Unser Bayern

Hoffmann schrieb häufig nachts bei Kerzenlicht, manchmal in den Gewölbekellern seines Freundes Kunz, wo der Verleger und Weinhändler Fässer gelagert hatte. (Foto: Jan Kopp)

14.01.2022

Beflügelnde Gassen und Gewölbe

Bamberg war der ideale Nährboden für E.T.A. Hoffmanns schier überbordende Phantasie

Hatte der künftige Musikdirektor E.T.A. Hoffmann, als er 1808 mit seiner Frau Michaelina in Bamberg ankam, eigentlich den Eindruck, wirklich eine Stadt zu betreten? Berlin, das er gera-de verlassen hatte, wirkte im Vergleich weit urbaner, obwohl so mancher bis heute etwas ironisch anmerkt, es würde sich aus einer Vielzahl von Dörfern zusammensetzen. Aber schon bald nach 1800 entstanden zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz in rechtwinklig angelegten Bezirken repräsentative Gebäude an großen Boulevards und Plätzen: zum Beispiel die 1805 eröffnete Börse und der von Schinkel umgebaute Dom am Lustgarten, das Königliche Palais und das Zeughaus Unter den Linden, das Königliche Schloss, der Gendarmenmarkt und vor allem Oper, Nationaltheater und Schauspielhaus. Es muss schmerzlich für E.T.A. Hoffmann gewesen sein, nicht in diesen letztgenannten, imposanten Kulturinstitutionen eine kreative Tätigkeit aus üben zu können, um seine innersten Bestrebungen erfüllen und nach seiner Entlassung aus dem Staatsdienst ein Auskommen für sich und seine Frau finden zu können.

Ganz anders sah es um 1800 in Bamberg aus. Über die Geschichte dieses Gemeinwesens schrieb der Städtebauforscher Wolfgang Braunfels: „Die Fischereisiedlung wurde zur Stadt.“ Auch dazu sagen Kenner: Eine richtige Stadt sei Bamberg, das sich im Grunde noch heute aus ehemaligen Dörfern, wie der Wunderburg, dem Laurenziplatz oder dem Stadtteil Bug zusammensetzt, nie geworden. Nur die Klöster und Domherrenhöfe sowie die ehemaligen fürstbischöflichen Residenzen bildeten größere Baukomplexe. Sogar die Ursprünge aus dem Fischereiwesen konnte der frischgebackene Musikdirektor Hoffmann 1808 genauso augenfällig nachvollziehen wie der heutige „reisende Enthusiast“. Obwohl es erst seit ungefähr 2020 keine Erwerbsfischerei mehr gibt, ist dieser Berufszweig weiterhin an verschiedenen Stellen in Bamberg ablesbar, vor allem an der Häuserzeile Klein Venedig direkt am Fluss.

Hinter Klein Venedig lagen die Mauern des Ka-puzinerklosters, in dem während des Aufenthalts E.T.A. Hoffmanns in der Stadt trotz vorangegangener Säkularisation noch Mönche und Laienbrüder wohnen durften, sodass der Romantiker einen Einblick in das althergebrachte katholische Klosterleben gewinnen konnte, als sei es wie in „alten maeren“ nach wie vor lebendig. Hoffmann war mit seinem Verlegerfreund und Weinhändler Carl Friedrich Kunz 1812 zu einem Gastmahl bei den Mönchen eingeladen und fühlte sich durch die sakralen Räume, die uralten Gräber und den friedvollen Garten aufs Heftigste bewegt. Ein gelehrter Mönch brachte ihm die Geschichte der geistlichen Gemeinschaft nahe. So etwas hatte er noch nicht erlebt. Sein Roman Die Elexiere des Teufels wurde durch den Klosterbesuch entscheidend motiviert. Er sah sich darin als Doppelgänger eines Mönchs und diesen wiederum letztlich verwandt mit den anderen Romanfiguren. Bei den Kapuzinern war Hoffmann einer romantisch-transzendental empfundenen Sphäre näher als Wilhelm Heinrich Wackenroder in seinen 1797 erschienenen Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, die von einem Altar im Bamberger Dom inspiriert waren. Solch eine Einfühlung in den Geist eines Klosterbruders vor Ort hat der Frühromantiker Wackenroder nie erfahren. Erlebte Hoffmann hier vielleicht sogar ein existenzielles Ringen um die Frage nach Gott?

Klostermauern, Kirchtürme und Kirchenschiffe auf den Hügeln, im Tal enge, mittelalterliche Gas-sen, die unvermittelt in Wiesen und Wälder über-gehen, weite Aussichten, wenn man nur ein paar Terrassen hinaufsteigt, die damals halb verfallene, als mittelalterlich idealisierte Altenburg, auf der höchsten Erhebung romantisch gelegen, der häufige Wechsel von Licht und Schatten zwischen den Häuserecken am Tag und in der unbeleuchteten Nacht, die Waldhaine so dunkel wie unergründliche Höhlen, die an den Stellen, wo sich der Fluss weitet, den Blick auf ein romantisches Schloss im Stil Eichendorffs freigeben – das alte Bamberg. Eine Verzauberung nach der anderen. Und eben das Gegenteil von klaren Strukturen mit Stadtvierteln, in denen Seitenstraßen recht-winklig in eine Hauptstraße münden.

Verwirrende Stadtstruktur

Hoffmann war von all dem nicht nur begeistert. Er musste sich immer wieder neu orientieren, fühlte sich gedrängt, fast täglich auf demselben Weg von seinem engen Häuschen aus, das er inzwischen aus Sparsamkeitsgründen bezogen hatte, hinauszuschreiten ins südlich gelegene Dörfchen Bug, um sich der Strukturen der Räume zu versichern, um der Verwirrungen, die manchmal auf ihn übergreifen wollten, Herr zu werden. „Warum denke ich schlafend und wachend so oft an den Wahnsinn?“, fragte er sich in seinem Tagebuch.

In Bamberg umschlossen nicht einmal Ringmauern lückenlos die Stadtteile in Berg und Tal. War es wirklich diese Unklarheit in der Siedlungsstruktur zwischen Gewässern, Gassen, Feldern und Wäldern, die E.T.A. Hoffmann dazu inspirierte, den herumirrenden Menschen – wie den halb wahnsinnigen Kapellmeister Kreisler – zum Paradigma des zukünftigen Menschen zu machen? Städtchen wie Bamberg konnten den empfindsamen Dichter des 19. Jahrhunderts nach dem Zeugnis von Nikolaus Lenau tatsächlich mehr belästigen als eine Großstadt: „In Stuttgart, dem Neste, hör’ ich nur zwitschern und piepen, doch stört mich dies mehr, und es ist mir lästiger als das lärmende Toben einer großen Stadt, denn ein solches nähert sich in seiner tumultuarischen Verworrenheit dem wilden Geräusche der Natur.“ Auch Hölderlin hatte 1793 eine Nacht lang in Nürnberg beim Zechen „tumultuiert“.

Außerdem war einem Besucher Bambergs die Innenstadt aus einem anderen Grund nicht unbedingt ganz geheuer: Nach dem Willen des Fürstbischofs Lothar Franz von Schönborn wurden den Bürgerhäusern um 1700 als modern erachtete, barocke Fassaden vorgeblendet. Sie bekamen gleichsam Kulissen, man kann auch sagen: Masken. Nicht grundlos organisierte Hoffmann 1823 im Bamberger Theater einen Maskenball, und schon 1799 hatte er ein Singspiel mit dem Titel Die Maske geschrieben. Jedenfalls wurde Bamberg durch Lothar Franz zur Bühne eines barocken Welttheaters und die Bürger Schauspieler in der von der Herrschaft gewünschten Komödie. Einige Gebäude errichtete man fast völlig neu als barocke Palais, vielfach steckt jedoch bis heute das Mittelalterliche, die ursprüngliche alte Bausubstanz dahinter. In manchen Kellern schlummern sogar noch gotische Gewölbe, als seien es Kirchenschiffe, sie geben sich als dunkel wirkende, geheimnisvolle Abgründe. Waren es womöglich geheime Verbindungsgänge zu Klosterburgen oder Fluchtwege in den Wald hinaus? Bewegte dieses Phänomen den staunenden Theaterdirektor und Kulissenbauer E.T.A. Hoffmann – wohl angeregt von Schillers Romanfragment Geisterseher und Kants Träume eines Geistersehers – zu manchen Fragen? Verglich er dieses Kulissenprinzip im Geiste mit der Seelenstruktur der menschlichen Persönlichkeit? Lauern nicht hinter den Masken ihres Ichs die Untiefen des Unbewussten, gar einer verlorenen Zeit? Sigmund Freud nannte es später das „Unheimliche“, das ... (Andreas Reuß)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in der Ausgabe Januar/Februar von UNSER BAYERN, die der BSZ Nr. 2 vom 14. Januar 2022 beiliegt.

 

 

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