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"Gravierende Fehler" darf man sich beim Stechen nicht erlauben, sie würden im Druck sichtbar werden. (Foto: Jan Kopp)

05.03.2021

Der magische Strich

Der Münchner Stefan Winkler hat sich beruflich und als Künstler dem Kupferstich verschrieben

Der Kupferstich ist etwas fürs Antiquariat, etwas für Sammlermappen. Nur ausgesprochene Liebhaber hängen ihn sich an die Wand. So mag mancher denken, der sich aber andererseits einen Stich schon ganz gerne in die Geldbörse steckt: Viele Illustrationen auf Banknoten stammen noch immer von Kupferstechern. Stefan Winkler ist einer von ihnen – „weltweit gibt es vielleicht nur noch ein Dutzend Kollegen, die eine vergleichbare berufliche Herkunft haben und auf dem gleichen Niveau arbeiten wie ich“, sagt der Münchner. Das ist keineswegs überheblich gemeint, sondern lässt eher wehmütig „der Letzte einer Art“ durchhören.

Winkler hat Mitte der 1980er-Jahre eine damals noch für das Graveurhandwerk klassische Lehre zum Kupferstecher, präziser zum Flachstecher, absolviert, und zwar bei dem traditionsreichen Banknotenhersteller Giesecke+Devrient (1857 in Leipzig gegründet, seit 1948 ist der Unternehmenssitz in München). Klar, eine künstlerische Ader brachte er mit, ursprünglich wollte er Bühnenmaler werden. Aber fünf Jahre Wartezeit für diese Berufsausbildung waren ihm zu lang, also jobbte er erst einmal bei G+D – und fing Feuer für das Metier. Am Lodern hielt das sicher auch sein einstiger Lehrmeister aus Spanien – „schon damals gab es nur noch wenige Kupferstecher“. Nach seiner Gesellenzeit studierte er parallel Grafikdesign, blieb aber dem Unternehmen treu.

Inzwischen setzt er die feinen Linien aber nicht mehr auf Stahlplatten, so wie er es einst gelernt hat – heute zeichnet er am Bildschirm. „Vor allem an der dynamischen Strichführung sieht man, wer noch von der alten kunsthandwerklichen Schule kommt und das aufs digitale Zeichnen überträgt, und wer ausschließlich Grafikdesign mit digitalen Werkzeugen gelernt hat“, sagt er.

Zehn Jahre brauche es gut und gerne, überschlägt Stefan Winkler, bis man einen Kupferstich mit einem „niveauvollen, hochwertigen“ Porträt hinbekomme – einem der Hauptmotive auf Geldscheinen in aller Welt. Frei erfinden muss man die Konterfeis nicht: Vorlagen werden vom Auftraggeber gestellt. Aber vom Abpausen hält er nichts: Er fertigt von der Vorlage erst eine Zeichnung an, die er dann auf eine Druckplatte überträgt – „vom Auge in den Kopf in die Hand“ skizziert er den Prozess. Er zieht einen Stich hervor, der den Stardirigenten Zubin Mehta zeigt: „Solch klassische Porträts sind wegen der erforderlichen extremen Feinheiten immer wieder eine herausfordernde Übung.“

Studien aus dem Tierpark

Bei Tierbildern auf Banknoten ist Stefan Winkler freier, dafür schlägt er auch selbst Motive vor. Und dann kann es schon sein, dass das „Model“ für ein Nashorn auf einer afrikanischen Note eigentlich im Münchner Tierpark Hellabrunn herumstapfte. „Schade, dass es dort keine afrikanischen, sondern nur noch indische Elefanten gibt“, bedauert Winkler. In einem solchen Fall müssen eben Bildvorlagen herangezogen werden – „Albrecht Dürer hat schließlich auch nie das indische Panzernashorn vor Augen gehabt, von dem er 1515 seinen berühmten Holzschnitt angefertigt hat.“ Das Nürnberger Genie hatte sich nur auf Beschreibungen und Skizzen eines Künstlers bezogen. Und Stefan Winkler hat wiederum Dürers Blatt „abgekupfert“ – quasi auch als Übung. „Es ist wie im Hochleistungssport: Man muss als Kupferstecher ständig trainieren. Ich brauche das auch als Ausgleich zum Zeichnen am Computer.“

Und das nicht nur wegen der „Handarbeit“, sondern auch für den Kopf: „Die freie Kunst ist meine Nische.“ Für die hat sich Stefan Winkler ein geräumiges Atelier im Münchner Stadtteil Haidhausen eingerichtet. Porträts von Menschen hängen dort nicht, man begegnet dagegen Nashorn, Leopard, Chamäleon, einer munteren Affenbande und einer Fliege – allerdings nicht in Geldschein- oder Briefmarkengröße. „Natürlich haben solche Motivideen mit meiner Arbeit zu tun. Jenseits haben mich aber Tierstudien seit jeher fasziniert.“ Und wenn er die in Kupfer- oder Kunststoffplatten ritzt, hält er nichts von künstlerischer Verfremdung: „Die Tiere sind doch schon originell genug.“ Deren Charakteristika auf Druckplatten zu bringen, stellt ihn vor immer neue Herausforderungen.

Der junge Esel: Man möchte über den Druck streichen, um das fließende Wechselspiel zwischen struppig und flauschig in seinem Fell zu spüren. Der Dompfaff: Wenn man pustet, ob sich dann die fein ineinandergelegten Federchen aufplustern lassen? Die Krähen: Ihr tiefschwarzes Federkleid schillert regelrecht. Genauso wie beim Wiedehopf mit seinem stolz geschwellten Kamm wandern die Augen unwillkürlich zu den wehrhaften Krallen. Der Widder: Auge in Auge kann man ihm im Atelier begegnen, ohne von ihm auf das kunstvoll gedrehte Prachtgehörn genommen zu werden. Das Chamäleon – nein, hier wird man gleich vieler dieser (aus dem Griechischen übersetzt) „Erdlöwen“ ansichtig: Wie feinste Perlchen erscheinen Glanzpunkte in ihren fein strukturierten Schuppenkleidern – reflektieren sie das flirrende Lichtspiel von Blätterwerk, das mit einem Ast angedeutet ist?

In der Nahsicht sieht man auf diesen Kupferstichdrucken die komplexe Textur aus dem An- und Abschwellen von mal superfeinen, mal gröberen Strichen, die entweder fein nebeneinandergesetzt oder als in Schichten über Kreuz gelegte Schraffuren unterschiedliche Materialoberflächen subtil modulieren. „Man muss sehr genau beobachten, darf aber beim Umsetzen nicht zu perfekt sein, sonst wirkt etwas schnell synthetisch oder tot. Der Stich muss Magie haben.“ Das gelte beispielsweise besonders für Augenpartien: „Die werden zwar in Linien aufgelöst, damit muss aber der Eindruck des Malerischen erreicht werden.“

Wie zu Dürerer Zeiten

Beim Zeichnen am Computer kann die zu bearbeitende Fläche komfortabel per Klick vergrößert werden – beim analogen Arbeiten hat sich für Stefan Winkler eine alte Uhrmacherlupe bewährt. Er arbeitet auch noch mit Gerätschaften aus seiner Ausbildungszeit, seine spitzen Stichel schärft er selbst am Schleifstein. „Eigentlich hat sich bei den Arbeitsutensilien genauso wie bei der Arbeitsweise nicht viel verändert seit Dürers Zeiten.“ Jedenfalls was den traditionellen Kupferstich angeht. Computer- „Werkzeuge“ fürs digitale Zeichnen gibt es zuhauf – die Gerätschaften fürs alte Kupferstecherhandwerk indes immer weniger, bedauert Stefan Winkler. Das gelte ebenso für die speziellen Kupferstichfarben auf Ölbasis: „Früher waren die auch besser, es ist halt kaum mehr ein Markt dafür da.“ Inzwischen mischt er sich seine Farben selbst.

Das Material der Druckplatten ist unterschiedlich: Weil extrem feine Strukturen wiedergegeben werden können, wird für Geldscheine Stahl verwendet. Privat nimmt Stefan Winkler am liebsten Kupfer: „Das ist wärmer, eignet sich mehr für freie Arbeiten.“ Ideal für Kaltnadelradierungen ist Kunststoff – „da können auch Einsteiger rasch schöne Erfolge erzielen“, sagt der Kupferstecher, der an der Münchner Volkshochschule lehrt (Kupferstich, Radierung, Zeichnen mit dem Kugelschreiber). Das Material beeinflusst die Anzahl der Abzüge: „Bei jedem Pressen werden die Linien gequetscht.“ Je weicher das Material der Druckplatte ist, desto weniger qualitätvolle Abzüge lassen sich anfertigen. Bei Kunststoff sind das etwa 30, bei Kupfer 50 bis 70, überschlägt Stefan Winkler. Der eigenhändige Druck gehört für ihn zur Werkgenese, genauso das Kolorieren. Für den kleinen schwarz-roten Dompfaff zum Beispiel waren drei Druckgänge nötig, jede der drei Platten musste exakt über dem vorherigen Druck platziert werden, damit danebenliegende „Blitzer“ nicht das Gesamtergebnis verschwommen erscheinen lassen; in diesem Fall hat Winkler Druckplatten aus Kunststoff gewählt, weil damit die Platzierung leichter ist.

In Winklers Atelier stehen allerlei Handpressen, die meisten hat er von stillgelegten Druckbetrieben übernommen. Darunter auch eine besonders kleine, die an ein altes Vitrinenmodell denken lässt: Damit hat ein inzwischen verstorbener Holzstecher aus Nürnberg Visitenkarten gedruckt – Stefan Winkler will nun damit experimentieren. Denn das tut er gerne – und die Resultate zeigen es: Heutige Kupferstiche müssen nicht verstaubtantiquarisch daherkommen.

Moderne UV-Drucke

Vor allem die jüngere Kundschaft begeistert sich zum Beispiel für UVDrucke, und zwar auf Fichtenholz, das mit einer Grundierung (unregelmäßig) überzogen ist: Ein bisschen erinnern solche Bilder an Fragmente antiker Wandmalerei, im heutigen Kontext würde man es dem Shabbylook zuordnen... (Karin Dütsch)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in UNSER BAYERN Ausgabe März/April 2021 (BSZ Nr. 9 vom 5. März 2021)

Abbildungen (alle von Jan Kopp):
Jenseits der künstlerischen Gabe sind für den klassischen Kupferstich gute Augen, eine ruhige Hand, Geduld und Ausdauer – auch körperliche – unerlässlich.

Tierstudien macht Stefan Winkler gerne im Münchner Tierpark Hellabrunn.

Wie fein und kleinteilig das Liniengeflecht ist, mag der Vergleich mit dem Fünf-Cent-Stück zeigen.

Beim klassischen Kupferstich hat sich das Arbeitswerkzeug in den vergangenen Jahrhunderten kaum geändert. Stichel sind das A und O. Stefan Winkler nutzt noch immer einen aus seiner Lehrzeit. Das Schleifen erledigt er auch selbst.

Stefan Winkler in seinem Atelier - Besuche sind nach Anmeldung möglich. Infos unter www.kupferstiche-winkler.de

 

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