Unser Bayern

Ausschnitt aus dem Fahndungsplakat vom 13. September 1921, mit dem man erhoffte, den flüchtenden Mördern auf die Spur zu kommen. Sehen Sie das komplette Plakat im Beitrag. (Foto: Bayerisches Hauptstaatsarchiv)

02.07.2021

Geschützte Handlanger

Die Spuren führen nach München: Der Erzberger-Mord und die Organisation Consul

Er war der Unterzeichner des Waffenstillstands von Compiègne vom 11. November 1918: Matthias Erzberger, Leiter der deutschen Verhandlungsdelegation und prominenter Vertreter der katholischen Zentrumspartei. Die Kampfhandlungen mit Frankreich und Großbritannien sollten eingestellt werden, und der Verlierer Deutschland niemals mehr in der Lage sein, den Weltkrieg fortzusetzen.

Es sei wohl das erste Mal in der Weltgeschichte, „dass nicht Militärs den Waffenstillstand abschließen, sondern Politiker“. Paul von Hindenburg, der Chef der Obersten Heeresleitung und späterer Erfinder der „Dolchstoßlegende“ wusste, wovon er sprach. Erst sechs Wochen zuvor hatte er der Reichsregierung über seinen Generalquartiermeister Ludendorff befohlen, Waffenstillstandsverhandlungen mit der Entente anzubahnen und einzuleiten. Fest entschlossen, die ganze Verantwortung für den katastrophalen Kriegsausgang den Politikern zuzuschieben, schickte man schließlich Erzberger vor. Doch dieser zögerte mit der Unterschrift. Nochmals suchte er Rücksprache bei Hindenburg und bekam eine eindeutige Antwort: Unterzeichnung des Waffenstillstands, unter welchen Bedingungen auch immer!

Im Juni 1919 drängte die Oberste Heeresleitung erneut auf die Unterzeichnung eines Dokuments von schicksalhafter Bedeutung: den Versailler Vertrag. Doch während sich Regierungschef Scheidemann (SPD) gegen ein Ja zum harten Verdikt der Sieger sträubte, empfahl Erzberger die Unterschrift. Alles andere liefe auf eine noch größere Katastrophe für Deutschland hinaus.

Erzbergers Worte hatten Gewicht, und auch bei den weiteren politischen Weichenstellungen spielte er eine maßgebliche Rolle. So trug das Jahrhundertwerk der Finanzreform von 1919/20 weitgehend seine Handschrift. Der neue Finanzminister dachte primär an eine sozial gerechtere Verteilung der Reparationslasten sowie eine stärkere Besteuerung der Vermögenden und setzte diese schließlich auch durch.

Zum Sündenbock abgestempelt

Der Chor der Empörung aus den Reihen von Großgrundbesitz sowie Schwer- und Finanzindustrie ließ nicht lange auf sich warten. Auf einmal wurde Erzberger als Bolschewist hingestellt, der mit allen Mitteln zu bekämpfen sei. Hinzu gesellten sich die politischen Gesinnungsgenossen aus den Kreisen der völkisch-nationalistischen Rechten. Versehen mit dem Etikett des Vaterlandsverräters, schoben sie in erster Linie Erzberger die Verantwortung für den verlorenen Krieg zu.

Selbst bei eingefleischten Demokraten war der Zentrums-Mann nicht unbedingt beliebt. „Warum Erzberger trotz seiner großen Fähigkeiten und der Güte vieler seiner Vorschläge Kollegen und Beamten fast allgemein unsympathisch war, lässt sich schwer beschreiben“, so Arnold Brecht, einer der damals führenden Beamten in der Reichskanzlei. „Er kannte keine Zurückhaltung, war immer vorneweg, lächelnd aufdringlich und zugleich glatt, ein wenig vulgär, ein Hans Dampf in allen Gassen.“ Und zu alledem habe er noch das gehabt, „was man ein Ohrfeigengesicht nennt“. So haftete an Erzberger das Image des Blitzschwaben – einer jener tölpelhaften Helden aus dem Märchen von den Sieben Schwaben, der nicht mit Degen, dafür aber mit seinem Mundwerk kämpft.

"Fort mit Erzberger" lautete der Titel einer viel gelesenen Broschüre, die in der zweiten Jahreshälfte 1919 zirkulierte. Das Pamphlet bündelte das ganze Repertoire an nationalistischen Hasskommentaren zu einer einzigen Schmähschrift und fand reißenden Absatz. Der Finanzminister sei ein „Schädling“, ein „Reichsverderber“, dem sofort „das Handwerk gelegt“ werden müsse, forderte Karl Helfferich, der Verfasser. Der wortgewaltige Nationalist und Finanz-Lobbyist setzte ganz auf Provokation – und schließlich tat Erzberger genau das, was die Hetzschrift bezweckte: Er strengte einen Beleidigungsprozess vor dem Berliner Landgericht an. Beginn: 19. Januar 1920.

„Der Form nach ist Helfferich der Angeklagte“, doch im Saal herrsche keinerlei Zweifel, „dass er der Ankläger ist“, so die Tägliche Rundschau aus Berlin. Keine Frage: Aus dem Beleidigungsprozess entwickelte sich rasch ein Schauprozess mit vertauschten Rollen. Immerhin bezichtigte Helfferich den Finanzminister der Verquickung von Politik und Geschäft in 42 Fällen. Erzberger wehrte sich auf seine Weise und brachte eine Anschuldigung nach der anderen zu Fall. Gegen das Dauerfeuer der völkisch-nationalistischen Presse konnte er dagegen nur wenig ausrichten. „Der Minister sei zwar kugelrund, aber nicht kugelfest“, so die Tägliche Rundschau vom 23. Januar 1920.

Schon einige Tage nach dem Prozessauftakt fielen Schüsse. Kurz nach Verlassen des Gerichtsgebäudes zielte Fähnrich Oltwig von Hirschfeld auf Erzberger: Ein Schuss traf seine Schulter, der andere prallte an seiner Uhrkette ab. Der Finanzminister überlebte leichtverletzt und ließ die quälenden Verhandlungen weiterhin über sich ergehen.

Nachhaltig kompromittiert

Am 9. März 1920 verkündeten die Richter das Urteil. Trotz Verhängung einer minimalen Geldbuße inszenierte sich Helfferich als Sieger des Gerichtsduells. „Irgendetwas wird schon an Erzberger hängen bleiben“, hatte er sich gedacht, und tatsächlich hielten die Richter einige seiner Anschuldigungen aufrecht. Was nutzte es Erzberger, dass sich all diese Vorwürfe nachträglich als haltlos erweisen sollten? Moralisch und politisch war er kompromittiert. Noch am selben Tag legte er all seine Ämter nieder – fest entschlossen, so bald wie möglich wieder in die Politik zurückzukehren.

„Die Kugel, die mich treffen soll, ist bereits gegossen“, soll Erzberger seiner Tochter gesagt haben, bevor er Anfang August 1921 in die Ferien im Nordschwarzwald aufbrach. Es war ein regnerischer 26. August, als er von Bad Griesbach (heute Bad Peterstal-Griesbach), seinem Urlaubsort, zu einem Waldspaziergang aufbrach. Mit dabei war sein alter Freund und Zentrumsparteikollege Carl Diez. Die beiden unterhielten sich lebhaft, als sie mitten auf dem Weg hinauf zum Kniebis von zwei jüngeren Männern überholt wurden. Kurze Zeit später begegneten ihnen die beiden erneut, dieses Mal aus der Gegenrichtung. Plötzlich fielen Schüsse. Schwerverletzt stürzte Erzberger die Böschung hinab, ehe ihn der andere Unbekannte mit zwei weiteren Kopfschüssen tötete. Auch Diez wurde getroffen. Schwerverletzt schleppte er sich ins Tal und überlebte schließlich mit knapper Not.

Schon wenige Stunden später hallte das Echo der Druckmedien. Doch war von Achtung vor der Würde des Toten nicht allzu oft die Rede. „Im Namen des Volkes auf der Kuhhaut zum Richtplatz geschleift, dort mit glühenden Eisen gebrandmarkt und an den höchsten Galgen gehängt: Das war der Tod, den Erzberger verdient“ hätte: Zweifellos liefert die Nürnberger Volksstimme das Paradebeispiel für einen besonders verrohten journalistischen Stil. Und doch spiegelte sich darin kein Einzelphänomen. Auch scheinbar „ganz normale“ Tageszeitungen reagierten auf die Todesnachricht zum Teil mit Hetztiraden. „Am Gelde hing er wie Satan, die Juden hielt er hoch, und war er auch ein Zentrumsmann, ein Erzlump war er doch“, so die Donauwörther Zeitung vom 3. September 1921.

Verräterische Papierschnipsel

Bad Griesbach liegt in Baden und deshalb nahm sofort die badische Staatsanwaltschaft Offenburg die Ermittlungen auf. Rasch stellte sich heraus, dass die beiden Erzberger-Mörder bereits am 21. August im nahen Oppenau Quartier genommen hatten. Laut Gästebuch des Gasthofs Hirsch handelte es sich um „Franz Riese, stud. Jur. aus Düsseldorf“ und „Knud Berger, stud. Phil. aus Jena“. Es waren Tarnnamen, wie sich nachträglich herausstellte. Im Garten entdeckten die Kriminalbeamten zahlreiche beschriebene Papierschnipsel. Hinzu kamen einige Fetzen von Briefbögen, welche die Mörder offenbar aus dem Zimmerfenster geworfen hatten. Schnipsel für Schnipsel und Fetzen für Fetzen wurden zusammengelegt, bis das fertige Puzzle ein erstes Geheimnis lüftete. Nicht Riese und Berger hießen die beiden Täter, sondern Heinrich Tillessen und Heinrich Schulz mit Wohnort München, Maximilianstraße 33.

Auch der Fluchtweg konnte teilweise rekonstruiert werden. Noch am Abend des 26. August war das mörderische Duo per Bahn zurück nach München gefahren. Am 27. August morgens traf es dort ein. Die Offenburger Staatsanwaltschaft bat um Amtshilfe der bayerischen Kollegen. Doch die Antwort ließ auf sich warten. Schließlich nahm der badische Generalstaatsanwalt Franz Schlimm die Sache in die Hand. Zusammen mit Bayerns Justizminister Christian Roth wollte er sich über die weiteren Schritte im Mordfall Erzberger beraten. Schlimm und der Chef der Karlsruher Kripo saßen bereits im abfahrbereiten Zug, als plötzlich ein Abgesandter des badischen Justizministers erschien und die beiden wieder herausbat.

In Bayern betrachte man den ungebetenen Besuch aus Karlsruhe als „Amtsanmaßung“, so der bayerische Ministerpräsident Gustav von Kahr kurz zuvor in einem Telefonat mit Badens Justizminister Gustav Trunck. Letztlich gingen die bayerischen Warnungen ins Leere, denn schon bald schaltete sich der badische Innenminister Adam Remmele ein. Er bildete eine Gerichtskommission zur Aufklärung des Mordfalls und schickte diese sofort in die bayerische Landeshauptstadt. Vermutlich hielt sich die Freude des Münchner Polizeipräsidenten Ernst Pöhner in Grenzen, als die badischen Kollegen am 9. September 1921 eintrafen und sich sogleich in seinem Präsidium einrichteten.

Warnung aus dem Polizeipräsidium

Nur: Wo hielten sich die Mörder auf? Als die Beamten am 12. September die Wohnung von Tillessen und Schulz durchsuchten, fehlte von diesen jede Spur. Noch konnten die Kriminalisten nicht wissen, dass die beiden vier Tage nach ihrer Rückkehr nach München Hals über Kopf untergetaucht waren. Ein diskreter Wink aus Pöhners Polizeipräsidium hatte die beiden vorgewarnt. Tillessen fand Unterschlupf im Raum Berchtesgaden, während sich Schulz in einem Münchner Vorort versteckte. Erst Ende September trafen sich die beiden wieder in Ramsau bei Berchtesgaden. Die gefälschten Pässe waren längst besorgt, als das Mörder-Duo unter den Tarnnamen Trost und Schwind kurz darauf die österreichische Grenze passierte.

Auch bei der Weiterflucht ins österreichisch-ungarische Burgenland hatte der stramm nationalistische, rechtsradikale Münchner Polizeipräsident seine Hand im Spiel. Schließlich, am 8. November, tauchten die Attentäter in Budapest auf. In der Ungarn-Metropole konnten sie sich sicher fühlen, denn wieder einmal hatten Dritte vorgesorgt. So wartete auf die beiden Flüchtigen eine ganze Suite in einem Luxushotel. Auch sonst lebten Tillessen- Riese-Trost und Schulz-Berger-Schwind wochenlang auf großem Fuß. Ganz vorne stand der Besuch der exklusivsten Delikatessenrestaurants, der besten Kaffeehäuser und der nobelsten Herrenausstatter. Bevorzugte Anlaufpunkte bildeten ferner die stattbekannten Edel-Etablissements sowie die zahlreichen Theater- und Musentempel. Von Langeweile konnte also keine Rede sein, erst recht nicht von Finanzsorgen, denn stets flossen reichlich Gelder aus versteckten Quellen.

Woher wissen wir all dies? Erst unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg standen die Erzberger- Mörder vor Gericht: Tillessen 1946/47 vor dem Oberlandesgericht Offenburg und dem Landgericht Konstanz sowie Schulz im Sommer 1950 vor dem Schwurgericht Offenburg. So lösten sich die meisten Rätsel um den Erzberger-Mord erst über zweieinhalb Jahrzehnte später. Und davon zeugt bis heute die breite Serie an Gerichtsakten im Staatsarchiv Freiburg im Breisgau ... (Martin Hille)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in UNSER BAYERN, Ausgabe Juli/August 2021 (BSZ Nr. 26 vom 2. Juli 2021)

 

 

 

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