Politik

So könnte ein Mini-Atomkraftwerk des Energieunternehmens Holtec International aus Florida aussehen. (Visualisierung: Holtec International)

09.02.2024

Wolkige Versprechen

Mini-Atomkraftwerke trotz Atomausstieg: Geht das?

Eine sichere Energieversorgung ist für Deutschland und Bayern entscheidend. Vor diesem Hintergrund hat die Staatsregierung jetzt einen Masterplan Kernfusion auf den Weg gebracht. Ziel ist es, im Freistaat ein Demonstrationskraftwerk zu bauen. Kernfusion ermöglicht – im Gegensatz zur Kernspaltung in klassischen Atomkraftwerken –, die freigesetzte Energie zu nutzen, wenn Atomkerne verschmelzen. Vorteil: Es entsteht weniger Atommüll.

Doch auch herkömmliche Kernenergie ist für Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder und seine CSU trotz oder gerade wegen des Atomausstiegs Deutschlands nach wie vor eine Option. So forderte Söder erst Anfang Dezember 2023: „Unser Ziel muss sein, tatsächlich neue Kernkraftwerke – kleinere, mit einer ganz anderen Energieleistung, mit einer ganz anderen Absorption von möglichem Müll – anzunehmen.“

Gemeint waren damit Mini-Atomkraftwerke, sogenannte Small Modular Reactors (SMR). Diese will Söder hierzulande errichten lassen, sollte die Union nach der nächsten Bundestagswahl in Regierungsmitverantwortung stehen.

In China sind zwei SMR in Betrieb

Diese SMR-Anlagen stellen neben dem US-amerikanischen Elektroriesen Westinghouse auch der britische Konzern Rolls-Royce in seiner Energietechniksparte, der französische Kerntechnikkonzern Framatome oder das ebenfalls aus den USA stammende, aber hierzulande eher unbekannte Unternehmen NuScale her. Auch chinesische Unternehmen produzieren Mini-Atomkraftwerke. In der Volksrepublik sind bereits zwei SMR mit je 250 Megawatt thermischer Leistung in Betrieb.

Was bringen die Mini-Atomkraftwerke? Sie haben den Vorteil, dass sie in einer Fabrik vorgefertigt und an den jeweiligen Betriebsort transportiert werden können. Das verkürzt die Bauzeit. Dennoch müssten diese kerntechnischen Anlagen genehmigt werden. Dazu fehlt derzeit die gesetzliche Grundlage. Seit 2002 besteht hierzulande ein Verbot für den Neubau von Kernkraftwerken. Außerdem fehlt das nötige Personal für Betrieb und Wartung der SMR-Anlagen, ebenso fehlen nach dem Atom-Aus Fachleute in den zuständigen Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden.

„Wenn man sich in Deutschland heute für den Einstieg in diese Technologie entscheiden würde, würden locker zehn bis 15 Jahre vergehen, bis die ersten Anlagen laufen würden“, erklärt Detlef Fischer, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft (VBEW). Fischer war von 1993 bis 2001 für das Bayernwerk sowie den TÜV tätig und hatte unter anderem die erste periodische Sicherheitsüberprüfung für das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld im unterfränkischen Landkreis Schweinfurt geleitet.

In Bayern bräuchte man bis zu 60 Miniatomkraftwerke

Damit der Jahresstromverbrauch von 80 Terawattstunden in Bayern gedeckt wird, würde man im Freistaat 30 SMR-Anlagen mit je 30 Megawatt Leistung benötigen. Damit könnte man im Jahr etwa 2,5 Terawattstunden Strom erzeugen. Energieexperte Fischer mahnt: „Unser Stromverbrauch kann sich bis 2040 locker verdoppeln.“ Dann wären sogar 60 Mini-Atomkraftwerke nötig. Aber beim VBEW denkt derzeit kein einziges Mitgliedsunternehmen über die SMR-Technologie nach.

Rein theoretisch könnte eine neue Bundesregierung das Atomgesetz ändern und in der Folge wären bis 2040 die ersten Mini-Atomkraftwerke am Netz. Da die Kerntechnik auf EU-Ebene als klimaneutral eingestuft wurde, könnten die SMR-Anlagen einen Beitrag zum von der Staatsregierung ausgegebenen Ziel leisten, Bayern bis 2040 klimaneutral zu machen.

Widerstand gegen einen Wiedereinstieg

Dass es dazu kommt, ist äußerst unwahrscheinlich. Der politische Widerstand gegen einen Wiedereinstieg in die Kernenergie ist derzeit unüberwindbar. „Dieses Pferd wurde in Bayern totgeritten unter anderem von denen, die jetzt wieder danach rufen, es wiederzubeleben, es ist aber nicht mehr da“, sagt Fischer und meint damit auch Söder – der das Atom-Aus damals begrüßte.

Abgesehen davon: Auch nach dem offiziellen Kernkraft-Stopp ist Deutschland weiterhin abhängig von Kernenergie und importiert sie nach wie vor aus Frankreich und Tschechien. Der propagierte vollständige Umstieg auf erneuerbare Energien ist bis auf Weiteres eine Illusion.

Söders propagierte Mini-Reaktoren erhalten aber Rückenwind. Vor drei Tagen hat die EU-Kommission die Europäische Industrieallianz für Small Modular Reactors ins Leben gerufen. Diese Initiative will Entwicklung und Einsatz von SMR-Anlagen in Europa bis Anfang der 2030er-Jahre fördern. In Bayern könnte ein solches Kraftwerk, vorausgesetzt, der Bund erlaubt das, frühestens 2035 fertig sein.
(Ralph Schweinfurth)

 

Kommentare (1)

  1. Rudi Seibt vor 2 Wochen
    Nachdem in den USA die "Minis" nicht weiter als reale Möglichkeit für eine sinnvolle, wirtschaftliche Stromquelle verfolgt werden, wird Bayern die Hürden auis Physik und Wirtschaft bezwingen? Wie bei innerstädtichen Flugtaxis die nächste großkopferte Schimäre? Steuergelder verschleudern, satt billige Windkraft aufbauen das nächste Geldversenken? Söder hat ja keine Privathaftung dafür. So wie Aiwanger keine Privathaftung hat für sein Versagen bei Stromtrassen und Windenergie.
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