Politik

Hereinspaziert: Doch nicht alle Migranten sind in Bayern gleichermaßen willkommen. (Foto: dpa)

17.05.2013

Zuwanderer = Fachkräfte?

So viele Neubürger wie in kein anderes Bundesland kamen 2012 nach Bayern - wie qualifiziert die Einwanderer sind

Bayern wächst. Allein im vergangenen Jahr zogen fast 200 000 Ausländer in den Freistaat, so viele wie in kein anderes Bundesland – damit stammen 9,5 Prozent der bayerischen Bevölkerung aus dem Ausland. Das sind tolle Neuigkeiten, vor allem im Hinblick auf den Fachkräftemangel, unter dem die bayerischen Unternehmen leiden. Bis zum Jahr 2030 werden in Bayern voraussichtlich 1,1 Millionen qualifizierte Arbeitskräfte fehlen.
Innenminister Joachim Herrmann (CSU) propagierte angesichts der gerade veröffentlichten Zuwanderungsstatistik gleich eine neue Willkommenskultur: „Die Beamten in den Ausländerbehörden sollen freundlicher zu den Einwanderern sein.“ Und Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) erklärt: „Bayern ist und bleibt durch seine attraktiven Lebens- und Arbeitsbedingungen ein Magnet für die klügsten Köpfe aus aller Welt.“ Zeil geht davon aus, dass die 2012 gesenkten Zuwanderungshürden zu dem Anstieg beigetragen haben. Zeil spielt auf die sogenannte Blue Card an: Sie macht es Akademikern leichter, nach Deutschland zu kommen. Um künftig auch Handwerker anzuwerben, fordert Zeil eine Blue Card auch für nicht-akademische Fachkräfte.
Allerdings wissen weder Herrmann noch Zeil, ob die neuen Einwanderer überhaupt Fachkräfte sind. Das bayerische Landesamt für Statistik erhebt nämlich nicht, welche Qualifikation die Zuwanderer mitbringen. Nur ein geringer Teil der Neu-Bayern sind Ausländer aus Nicht-EU-Ländern. Diese erhalten nur eine Aufenthaltsgenehmigung, wenn sie Fachkräfte sind, also zum Beispiel in der IT-Branche arbeiten, Spezialisten oder leitende Angestellte sind oder eine akademische Ausbildung haben. Über die Qualifikation der EU-Ausländer aber kann man nur spekulieren.
Die meisten Zuwanderer kamen im vergangenen Jahr aus Rumänien, Ungarn und Polen. Gerade diese Neubürger bringen oft keine oder sehr geringe Qualifikationen mit. Die Behörden sprechen in Rumänien sogar offen die Warnung aus, der deutsche Markt habe keinen Bedarf an Arbeitskräften. Viele Einwanderer kamen auch aus den EU-Krisenländern Italien, Griechenland und Spanien, wo die (Jugend)Arbeitslosigkeit sehr hoch ist. Diese Zuwanderer sind laut Bundesamt für Migration meist gut ausgebildet.

Migranten haben seltener einen Berufsabschluss


Auch über die Ausländer, die schon länger in Bayern leben, ist nur wenig bekannt. Das Bundesamt für Migration hat herausgefunden, dass Migranten derzeit deutlich seltener einen beruflichen Bildungsabschluss haben als Menschen ohne Migrationshintergrund. Ausländische Jugendliche, die in Deutschland leben, machen demnach viel seltener eine Ausbildung als Deutsche. Im Jahr 2009 waren es etwa 30 Prozent, bei den deutschen Jugendlichen dagegen über 60 Prozent.
Innenminister Herrmann ist trotzdem sicher, dass die neuen Zuwanderer den bayerischen Arbeitsmarkt bereichern. Dennoch lehnte er die doppelte Staatsbürgerschaft erneut ab. Seine Begründung: „Mehrstaatigkeit steht einer vollständigen Integration eher entgegen, als dass sie nützt.“ Der kleine Koalitionspartner FDP wie auch die Opposition dagegen ist für die doppelte Staatsbürgerschaft, gerade im Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel. Die SPD-Landtagsabgeordnete Isabell Zacharias erklärt, Einwanderer würden in Deutschland bedrängt, „ihre Wurzeln und die Heimatländer ihrer Eltern zu vergessen. Das schreckt ab.“ Außerdem glaubt sie, dass es nicht reicht, die Beamten aufzufordern, nett zu Ausländern zu sein. Zacharias wünscht sich, dass alle bayerischen Ausländerbehörden das Integrationskonzept der Stadt München nachahmen. Dort werden alle Beamten interkulturell geschult, außerdem gezielt Menschen mit Migrationshintergrund eingestellt. Zacharias fordert außerdem, dass Bayern ausländische Abschlüsse schneller anerkennt. Bisher gibt es nur ein Landesgesetz zur Anerkennung für soziale Berufe. Für Ingenieursabschlüsse gilt noch das Bundesgesetz, das hohe bürokratische Hürden vorsieht. Auch die Freien Wähler fordern, dass Abschlüsse schneller anerkannt werden. „Und wer nicht ausreichend qualifiziert ist, muss weitergebildet werden“, so Markus Reichhart, handwerkspolitischer Sprecher. „Gerade jungen Zuwanderern stehen viele Möglichkeiten offen, da in Bayern viele Ausbildungsplätze unbesetzt sind.“ (Veronica Frenzel)

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