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Die Nationalsozialisten nahmen mit über 600 Mann am Deutschen Tag von Coburg teil, viele von ihnen posierten für Erinnerungsfotos. Adolf Hitler (zweiter von links) kam ebenfalls und mit ihm viele seiner frühen Anhänger. (Foto: BSB Bildarchiv)

01.03.2019

Arbeiter gegen braunen Terror

„Ein zweifelhafter Ruhm Coburgs“: Die Stadt in der Hand rechter und linker Gewalt in den Krisenjahren 1921 und 1922

Im Gegensatz zum ersten Band seines programmatischen Pamphlets Mein Kampf (Eine Abrechnung), den Adolf Hitler 1924 hinter tristen Gefängnismauern der Festung Landsberg schrieb, entstand der zweite Band des Buches (Die nationalsozialistische Weltanschauung) in Freiheit nach seiner vorzeitigen Haftentlassung im Dezember 1924. Hitler und der Publizist Max Amann verbrachten den Sommer 1925 am Obersalzberg, um das Manuskript zu tippen. Vor der sommerlichen Bergkulisse rekapitulierte Hitler auch jene beiden trüben Herbsttage, als er zum ersten Mal mit seinen Parteigenossen das vertraute Münchner Milieu verließ, um den Kampf um die „Machtergreifung“ im Deutschen Reich anzutreten.

Taktik in Coburg bewährt

Detailliert beschrieb Hitler unter dem Titel „Zug nach Koburg“ die Ereignisse rund um den dritten Deutschen Tag in Coburg am 14. und 15. Oktober 1922, die sich zu einem wichtigen Markstein für den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland entwickeln sollten. Resümierend stellte er in Mein Kampf fest, dass die Tage von Coburg entscheidende Schritte für den Aufstieg der NS-Bewegung gewesen seien: Die SA habe an Popularität gewonnen, und sei unmittelbar nach dem Deutschen Tag in Coburg massiv angewachsen; die Erfahrungen aus Coburg hätten ihn auf die Idee gebracht, die SA künftig einheitlich einzukleiden; und schließlich habe sich in Coburg die Taktik bewährt, starke NS-Kräfte aus ganz Bayern zusammenzuziehen und an einem Ort konzentriert gegen die Arbeiterschaft ins Feld zu führen.

Ganz berauscht von seinem Erfolg formulierte Hitler: „In Koburg wurde damit zum ersten Male seit dem Jahre 1914 die Gleichheit der Staatsbürger vor dem Gesetz wiederhergestellt. (…)“, denn bislang „mussten sich die Bürger vor den Repräsentanten des Staates verteidigen“. Weiter schrieb er: „In Koburg selbst hat immerhin ein Teil der marxistischen Arbeiterschaft (…), durch die Fäuste der nationalsozialistischen Arbeiter belehrt, einsehen gelernt, dass auch diese Arbeiter für Ideale kämpfen, da man sich erfahrungsgemäß nur für etwas, an das man glaubt und das man liebt, auch schlägt.“

Politisches Machtvakuum

Dies war eine zynische Art über die Bevölkerung einer Stadt zu schreiben, die alles verloren hatte. Coburg war in den Jahren nach 1918 erst durch die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und dann durch den Rücktritt des Herzogs Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha in eine Situation geraten, die den Wegfall des bisher vertrauten Referenzrahmens der Bürgerschaft zur Folge hatte. Dem politischen Machtvakuum folgte bald eine wirtschaftliche Krise, die schließlich in eine soziale und kulturelle Orientierungslosigkeit mündete, die die Stadt zum Spielball äußerlicher Kräfte machte. In den Jahren nach 1918 versuchten rechte und linke Gruppen gleichermaßen die Macht auf der Straße an sich zu reißen, die Schalthebel der Stadtverwaltung in die Hand zu bekommen, und die Köpfe und die Herzen der Coburger für sich einzunehmen. Die wichtigsten Etappen dieser Krisenjahre waren der Coburger Blutsonnabend vom 3. September 1921 und der Deutsche Tag vom 14./15. Oktober 1922.

Modell für die Machtergreifung?

Historiker haben die Bedeutung dieser beiden Ereignisse nicht nur für die Coburger Geschichte erkannt. Jedoch konnten auf Grund der eingeschränkten Quellenlage stets zwei Aspekte niemals zur Gänze geklärt werden, und waren daher immer ein Gegenstand von Mutmaßungen und Spekulationen. Dies bezieht sich zum einen auf die Gewichtung der Tragweite der Ereignisse von 1921/22 für die Vorgeschichte der NS-Machtergreifung in Coburg. Welche Faktoren determinierten das weitere Geschehen in Coburg und auf welche Weise? Entstand im Krisenjahr 1922 wirklich jene Zielgerichtetheit, die fast zwangsläufig in die Machtübernahme der NSDAP im Jahr 1929 führte, als es der Partei erstmals im Reich gelang, die Mehrheit in einem Stadtrat zu erreichen und Coburg hierdurch zu einem Modellfall für die Machtergreifung im Reich machte?

Diesen Fragen geht seit 2017 eine Historikerkommission nach, die beim Institut für Zeitgeschichte angesiedelt ist. Die mit der Erforschung beauftragte Historikerin möchte zum einen die Linien aufzeigen, welche Coburg zur Avantgarde des Nationalsozialismus machten und zum anderen die Ausübung von politischer und administrativer Herrschaft durch Partei und kommunale Verwaltung sowie ideologisch begründete Mechanismen von Inklusion und Exklusion im Alltag und der Lebenswelt der Coburger nach 1933 aufzeigen.

Zum anderen konnte der genaue Ablauf der Ereignisse an jenen beiden Tagen im September 1921 sowie im Oktober 1922 bislang nicht vollständig rekonstruiert werden. Hierzu sind in jüngster Zeit einige spannende Quellen und Akten aufgetaucht, die es rechtfertigen, noch einmal genauer auf jene beiden Schicksalstage zu blicken.

Coburger Blutsonnabend

Linke Gruppen in Coburg beschlossen Anfang September 1921, auf die Ermordung des republikanischen Politikers Matthias Erzberger wenige Tage zuvor mit einer Sympathiekundgebung für die Weimarer Republik zu antworten, die am 3. September 1921 in Coburg stattfinden sollte. Da bereits im Mai 1921 ein Generalstreik schwere Verwicklungen gebracht hatte, wollte die Regierung von Oberfranken lediglich eine Versammlung genehmigen und untersagte den Arbeitern einen Umzug. Zur Umsetzung des Verbots sollte die Polizei alle Straßen zum Schlossplatz abriegeln, sagte aber zu, die Abriegelungen in aller Stille und ohne provozierendes Auftreten auszuführen; damit erklärten sich auch die Anführer der Arbeiterschaft einverstanden.

Als sich etwa 1500 Arbeiter auf dem Platz vor der Ehrenburg versammelt hatten, begannen die Polizisten den Platz mit Lastkraftwagen und Blockaden abzusperren. Doch sie hatten sich verspekuliert. Das Rednerpult der Arbeiter stand nicht wie erwartet an den Arkaden, sodass sich die Absperrungen im Rücken der versammelten Arbeiter vollzogen hätten, sondern war auf der Freitreppe vor dem Theater aufgebaut worden, sodass die Blockademaßnahmen der Polizei sogleich bemerkt wurden und für steigende Erregung sorgten. Einzelne Gruppen lösten sich aus der Menge, verließen den Schlossplatz und bedrängten die Landespolizei. Am Salzmarkt kam es zu groben Zusammenstößen, so dass sich die Polizei in die Große Johannisgasse zurückzog. Als die Situation für die Polizisten dort ebenfalls immer brenzliger wurde, feuerten sie mehrere Pistolensalven ab und versuchten sogar, sich mit dem Abwurf von zwei Handgranaten Raum zu verschaffen. Die Menge zertreute sich tatsächlich, aber der Preis war hoch: Unter den Arbeitern gab es zwölf Verwundete, von denen der Arbeiter Peter Steinmetzler tags darauf im Krankenhaus starb.

Gleich nach dem „Coburger Blutsonnabend“ setzte die mediale Auseinandersetzung um die Geschehnisse ein. Während die sozialistische Presse das Vorgehen der Polizei scharf kritisierte, verfasste das Bezirksamt Coburg einen Bericht mit seiner Sicht der Dinge und ließ den Bericht in einer Auflage von 10 000 Stück unter der Coburger Bevölkerung verteilen. Diese Aktion hatte Erfolg. Die Coburger Bürger, so das Fazit, werteten die Vorfälle als „nie da gewesenes Ereignis“, an dem hauptsächlich die Arbeiterschaft Schuld habe.

Deutscher Tag

Hatte damit die Linke im Kampf um Coburg eine Niederlage einstecken müssen, machten sich im Jahr darauf rechte Gruppierungen daran, die Macht in Coburgs Gassen an sich zu ziehen. Geplant war die Abhaltung eines Deutschen Tages, an welchem sich allerlei völkische Verbände und Gruppierungen zu gemeinsamen Veranstaltungen treffen sollten; unter diesen Gruppen stach der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund (DVSTB) an Mitgliederzahl und Propagandatätigkeit eindeutig hervor.
Zum Spektakel wurde der Deutsche Tag jedoch erst, als kurz zuvor bekannt wurde, dass Adolf Hitler mit seiner SA, die zuvor nur im altbayerischen Raum agiert hatten, seine Teilnahme angekündigt hatte. Als die Arbeiterschaft davon erfuhr, plante sie, den Deutschen Tag zu sprengen. Um dennoch einen friedlichen Verlauf der Kundgebungen zu gewährleisten, versuchte die Polizei im Vorfeld ... (Alexander Wolz)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Ausgabe März/April von UNSER BAYERN, das der BSZ Nr. 9 am 1. März 2019 beiliegt.

Abbildungen:

Für 50 Mark durfte man alle Veranstaltungen während des Deutschen Tages besuchen. (Foto: BSB Bildarchiv)

Die Arbeiterbewegung machte mobil gegen den Deutschen Tag und mahnte ihre Anhänger auf dem Flugblatt, sich bei der Kundgebung von der „Hitler-Garde“ nicht provozieren zu lassen. (Foto: Staatsarchiv Coburg)

Bei politischen Großveranstaltungen war die Coburger Landespolizei stets mit starken Kräften vor Ort und versuchte mit Hilfe von Straßensperren eine Eskalation der Gewalt zu vermeiden. Hier eine Skizze mit den geplanten Straßensperren am Deutschen Tag. Allzuoft erwies sich die Landespolizei aber als zu schwach, um gewalttätige politische Auseinandersetzungen zu verhindern. Im August 1933 wurde die Coburger Hundertschaft der Landespolizei aufgelöst. (Foto: Staatsarchiv Coburg)

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