viele Lehrer weg. Außerdem kostet ein konsequentes "Handy-weg" zu viel Kraft und Unterrichtszeit!!).
    Fast bin ich geneigt zu denken, daß es für die betroffenen Gruppen besser und zielführenden ist, keine
    Schüler-Smartphones an den Schulen zuzulassen! Daß sich die Schulen deswegen einer technischen Ent-
    Wicklung verschließen würden, ist wohl an den Haaren herbeigezogen, zumal man Smartphone-Nutzung
    auch exemplarisch im Unterricht mit entsprechender techn. Ausstattung und "Verschaltung" demonstrieren u. üben kann. Schließlich gibt es mittlerweilen wohl an jeder Schule mind. ein Computerzimmer...
  2. tiro am 18.12.2017
    Handyverbot an Schulen ist eigentlich klar geregelt. Wer verbietet den Lehrkräften und der SMV und dem Elternbeirat, Regeln innerhalb der gesetzlichen Regelung aufzustellen. Die Schulfamilie kann manches erlauben. Wird das Handyverbot komplett fallengelassen, muss die Schulfamilie eigene Regeln aufstellen, also verbieten. Was ist dann besser? Verbote durch die Schule bedeuten Kontrolle und endlose Diskussionen. Freiheiten können genutzt werden. Werden die Freiheiten nicht sinnvoll genutzt, ist es leichter sie wieder einzuschränken, wenn es eine gesetzliche Grundlage gibt. Auf welcher Grundlage sollen schulhausinterne Regeln erstellt und durchgesetzt werden?
    Wer denkt im Übrigen bei der Smartphonenutzung an das für finanziell weniger gut gestellte Schülerinnen und Schüler, die "nur" eine Prepaid-Karte haben, notwendige W-Lan. Ich erinnere mich an Diskussionen wegen W-Lan Strahlung, Handystrahlung und die Gesundheitsgefährdung der Jugend dadurch. Diese Themen interessieren inzwischen nicht mehr.
    Lasst es einfach so, wie es ist.
  3. Matt007 am 19.12.2017
    aus meiner Sicht ist diese Digitalisierung der reine Wahnsinn. Wem nützt das alles? In meiner Zeit lernte man noch brauchbar schreiben, rechnen, denken ohne Handy-Wahn. Diabetes und Brillen gab es kaum. Nun wird alles immer mehr mit Funk verstrahlt und Erkrankungen wie Elektrosensibilität, BurnOut, Sehschwächen, Diabetes, Krebs nehmen rasant zu. Wer meint in der Schule digital unterwegs sein zu müssen kann dies auch ohne funkende Geräte tun. Texte kann man auch auf Laptops mit brauchbarer Tastatur schreiben und muss nicht auf Minitastaturen herumalbern und ständig wischen. Will man Menschen für ein Berufsleben vorbereiten oder auf Dauerspielerei am Daddelman? Geht es um Vernunft oder um Vorantreiben des Überwachungsstaats indem jeder sein jederzeit ortbares und verfolgbares Überwachungsgerät stets mitzuführen hat? Es wäre schade wenn es so wäre !

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