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Pocci setzte sich selbst karikierend als „Schnack von Ammerland“ an die Spitze einer Delegation der „Starnbergerseeländer“ samt altem Dreimaster – eine Anspielung auf die am 14. Juni 1848 durch die Nationalversammlung in Frankfurt beschlossene Aufstellung einer deutschen Flotte. (Foto: Franz-Graf-von-Pocci-Gesellschaft/Anglia-Nr. 273)

10.09.2021

Der Kasperlgraf als Pasquillant

Die Karikaturen des Franz von Pocci für die Münchner Herrengesellschaften „Altengland“ und die „Zwanglosen“

Fragt man heute in München nach „Pocci“, fällt den meisten allenfalls die Poccistraße ein – wohl wegen der gleichnamigen U-Bahn-Station oder dem dort gelegenen Kreisverwaltungsreferat. Nur wenige wissen noch, wer dieser Franz Graf von Pocci (1807 bis 1876) war: Als hoher Hofbeamter wirkte er unter drei Königen, hat sich aber vor allem einen Namen gemacht als liebenswürdiger und humorvoller Hausdichter des 1858 von ihm mitbegründeten Münchner Marionettentheaters, für das er über 40 Kasperlkomödien geschrieben hat – daher sein Spitzname Kasperlgraf. Doch Pocci hatte noch weitere künstlerische Talente: Er komponierte und zeichnete.

Pocci war im Grunde sein Leben lang ein unermüdlicher Zeichner und Aquarellist, immer voll skurillen Humors und romantischer Phantastik. Als boshafter Karikaturist ist er bekannt geworden durch eine fast zeitlose Beamtensatire, mit seiner legendären Figur des Staatshämorrhoidarius, die er in vielen Folgen ab 1845 in den Fliegenden Blättern, der ersten humoristischen Zeitschrift Deutschlands, und 1857 auch in Buchform veröffentlichte. Weniger bekannt sind die rund 1800 Karikaturen, die Pocci als „Pasquillant“ (so seine Selbstbezeichnung) für die Alben der Gesellschaft der „Zwanglosen“ beziehungsweise „Altengland“ geschaffen hat. Diese (meist aquarellierten) Zeichnungen waren nie zur Veröffentlichung bestimmt und lange Zeit nur in Alben zusammengefasst, die nur in den Archiven der beiden Gesellschaften einsehbar waren.

Die Herrengesellschaft „Altengland“ bestand schon seit 1819, ihr offizielles Gründungsjahr ist jedoch 1826. Fester Versammlungsort wurde ab 1832 das Englische Café am Maximiliansplatz 1, das sich nach seinen Stammgästen so benannte (heute steht dort das Palais Bernheimer am Lenbachplatz). Die Mitglieder der „Anglia“, wie die Gesellschaft auch verkürzt genannt wurde, schätzten die altenglischen aristokratischen Lebensformen, die halb spielerisch, halb ernsthaft bei geselligen Zusammenkünften gepflegt wurden. Die Mitglieder nannten sich humorvoll Lords, die Vorstandschaft bildete ein Trio aus Lordmajor, Lordminor und dem Lordschatzmeister. Zu den Mitgliedern zählten hochrangige Persönlichkeiten wie Minister, Spitzenbeamte, Gelehrte, Ärzte, Künstler und hohe Offiziere; von den vielen adeligen Standespersonen ist besonders Herzog Max in Bayern zu erwähnen, später auch sein Sohn Herzog Carl Theodor, der berühmte Augenarzt.

Erst mit dem Beitritt Poccis im Jahr 1840 – er war damals Zeremonienmeister am Hof König Ludwigs I. – wurde es üblich, alle Mitglieder auch in Karikaturen festzuhalten. Pocci verstand sich dort selber scherzhaft als „Pasquillant“, also als Spötter, und machte die Schwächen seiner Anglia- Freunde oft schonungslos, aber immer humorvoll zur Zielscheibe seines Spotts. Pocci gelang es mit wenigen markanten Strichen, seine „Opfer“ schnell und eindeutig wiedererkennbar zu machen, sei es durch (Über-)Betonung von körperlichen Merkmalen oder durch Beifügung typischer Attribute. Über die Zeit wurden mit diesen Karikaturen oft ganze Biografien illustriert: Eintritt in die Anglia, berufliche Veränderungen, Beförderungen oder Jubiläen, Ordensverleihungen, private Ereignisse wie Heirat, Silberhochzeit, runder Geburtstag oder Geburten, aber auch Krankheit und Kuraufenthalte.

Neben den eher biografischen Karikaturen sind heute die Blätter Poccis von größerem Interesse, in denen sich – leider viel zu selten – politische und gesellschaftliche Zeitereignisse widerspiegeln. Das sind vor allem die Zeichnungen aus den Jahren 1848/49 mit ihren revolutionären Ereignissen. Da kommt die Affäre Lola Montez vor, die vielen Ministerwechsel, das Frankfurter Paulskirchen-Parlament und damit die Frage, wie das künftige Deutschland organisiert sein soll. Auch militärische Auseinandersetzungen wie der Schleswig-Holsteinische Krieg im Jahr 1864 oder der Krimkrieg (1856) thematisierte Pocci in seinen Karikaturen.

Pocci zeichnete nicht nur Einzelkarikaturen, sondern erfand auch ganze Bildergeschichten – in der Manier des französischen Zeichners Rodolphe Töpffer (1799 bis 1846). Die Histoire de Monsieur Spinat (1845) erzählt die Ereignisse bei einem Anglia-Treffen in elf Tuschezeichnungen; in einer Szene kommt wie bei einem Comic erstmals auch eine Sprechblase zum Einsatz.

Pocci karikierte sich genüsslich auch selbst wegen seiner hageren Physiognomie: zum Beispiel in einer weiteren Bildergeschichte mit dem Titel Histoire de Monsieur Le Maigre, und als dürrer, langgewachsener „Schnack von Ammerland“ und in anderer Verkleidung in fast weiteren 150 Karikaturen auf. Voller Ironie sind seine Selbstporträts als Herme, Nereide, Giraffe, Feuerwehrmann, Kasperl im Marionettentheater, Präfekt der Cäcilienbruderschaft, Esel in goldbestickter Uniform des Oberstkämmerers oder als Hoftheaterintendant (der den Karren mit dem Theater aus dem Sumpf zieht). Witzig ist auch ... (Michael Stephan)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in UNSER BAYERN, Ausgabe September/Oktober 2021 in der BSZ Nr. 36 vom 10. September 2021

Abbildungen (von oben):
Hier führen mehrere Anglia-Mitglieder „politische Discussionen“ über den Schleswig-Holsteinischen Krieg, der Anfang Februar 1864 ausgebrochen war. Zu sehen sind am linken Tischrand: Karl Graf von Spreti, Franz Hanfstaengl,  Lordschatzmeister Franz Xaver von Haindl, Franz von Kobell und Reichsrat Julius von Niethammer. Am rechten Tischende sitzen Pocci und Lordminor Johann Baptist von Graf, hinter dem gerade eine Kellnerin bedient. „In Folge des perfiden Benehmens Englands in der schleswig-holsteinischen Frage und überhaupt Deutschlands gegenüber“ wurde der Gesellschaft „Altengland“ in der Presse empfohlen, „ihren bisherigen Namen abzulegen und mit einem anderen zu vertauschen“ (Bayerischer Kurier für Stadt und Land, 15. Mai 1864). (Foto: Privat/Anglia-Nr. 1083)

In der Zeichnung setzte sich Pocci humorvoll selbst ein Denkmal, das im Garten des Englischen Cafés, dem Treffpunkt
der Gesellschaft Altengland hätte stehen sollen: Man sieht Pocci in Form einer antiken Porträt-Herme mit dem Anglia-Album des Jahres 1849 unter dem Arm. (Foto: Franz-Graf-von-Pocci-Gesellschaft/Anglia-Nr.403)

Literatur/Information:
Michael Stephan, Franz von Pocci, Unveröffentlichte Karikaturen für die Gesellschaft „Altengland“ von 1840 bis 1876 Herausgegeben von der Franz-Graf-von-Pocci-Gesellschaft. Apelles Verlag, Starnberg, 288 Seiten, 32,80 Euro.
ISBN 978-3-946375-10-4

Die 14 Alben mit den Pocci-Karikaturen zu den „Zwanglosen“ befinden sich heute digitalisiert in der Bayerischen
Staatsbibliothek und sind dort online anzuschauen: www.bsb-muenchen.de Auch im Kulturportal „bavarikon“ sind sie
einsehbar, dort findet man auch weiteres Material zu Pocci. www.bavarikon.de

Poccis Der Staatshämorrhoidarius gibt es als Faksimile-Nachdruck der Ausgabe von 1857, herausgegeben und
kommentiert von Michael Stephan, Allitera Verlag, München, 90 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-86520-402-8

Über Pocci und aktuelle Veranstaltung: www.grafpocci-gesellschaft.de

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