Politik

Depressionen und Suizidgedanken: Vielen Kindern macht Corona zu schaffen. Besonders drastisch ist die Zunahme bei Essstörungen. (Foto: dpa/Pedersen)

24.09.2021

Warteliste statt Therapie

Ärzte schlagen Alarm: Bayern ist bei der Bettenzahl in Kinder- und Jugendpsychiatrien seit Jahren Schlusslicht – mit Corona stieg der Bedarf aber noch einmal stark an

Bereits vor Corona hat es in Bayern massiv an Therapeut*innen und Plätzen in der psychiatrischen Versorgung von Kindern gefehlt. Mit der Folge, dass sie teilweise monatelang auf ein Erstgespräch warten müssen. Nun hat sich das Problem noch einmal verschärft. Galt vor der Pandemie ein Fünftel aller Minderjährigen als psychisch belastet, ist es inzwischen ein Drittel.

Die Aussage klingt alarmierend: Weil Kinder- und Jugendpsychiatrien während der Corona-Pandemie heillos überlastet seien, gebe es dort eine Art Triage, warnte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) vor einigen Wochen. Wer nicht suizidgefährdet sei und „nur“ eine Depression habe, werde gar nicht mehr aufgenommen, sagte ein BVKJ-Sprecher in einem Interview. Eine Aussage, bei der Patrick Nonell, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter am Klinikum Nürnberg, nur den Kopf schüttelt. Von Triage könne keine Rede sein, sagt er: „Wir haben niemanden abgewiesen.“ Was nicht heißt, dass die Situation in der Einrichtung entspannt ist. „Wir waren schon vor der Pandemie voll und sind es jetzt immer noch“, resümiert Nonell.

Das hängt auch damit zusammen, dass Bayern im Hinblick auf Plätze in Kinder- und Jugendpsychiatrien bundesweit Schlusslicht ist. 2019 wurden im Freistaat pro 10 000 Minderjährige nur 3,49 Betten registriert. Zum Vergleich: Beim Spitzenreiter Sachsen-Anhalt waren es dreimal so viele, nämlich 10,64 Betten. Diese Zahlen nennt die Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BAG KJPP). Im Bereich der Kinder- und Jugendpsychotherapie sieht es kaum besser aus. Bereits vor Corona habe es an Plätzen gefehlt, sagt Peter Lehndorfer, stellvertretender Vorsitzender der Bayerischen Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (PTK). Vor allem auf dem Land, aber auch in sozialen Brennpunkten sind Therapeut*innen rar. Mit der Folge, dass Kinder und Jugendliche teilweise monatelang auf ein Erstgespräch warten müssen.

Defizite, die die bayerischen Grünen wiederholt anprangerten. „Seit Jahren ist die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Bayern dem Bedarf nicht gewachsen“, kritisiert die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bayerischen Landtag, Christina Haubrich. In den vergangenen anderthalb Jahren hätten sich diese Probleme noch verschärft. Lockdown, Homeschooling, Kontaktbeschränkungen und Co hinterließen gerade bei Kindern und Jugendlichen tiefe Spuren.

Galt vor der Pandemie ein Fünftel aller Minderjährigen als psychisch belastet, ist es inzwischen ein Drittel, wie eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf belegt. Zwar müssten sich daraus nicht unbedingt gravierende Störungen entwickeln, die man behandeln müsse, schränkt Peter Lehndorfer ein. Dennoch seien während der Pandemie etliche Kinder und Jugendliche in Krisen gerutscht – so tief, dass sie professionelle Hilfe brauchten. Laut Arztreport der Barmer nahmen 2020 sechs Prozent mehr ihrer minderjährigen Versicherten psychotherapeutische Behandlungen in Anspruch als im Vorjahr.

Auch in den bayerischen Kinder- und Jugendpsychiatrien habe es 2020 deutlich mehr Notaufnahmen gegeben als zuvor, sagt Christian Rexroth, Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bayern. In Nürnberg, wo die Versorgung in der Klinik durch die Ambulanz, die Tagesklinik sowie niedergelassene Therapeuten ergänzt wird, stellt Patrick Nonell vor allem bei den Essstörungen eine auffällige Zunahme fest. Im Vergleich zu 2019 habe sich die Zahl der Anorexie-Patient*innen in der Klinik ungefähr verdoppelt, schätzt er. 15-, 16-Jährige, sogar Zwölfjährige und noch Jüngere, die keinen Bissen hinunterbekommen, obwohl einige schon bis auf die Knochen abgemagert sind. Womöglich eine direkte Reaktion auf die Pandemie, mutmaßt der Chefarzt: das dringende Bedürfnis nach Kontrolle des eigenen Körpers angesichts all der Unsicherheit während der Corona-Zeit.

Gesundheitsminister schiebt Verantwortung von sich

Der kürzlich veröffentlichte Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit bestätigt Nonells Beobachtungen. Im Vergleich zum Vorjahr wurden 2020 demnach 35 Prozent mehr Minderjährige wegen starken Untergewichts in Kliniken behandelt. Noch drastischer ist die Zunahme bei jugendlichen Adipositas-Patient*innen: Ihre Zahl schnellte sogar um 60 Prozent in die Höhe. Dazu kommen etliche Kinder und Jugendliche mit Angststörungen, Depressionen, Suizidgedanken.

 Angesichts dieser Probleme fordern Experten umso nachdrücklicher Verbesserungen. Etwa im stationären Bereich – „es kann nicht sein, dass ein Schulkind drei bis sechs Monate auf einen Platz warten muss, das muss viel schneller gehen“, mahnt Christian Rexroth. Aber auch bei den psychiatrischen Institutsambulanzen. Diese müssten vergrößert werden. Und sie bräuchten dieselben Fördermittel, wie sie für stationäre Einrichtungen fließen. Voraussetzung dafür: eine „strukturierte Landesplanung“, die beispielsweise mehr jugendspezifische Suchtstationen und Mutter-Kind-Stationen vorsehe. Dringend gebraucht würden außerdem mehr Psychiater*innen und Psychotherapeut*innen für Kinder und Jugendliche.

Allerdings hapert es hier schon in der Ausbildung. Zwar gibt es an Universitäten das Fachgebiet Kinder- und Jugendpsychiatrie, allerdings nicht als Hauptfach, was nicht unbedingt zur Attraktivität beitrage. „Nachwuchs zieht man anders“, merkt Rexroth kritisch an. Darüber hinaus mahnt er Zusatzqualifikationen für Hausärzte, Kinderärzte und Internisten an, damit sie psychische Störungen besser erkennen und entsprechende Behandlungen veranlassen können. Denn, betont der Kinderpsychiater: „Wir brauchen eine flächendeckende psychosomatische Versorgung.“ Peter Lehndorfer wiederum schlägt Änderungen der Bedarfsplanung vor, um vor allem die Versorgung auf dem Land zu verbessern. Und die Grüne Christina Haubrich stellt die Bedeutung von Prävention heraus, die schon in Schule und Kita beginnen müsse. Wichtig seien auch eine bessere Vernetzung der Strukturen, mehr Schulpsychologen und Sozialarbeiter, mehr Beratungsangebote.

Forderungen, bei denen mancher Haushaltsexperte vermutlich die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Das bayerische Gesundheitsministerium verweist darauf, dass für etliche der Anliegen andere zuständig seien, etwa Bund, Krankenkassen, Krankenhausträger und ärztliche Selbstverwaltung. Immerhin habe sich Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek inzwischen an den Bund gewandt und auf den gestiegenen Bedarf an Kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlungsangeboten hingewiesen, teilt eine Ministeriumssprecherin mit. In diesem Zusammenhang habe er auch mehr Zulassungsmöglichkeiten für kinder- und Jugendpsychiater sowie -psychotherapeuten gefordert.

Ob das reicht, darf bezweifelt werden. Dabei, gibt Rexroth zu bedenken, seien Kinder doch die Zukunft. Und das Kind von heute sei der Erwachsene von morgen: „Wir können schon jetzt dafür Sorge tragen, dass in 20 oder 30 Jahren weniger psychisch belastete Erwachsene versorgt werden müssen.“
(Brigitte Degelmann)

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