Politik

Blick auf die Disco „Pony“ in Kampen auf Sylt, wo das Phänomen um den Partyhit L’amour toujours seinen vorläufigen Höhepunkt fand. (Foto: dpa/Georg Wendt)

31.05.2024

Warum ein Liebeslied verbieten?

Gekaperter Partyhit: Darum spielt eine Münchner Großraumdisco den Song L’amour toujours auch weiterhin

Discos, Dorffeste und Umzüge: Immer öfter kapern Rechtsextreme Gigi D’Agostinos Hit L’amour toujours. In rund einem Dutzend Fälle haben Staatsanwaltschaften quer durch die Republik Ermittlungen eingeleitet. Der Chef einer der größten Münchner Discos will den Song anders als die Wiesn-Verantwortlichen weiterhin spielen.

Wohl kaum ein Video schockte die Deutschen in den vergangenen Jahren so sehr, wie jenes einer Luxussause im Sylter Nobelclub „Pony“ vom Pfingstwochenende: Die Gäste tragen Rolex-Uhren, edlen Schmuck und Designerkleidung, trinken Champagner. Eine Gruppe junger Menschen grölt „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“– zur Melodie des Partysongs L’amour toujours.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) verurteilte in der Folge das Video. Der Betreiber des Pony kündigte ebenso wie andere Gastronomen an, man werde den Song nicht mehr spielen. Und auch in München gab es rasch eine Reaktion: Das Spielen des Liedes soll auf dem diesjährigen Münchner Oktoberfest untersagt werden: „Wir wollen es verbieten und ich werde es verbieten“, sagte Oktoberfest-Chef Clemens Baumgärtner. An Wirte und Schausteller ergehe ein klare Anweisung. Das Oktoberfest sei international und weltoffen, so der CSU-Mann.

Bei bayerischen Gastronomen geht die Meinung über derlei Verbote jedoch auseinander. Zumindest Dierk Beyer hält davon nichts. Er ist unter anderem Betreiber des Neuraums, einer der größten Discos Südbayerns. „Natürlich ist das schlimm. Aber warum sollen wir den Song nicht mehr spielen, nur weil Rechte das Lied für sich beanspruchen“, sagt Beyer, der beim Hotel- und Gaststättenverband Bayern den Bereich Musik und Szene betreut, der Staatszeitung. Er fragt: „Welches Lied überlassen wir ihnen als Nächstes?“

Eine rechtsextreme Chiffre

Unstrittig ist: Der Discoklassiker als Hymne für Rechtsextreme beunruhigt schon seit Monaten. Denn die Fälle nehmen offenbar zu, so beobachtet es Robert Lüdecke, Sprecher der Amadeu Antonio Stiftung. Rechtsextreme versuchten mit der falschen Textzeile „weiter in die Mitte der Gesellschaft vorzudringen“. Viele Menschen sehen entsprechende Videos in sozialen Medien. „Man kann sich dem Ohrwurm nicht entziehen“, sagt Lüdecke.

Den Feiernden, die mitgrölen, sei offenbar nicht klar, dass es sich nicht um einen „Dummejungenstreich“ handelt. Tatsächlich laufen in mehr als einem Dutzend Fällen Ermittlungsverfahren, wie eine Abfrage bei Staatsanwaltschaften im Bundesgebiet ergibt. Im Juni müssen sich sechs junge Frauen und Männer wegen Volksverhetzung in Hessen vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft Fulda wirft ihnen vor, statt des normalen Textes von Gigi D’Agostino Ende November in einer Dorfdisco im osthessischen Kalbach als Refrain „Ausländer raus“ gesungen zu haben.

Teils ist die Aufklärung schwierig. Die Staatsanwaltschaft Köln hat Ermittlungen wegen mutmaßlichem Ausländer-raus-Gegröle bei einer Karnevalsparty in Bergneustadt eingestellt. „Wir konnten die Tat keinem Täter konkret zuordnen“, sagt ein Sprecher.

Längst ist aus einem harmlosen Partyhit eine rechtsextreme Chiffre geworden. Bei YouTube etwa zeigt ein mit dem ausländerfeindlichen Gegröle junger Männer und D’Agostinos Partyhymne unterlegtes Video Bilder von Migranten und in großer Zahl abhebender Flugzeuge. „Immer wenn gerade besonders viele Feiern sind, werden wieder vermehrt solche Videos geteilt – da gibt es Schübe, so etwa an Karneval!“, sagt Lüdecke. Immer wieder wurde der Song in den vergangenen Monaten auch in Discos gekapert – ein Club in Reichshof im Oberbergischen Kreis in NRW, einer in Ebern im Landkreis Haßberge oder eine Diskothek in Pahlen im Kreis Dithmarschen.

Mitunter sind auch Mitglieder von Parteien am Grölen: Nach einem Landeskongress der Jungen Liberalen in Weiden in der Oberpfalz im April sollen Mitglieder bei einer Party „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ gesungen haben. Andere Mitglieder schritten jedoch zügig ein und unterbanden das Treiben. Bei einer Feier in einer Disco im bayerischen Greding wurden nach Polizeiangaben Mitte Januar im Umfeld eines AfD-Parteitags ausländerfeindliche Parolen von etwa 30 Menschen skandiert. Der Bayerische Rundfunk berichtete, in der Gruppe seien offenbar Mitglieder der AfD und sogar Landtagsabgeordnete gewesen. Letztere bestritten allerdings, mitgegrölt zu haben. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Nürnberg bestätigte der BSZ, dass gegen mehrere Beschuldigte wegen Volksverhetzung und der Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole ermittelt werde. Ob Politiker betroffen sind, sagte sie nicht. Ihren Angaben zufolge hat die Polizei ihre Ermittlungen mittlerweile jedoch abgeschlossen. „Wir prüfen nun die Ergebnisse.“

Anhand derer will die Staatsanwaltschaft in den kommenden Wochen entscheiden, ob sie Anklagen erhebt. In Sylt war derweil nach BSZ-Informationen eine weitere Nobelbar von einem Ausländer-raus-Eklat im Zusammenhang mit Gigi D´Agostinos Kultsong betroffen: der legendäre Club Rotes Kliff. Experte Lüdecke von der Amadeu Antonio Stiftung hält dennoch nichts von einem Boykott des italienischen Songs. Wichtig sei, dass die Musik unterbrochen werde und die Täter belangt würden: „Da sind die Securitys und die anderen Gäste gefragt.“ Ihm graut es derweil vor dem Sommer mit der Fußball-Europameisterschaft. Er fürchtet noch häufigere Eklats. „Die Feierlaune trifft dann bei vielen Leuten auf jede Menge Alkohol und ein patriotisches Element.“ (Tobias Lill)
 

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