Politik

Manche Menschen müssen, wenn andere Feierabend haben, Putzen gehen oder Pizza ausliefern (Symbolbild). Foto: dpa/Michael Kappeler

11.06.2021

Wenn die Arbeit kaum zum Leben reicht

Die Zahl der Menschen, die mehr als einen Job haben, steigt spürbar an – viele brauchen das Geld, andere wollen sich selbst verwirklichen

Die Zahl der Mehrfachbeschäftigten stieg von 2013 bis 2020 im Freistaat um rund ein Drittel an. Das geht aus Zahlen des bayerischen Arbeitsministeriums hervor. Die meisten üben einen Minijob aus. Aufgrund der Corona-Pandemie ging die Zahl der geringfügig Beschäftigten im vergangenen Jahr zwar zurück, bundesweit ist sie jedoch noch immer weit höher als in den 2000er-Jahren. Wäre ein Verbot der Minijobs sinnvoll?

Markus K. (Name geändert) wusste, was es heißt, richtig ranzuklotzen. Im technischen Bereich schuftete der Bayer jahrelang bei einer Münchner Firma. Abends fuhr er dann noch im Zweitjob für einen Lieferdienst Essen aus. Mitunter kam K. so sogar auf eine Arbeitszeit von über 60 Stunden. Um seine laufenden Kosten zu bedienen und es zu etwas Wohlstand zu bringen, hatte K. in den 2000er-Jahren den Nebenjob angetreten. Vor einigen Jahren reduzierte er sein Arbeitspensum dann deutlich – die gesundheitliche Belastung durch die viele Arbeit war für den Mann mittleren Alters irgendwann einfach schlicht zu hoch. Burnout, diagnostizierte ein Psychiater.

Über eine halbe Million Bayern haben mehrere Jobs

Während K. seinen Nebenjob längst an den Nagel gehängt hat, ist die Zahl der Menschen mit zwei oder mehr Arbeitsplätzen bundesweit in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen – allein von 2013 bis 2019 um rund 700 000 von 2,8 auf 3,5 Millionen. Das geht aus einer Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor. Besonders rapide wuchs die Zahl der Arbeitnehmer*innen, die nebenher einer geringfügigen Beschäftigung nachgingen.

Sogenannte Minijobs mit bis zu 450 Euro im Monat sind für viele Menschen attraktiv, da sie darauf keine Steuern zahlen müssen. Allerdings haben diese Tätigkeiten auch Nachteile. So entsteht kein Anspruch auf Arbeitslosengeld oder Kurzarbeitergeld. Manche Minijobber lassen sich zudem von der Rentenversicherungspflicht befreien, was im Alter die Ruhestandsbezüge absenkt. Die Zahl der Mehrfachbeschäftigten, die einer geringfügigen Nebenbeschäftigung nachgingen, erhöhte sich der IW-Studie zufolge bundesweit dennoch von rund einer Million im Jahr 2003 auf etwa drei Millionen im Jahr 2019.

Im vergangenen Jahr gab es im Zuge der Corona-Krise zwar einen spürbaren Rückgang der Minijobs. Denn die Arbeitgeber werden die Minijobber in der Krise leichter los. Doch die Zahl derer, die neben ihrem regulären Job noch weiteren Tätigkeiten nachgehen, um über die Runden zu kommen, dürfte bundesweit noch immer höher sein als 2013. Darauf deuten der Staatszeitung vorliegende Zahlen für den Freistaat hin. Nach Angaben des bayerischen Arbeitsministeriums gingen Ende 2013 in Bayern 576 637 Personen einer Mehrfachbeschäftigung nach. Ende September 2020 waren es bereits rund 761 000 Personen. Das ist ein Plus von rund einem Drittel in nicht einmal sieben Jahren.

Fast 617 000 Menschen im Freistaat hatten im Herbst 2020 zusätzlich zu ihrem Haupterwerb einen Minijob, waren also geringfügig beschäftigt. Im Dezember 2013 hatte deren Zahl noch lediglich bei 489 000 gelegen. Ein Zuwachs von 26 Prozent. 

Die meisten würden sonst nicht über die Runden kommen

Die meisten Mehrfachbeschäftigten haben laut IW schlicht deshalb zwei oder mehr Jobs, um ihr geringes Einkommen im Hauptberuf aufzubessern. Denn der Bruttolohn im Haupterwerb sei bei diesen Menschen geringer als der von Arbeitnehmern ohne Nebenbeschäftigung – mitunter auch, weil sie nur Teilzeit im eigentlichen Beruf arbeiten. „Wird das Gesamteinkommen im Haushalt einschließlich der Einkünfte aus Nebentätigkeiten betrachtet, sind keine nennenswerten Unterschiede zu Einfachbeschäftigten zu erkennen“, heißt es in der Studie. Ergo: Die Mehrfachjobber schließen mit den Nebenverdiensten also schlicht eine Lohnlücke.

Zudem nahm im vergangenen Jahrzehnt auch die Zahl der sogenannten Hybridbeschäftigten, die neben ihrem Hauptjob noch einer selbstständigen Tätigkeit nachgehen, zu – seit 2013 dem IW zufolge bundesweit um 13 Prozent auf gut 690 000 im Jahr 2019. Ihre Motivlage sei jedoch eine völlig andere als die der überwiegend Mehrfachbeschäftigten. Die Hybridbeschäftigten hätten im Hauptjob überdurchschnittlich hohe Einkommen, sie verfügten zudem über eine überdurchschnittliche Qualifikation. Auf ein höheres Einkommen durch den Nebenerwerb seien sie nicht unbedingt angewiesen, so die IW-Experten.

Die Zahl der politisch besonders umstrittenen Minijobs nahm vor allem in den 2000er-Jahren zu, doch auch in den vergangenen Jahren hatte es bis zur Corona-Krise einen leichten, aber stetigen Trend hin zu dieser Beschäftigungsform gegeben. Von 2016 bis 2019 war die Zahl der Minijobs im Freistaat von 1,3 auf 1,35 Millionen gestiegen – durch die Wirtschaftskrise im Zuge der Corona-Pandemie reduzierte sie sich laut bayerischem Arbeitsministerium jedoch bis Ende September 2020 auf das Niveau von 2016.

"Soziales Desaster"

Daran, dass eine erhebliche Zahl an Menschen in Bayern von ihrer eigentlichen Arbeit ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten kann und deshalb mehreren Jobs nachgehen muss, ändert aber auch dieser Rückgang nichts. Die Linke sieht angesichts dessen massiven Handlungsbedarf. Nicole Gohlke, Spitzenkandidatin des bayerischen Landesverbands für die Bundestagswahl, ist überzeugt: „Dass immer mehr Menschen zwei oder mehr Jobs brauchen, um die nötigsten Dinge bezahlen zu können, ist ein soziales Desaster.“

Wer jeden Tag arbeiten gehe, habe „es mehr als verdient, davon leben zu können“. Gohlke fordert einen Mindestlohn von 13 Euro. Nur dieser schütze vor Altersarmut. Minijobs gehörten schrittweise zugunsten sicherer und sozialversicherungspflichtiger Arbeitsverhältnisse abgeschafft. „Wir wollen, dass die öffentliche Hand Aufträge nur noch an tarifgebundene Firmen vergibt“, sagt die Bundestagsabgeordnete.

Auch die Sozialdemokraten sind über die Entwicklung in den vergangenen beiden Jahrzehnten besorgt. „Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen von ihrer Arbeit leben können“, sagt Diana Stachowitz, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion. Nebenverdienste durch Minijobs erhöhten das Armutsrisiko, ganz besonders im Alter. „Und sie sind nicht krisensicher, da sie keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld haben“, sagt sie. Ziel der Sozialdemokraten sei es, für jeden die Möglichkeit der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zu schaffen, die sicher sei und vor Armut schütze, ohne dass noch etwas hinzuverdient werden müsse. „Dafür brauchen wir eine deutliche Erhöhung des Mindestlohns.“

In Gegenden mit schnell steigenden Lebenshaltungskosten, wie in den Großstädten, reiche ein höherer Mindestlohn alleine allerdings nicht aus, betont Stachowitz. „Wir benötigen deshalb eine stärkere Mietpreisbremse auf Bundesebene, die garantiert, dass der hart erarbeitete Lohn nicht gleich wieder für hohe Mieten ausgegeben werden muss.“

Deshalb wolle die SPD im Bund den gesetzlichen Mindestlohn schon bis 2022 auf zwölf Euro je Stunde anheben. „Für gute Löhne brauchen wir außerdem starke Tarifverträge und eine Ausweitung der Tarifbindung, damit so viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wie möglich von ihnen profitieren können“, so Stachowitz.

Linke und SPD fordern Tariftreuegesetz

Der Freistaat könne mit einem Tariftreuegesetz auf der Landesebene zudem für bessere Rahmenbedingungen sorgen. Öffentliche Aufträge dürften in Bayern dann nur noch an Auftragnehmerinnen und Auftragnehmer vergeben werden, die ihre Beschäftigten nach Tarif bezahlen.

Ein Sprecher des CSU-geführten bayerischen Arbeitsministeriums sagt: „Die bayerische Staatsregierung unterstützt die Findung eines angemessenen gesetzlichen Mindestlohns über die unabhängige Mindestlohnkommission.“ Zudem setze man sich „im Rahmen einer engagierten, zukunftsorientierten und nachhaltigen Arbeitsmarktpolitik für den Erhalt und die Neuschaffung guter und sicherer Arbeitsplätze ein“. Mit dem Arbeitsmarktfonds verfüge die Staatsregierung über ein Förderinstrument, „das ergänzend zu den Maßnahmen des Bundes insbesondere marktbenachteiligte Menschen qualifiziert und darauf abzielt, diese zurück in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen“.

Die neben den Linken auch von Gewerkschaftern geforderte massive Reduzierung oder sogar ein Verbot der Minijobs sehen manche Experten äußerst kritisch. Deren Abschaffung würde vor allem die Beschäftigtengruppe, die auf zusätzliche Einkommen aus dem Nebenerwerb angewiesen sei, empfindlich treffen, heißt es in der Studie des arbeitgebernahen IW. Würden durch politische Interventionen beispielsweise Minijobs im Nebenerwerb unattraktiver, könnten damit die sozialen Risiken für Betroffene ansteigen, deren Verdienstmöglichkeiten im Haupterwerb begrenzt seien, so die Wirtschaftsforscher.
(Tobias Lill)

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