Politik

Die Zahl der über 65-Jährigen, die arbeiten, hat sich in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdoppelt. (Foto: dpa)

21.07.2017

Wollen oder müssen sie?

Immer mehr Rentner arbeiten – auch in Bayern: Die meisten haben einen Mini-Job

Konrad Adenauer war 73 Jahre alt, als er Bundeskanzler wurde. Man darf annehmen, dass er sich über diese Nachricht gefreut hätte: Immer mehr Menschen im Rentenalter arbeiten. In Deutschland sind es bereits doppelt so viele Ältere wie noch vor zehn Jahren. Jede neunte Person zwischen 65 und 74 Jahren war laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr erwerbstätig, hat also pro Woche mindestens eine Stunde gegen Bezahlung gearbeitet.

Insgesamt arbeiteten 942 000 der 8,3 Millionen Männer und Frauen in diesem Alter, das sind rund rund elf Prozent. Vor zehn Jahren lag dieser Anteil noch bei fünf Prozent. Die Mehrheit der Erwerbstätigen (58 Prozent) zwischen 65 und 74 Jahren lebt in erster Linie von ihrer Rente, für sie ist dieses Einkommen ein Zuverdienst.

Da muss man endlich nicht mehr arbeiten. Und tut es doch. Woran liegt das? Als ein erwiesener Grund gilt die gute Arbeitsmarktlage. Wenn es viel Arbeit gibt, gibt es auch Jobs für Rentner. Ab 65 Jahren dürfen sie unbegrenzt dazuverdienen. Laut Statistischem Bundesamt sind es eher die höher Gebildeten, die in der Tendenz auch im Alter noch arbeiteten und viele Selbstständige ab 65 Jahren, die sich nicht zur Ruhe setzten.

Bei der Regionaldirektion Bayern der Agentur für Arbeit verweist man zudem auf den Fachkräftebedarf. Er führe dazu, „dass Unternehmen ihre Mitarbeiter durchaus auch über das Renteneintrittsalter hinaus beschäftigen“.

Aus Spaß trägt wohl keiner Zeitungen aus

Ist die Welt wirklich so rosig? Wer im Alter arbeitet, tut er dies wirklich vor allem aus Freude an der Arbeit oder weil die Firma sie oder ihn unbedingt halten will? Der Sozialverband VdK gießt Wasser in den Wein. Die meisten Menschen mit Mini-Job im Rentenalter müssten deshalb arbeiten, „weil ihr Einkommen sonst nicht reicht“, konstatiert VdK-Präsidentin Ulrike Mascher.

Mini-Jobber im Rentenalter, auf Beamtendeutsch geringfügig Beschäftigte, bilden bundesweit und auch im Freistaat die Mehrheit: Im Dezember 2016 waren 34 570 Menschen über 65 Jahren in Bayern sozialversicherungspflichtig beschäftigt – verglichen mit 164 336, die einen Mini-Job hatten. Unter ihnen sind häufig Menschen, die nicht den klassischen Lebenslauf aufweisen, also länger arbeitslos waren, erzählt Mascher. „Aber auch viele, die zwar immer gearbeitet, aber insgesamt zu wenig verdient haben.“

Besonders alleinstehende Frauen treffe es oft hart, weil sie beispielsweise wegen Familienzeiten und Teilzeittätigkeit nur geringe Rentenanwartschaften erworben haben. Viele gehen putzen oder Regale auffüllen. „In diesen Mini-Jobs geht es nicht um die Pflege sozialer Kontakte oder das Einbringen von Erfahrung und Fachlichkeit – da geht es für die meisten nur darum, über den nächsten Monat zu kommen“, so Mascher.

Bayern liegt im Bundesländervergleich auf Platz 4, was die Quote arbeitender Rentner zwischen 65 und 70 Jahren betrifft. Die meisten Rentner arbeiten laut Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft in Baden-Württemberg, danach folgen Hamburg und Bremen. Vor allem Männer gehen im Seniorenalter einer Beschäftigung nach: Ihr Anteil liegt bei 15 Prozent, bei Frauen der gleichen Altersgruppe bei 8 Prozent. 2006 betrugen diese Werte für Männer noch sieben und und für Frauen vier Prozent.

Es ist eine Binse: Auch Senioren sind eine heterogene Gruppe. Laut dem Statistischen Bundesamt haben manche Senioren mehr als 2000 Euro monatlich zur Verfügung, andere weniger als 900. Gerhard Naegele, Direktor des Instituts für Gerontologie an der TU Dortmund, formuliert es so: „Es gibt die, die arbeiten müssen, und die, die gern noch arbeiten wollen.“

Zur ersten Gruppe gehört beispielsweise ein 70-Jähriger, der Zeitungen austrägt, weil seine Rente nicht reicht. Zur zweiten ein hoch spezialisierter Entwicklungsingenieur, den seine Firma händeringend gebeten hat zu bleiben. Die Regierungskunst wird also darin bestehen, beiden Gruppen das Leben zu erleichtern. Allerdings auf unterschiedliche Weise: Wer weiter arbeiten will, hat ein Arbeitsrecht verdient, das ihm möglichst wenig Steine in den Weg legt. Wer im Alter aber weiterarbeiten muss, der sollte so viel wie möglich vom Hinzuverdienst behalten dürfen. Das hätte sicher auch Adenauer unterschrieben. (Jan Dermietzel)

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