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Details einer Steinbockgruppe aus der Sammlung des Grafen Philipp Karl von Seinsheim, seinerzeit in seinem Salzburger Domherrnhof verwahrt, heute in Schloss Sünching. (Foto: Claudius Stein)

11.11.2022

Kunstliebender „Tagdieb Gottes“

Geschnitzte Preziosen aus Steinbockhorn in der Sammlung des eigenwilligen Philipp Karl von Seinsheim

A delige Familien haben ein langes Gedächtnis. Und doch ist es eher ungewöhnlich, dass von einer vor über 300 Jahren geborenen Person immer noch Anekdoten erzählt werden. Das ist der Fall bei dem Domherrn Graf Philipp Karl von Seinsheim, geboren 1713 in Schloss Sünching (zwischen Regensburg und Straubing) und gestorben 1761 in Salzburg. Von ihm erzählt Johann Carl Freiherr von Hoenning O’Carroll, der heutige Eigentümer von Schloss Sünching: „Er scheint in Salzburg ein sehr fröhliches Leben geführt zu haben, hatte scheinbar einen enormen Kunstsinn, dem er zum Leidwesen seiner Familie skrupellos frönte. Wenn ihm eine Plastik, zum Beispiel eine Gruppe aus Steinbockhorn, zu teuer war, so ließ er die Rechnung an die Verwandten schicken.“ Für Besucher, die wissen wollen, was unter einem „fröhlichen Leben“ zu verstehen ist, erklärt Baron Hoenning hinter vorgehaltener Hand: „Er war schwerer Alkoholiker.“

Bei der nachfolgenden bunten Beschreibung des Lebens und Wirkens von Philipp Karl Seinsheim ist freilich immer zu bedenken, dass man einen Domkapitular des 21. Jahrhunderts nicht mit einem Domherrn aus der Zeit der Reichskirche vor der Säkularisation von 1803 vergleichen darf. Die alten Domkapitel waren Versorgungsanstalten für nachgeborene Söhne des hohen Adels, die mit der Aufnahme zwar in eine geistliche Sphäre wechselten, aber mitnichten ihren weltlichen Lebensstil ablegten. Letztlich imitierten diese Sprösslinge damit nur die ebenfalls hochadeligen Fürstbischöfe, die in Personalunion immer einem Bistum vorstanden und gleichzeitig ein Territorium regierten.

Diese Konstellation konnte auch nicht aufgebrochen werden, denn die Fürstbischöfe gingen durch Wahl aus den Domkapiteln hervor, und die Domherren hätten schwerlich einen Mann gewählt, der ihren Lebensstil abändern würde (was nicht heißen soll, dass es in der Reichskirche vereinzelt nicht auch vorbildliche Gestalten gegeben hätte).

Der auch dem weiblichen Geschlecht huldigende Schuldenmacher Seinsheim fällt also nicht aus dem zeittypischen Rahmen. Als Kunstsammler und Mäzen nahm er am Hof der Fürsterzbischöfe von Salzburg einen der ersten Plätze ein. Objekte aus seiner Kunstkammer erzielen noch heute auf Auktionen erstaunlich hohe Preise.

Der Lebensweg der Kinder des Hofratspräsidenten Maximilian Franz Freiherr, seit 1705 Graf von Seinsheim war genau vorgezeichnet: Der Erstgeborene Joseph Franz (1707 bis 1787) durfte eine weltliche Laufbahn einschlagen, die ihm höchste Ämter in Politik und Staat sowie bei Hof eintragen sollte. Adam Friedrich (1708 bis 1779) und Philipp Karl waren für eine geistliche Karriere vorgesehen, mit unterschiedlichem Erfolg: Während Adam Friedrich seit 1755/1757 bis zum Tod die Fürstbistümer Würzburg und Bamberg regierte und als einer der bedeutendsten Vertreter der späten Reichskirche in die Geschichte einging, endete Philipp Karl als der „Tagdieb Gottes“.

Damit aber an eigenwillig eigenartigen Charakteren der Familie nicht genug: Christian (1723 bis 1754) hatte sich für die Laufbahn als Offizier zu entscheiden und starb in völliger geistiger Zerrüttung, die man auf übermäßig hohen Kaffeekonsum zurückführte. Die Schwester Charlotte (1711 bis 1747) wurde mit einem anderen Schuldenmacher zwangsverheiratet: mit dem chaotischen Alchemisten Karl von Sickingen (1702 bis 1786), den man kraft Familienbeschluss einmauerte, um ein weiteres Aufhäufen von Schulden zu verhindern, und an den Schiller in den Räubern anspielte, wo Franz Moor seinen Vater bei Wasser und Brot gefangen hält.

Dabei wäre es nicht unmöglich gewesen, dass Philipp Karl Seinsheim Karriere in der Reichskirche gemacht hätte, entstammte seine Mutter doch der Familie Schönborn, aus der viele berühmte Kirchenfürsten hervorgegangen waren. Seinsheims Talent scheint aber nicht hinreichend gewesen zu sein, wie aus Anlass des Abschlusses des Studiums im römischen Collegium Germanicum festgestellt wurde: „Ein Jüngling fast ohne Begabung, ohne Fleiß und ohne Fortschritt in den Studien. Betrug sich, mit Ausnahme des letzten Jahres, schlecht hinsichtlich der Hausordnung. Im Übrigen von gutmütiger Natur und gehorsam gegenüber den Oberen.“

1739 erhielt er ein Kanonikat am Speyerer Dom, zu dem 1745 jenes in Salzburg hinzukam. Die Priesterweihe nahm er erst 1752, offensichtlich begleitet mit würdevollem Ernst, denn er hielt noch in diesem Jahr eine Predigt – ein zur allgemeinen Verwunderung führendes Novum. Es folgten späte Würden: 1754 das Präsidium des Hofrats in Salzburg und 1760 die Dompropstei von Speyer. Sein Lebensmittelpunkt blieb aber Salzburg, wo er im folgenden Jahr starb und im dortigen Dom seine letzte Ruhestätte fand.

Mit der Residenzpflicht, also dem Aufenthalt am Ort der Bepfründung, nahm es Seinsheim nicht sehr genau. Es zog ihn nach Mannheim und Schwetzingen an den Hof seines Namensvetters Kurfürst Karl Philipp. Dort „divertierte er sich wie ein König“ und hatte „eine starke Intrigue mit einer Frau, welche er braf bezahlen machet“. Damit aber nicht genug der Schauernachrichten im Briefwechsel der älteren Brüder: Er geriet in den Verdacht, „hier einem Mädel etwas junges in den Leib fabricieret zu haben“. Man erfährt nur, dass die Freundin „von zimmlich guten Leuten ist“, aber nicht, wie die wegen des Standes des Mädchens brisante Affäre ausging.

Spiel, Tanz und viel Spaß

Wie das Nachlassinventar ausweist, war Seinsheim weder ein Freund der Lektüre (nur 25 Buchtitel) noch der Jagd (nur sieben Gewehre). Im Weinkeller lagerten hingegen 83 Flaschen, drei Fässer und zwei Eimer, was umgerechnet eine Menge von fast 900 Litern Rebensaft ergibt. „Fressen, saufen“, ein ausgiebiger Schlaf, Spiel und Tanz, das Ausrichten von Einladungen bildeten, wie der Bruder Joseph Franz entrüstet feststellte, also eine Hauptbeschäftigung von diesem „Cardinal [also Haupt-] Spaßmacher“. Gerne würde der Betrachter von heute eine von seinen Ausfahrten miterleben: voran zwei mit Tigerfell bedeckte Pferde, dann ein „roth vergoldeter Galla-Wagen, mit gelben Sammet, und silbernen Crepin [Fransen]“ im Wert von 800 Gulden.

Ein solcher, von an Skurrilität grenzender Opulenz gekennzeichneter Lebensstil war entsprechend teuer, sodass die Schulden am Ende eine Höhe von über 60 000 Gulden erreichten. Diese Summe ist freilich in Relation zu setzen zum sonst im Haus Seinsheim üblichen Verschuldungsgrad: Der Vater hinterließ 1737 Passiva von 170 000 Gulden, der Neffe 1803 gar 370 000 Gulden. Folglich ist der Domherr ein trotz allem liebenswerter Verschwender. Zumal das Geld auch in die Förderung begabter, aber unbemittelter junger Künstler wie dem Maler Johann Baptist Durach (1724 bis 1793) floss. Der aus dem Allgäu stammende Durach kam als Seinsheims Leibmaler und Reisebegleiter nach Salzburg. „Mit diesem seinem neuen Gönner durchreisete er nun verschiedene Male die schönsten Gegenden des Rheinstroms, und die merkwürdigsten Städte Deutschlands“. Der Domherr ermöglichte ihm auch einen fünfjährigen Aufenthalt an der Akademie von Bologna. „Durch Seinsheims Empfehlungen ward er überall gut aufgenommen […] und schickte von Zeit zu Zeit Proben seines Fleißes, und seiner sich immer mehr ausbildenden Talente nach Deutschland.“ Auf gelegentliche Hausmusiken im Haushalt des Domherrn weisen die acht Musikpulte in seinem Nachlass hin. Als Reverenz gegenüber dem Vizekapellmeister Leopold Mozart ist der Erwerb von dessen Versuch einer gründlichen Violinschule zu verstehen.

Die detaillierte Aufnahme des Seinsheim-Nachlasses erlaubt auch eine ungefähre Rekonstruktion seiner Salzburger Domizile. Da war zunächst der vergleichsweise bescheidene Domherrnhof in der Stadt mit Schlaf-, Gesellschafts- und Konfektzimmer, weiteren Zimmern, so auch für den persönlichen Sekretär, und verschiedenen Kabinetten. Außerhalb der Stadt, im Nonntal, befand sich sein Tusculum, nämlich das heutige Daunoder Weingartenschlössl. Es beinhaltete in der Hauptsache Schlafzimmer, Saal, Billard und Kapelle. Der weitläufige Garten und das Sommerhaus machten dieses Schlössl besonders attraktiv. Die Aufzählung der Pflanzen wird von 24 großen Zitronen- und Orangenbäumen eröffnet und schließt mit 1000 Tulpenzwiebeln. Man fühlt sich unweigerlich erinnert an die Gartenparadiese, die der Bruder Adam Friedrich Seinsheim zur gleichen Zeit in Veitshöchheim und Seehof entstehen ließ.

Während sich die umfangreiche Gemäldesammlung auf Domherrnhof und Weingartenschlössl verteilte, präsentierte man die Kunst- und Wunderkammer allein im Domherrnhof. Dort diente sie nicht nur der persönlichen Ergötzung ihres Schöpfers, sondern sollte seine Gäste auch zum gelehrten Diskurs einladen. Die große Zeit der Kunst- und Wunderkammern aus Renaissance und Barock war zwar im 18. Jahrhundert längst vorbei, aber es gab auch damals noch Sammler, die in verschiedenen Rubriken die Welt in der Stube, den Makrokosmos im Mikrokosmos, abbilden wollten: durch Artificialia (Wunder des Kunsthandwerks), Naturalia (Wunder aus den drei Reichen der Natur: Tiere, Pflanzen, Gesteine), Exotica (Importe aus fernen Ländern) und Scientifica (wissenschaftliche Instrumente).

Seinsheim besaß, um von dem vielfältigen Bestand nur eine allgemeine Charakterisierung zu geben, Plastiken und Kunstgegenstände aus Elfenbein, Alabaster und Marmor. Unter letzteren werden zwei Tischplatten vermerkt mit einer sehr schönen, Vögel und Laubwerk darstellenden Intarsienarbeit (Pietra dura), alles aus verschiedenfarbigen Marmorarten zusammengesetzt. Es wird auch ein Ecce-Homo-Bild erwähnt, „in welchem die Wunden und Blut-Tropfen in dem Marmor von Natur gewachsen“ waren. Er nannte einen Ring „von einem Einhorn“ (Narwal) sein Eigen, in einem Glas einen kleinen Basilisken (Eidechse), einen großen „Meer-Schnegg“, ein „Modell von dem Messer, mit welchem Damian [Robert- François Damiens, 1757 grausam hingerichtet] den König von Frankreich hat ermorden wollen“, mehrere Schalen und Plastiken aus Achat, schließlich „3 Gläser, in deren 2 gar kleine Kinder- Cörper und in dem dritten ein gar junger Hund aufbehalten werden“, ein mit Hufeisen beschlagenes Ei, „2 Gämbs-Kuglen“ (Bezoare), mehrere Versteinerungen, ein Magnet, einen Kasten mit der Nachbildung eines Bergwerks und eine Schmetterlingssammlung.

Kostbarkeiten aus Steinbockhorn

Einen besonderen Stellenwert nehmen in diesem Rahmen die kunstvollen Arbeiten aus geschnitztem Steinbockhorn ein, weil sie sich – jeweils als Seinsheim- Besitz gekennzeichnet – nicht nur in Schloss Sünching, sondern auch in verschiedenen Museen erhalten haben. Etwa 150 Jahre lang, zwischen 1600 und 1750, blühte in Salzburg dieser seltene Zweig des barocken Kunsthandwerks. Das geschnitzte Steinbockhorn hatte in Europa kaum seinesgleichen. Die Erzbischöfe behielten sich als Landesfürsten die Jagd dieser scheuen Tiere vor. In ihren Hofwerkstätten wurden kostbar gestaltete Becher, Leuchter, Jagdbestecke, Dosen und zahlreiche andere Objekte gefertigt.

Da den Steinböcken besondere Kräfte nachgesagt wurden, stand ihr Horn in magischer Verwendung, vor allem bei jenen, die sich solche Luxusgegenstände leisten konnten. So schrieb der europäische Aberglaube den Trinkbechern aus Steinbockhorn die Fähigkeit zu, Flüssigkeiten zu entgiften oder überhaupt Gift anzuzeigen. Eine Entsprechung findet dieser Aberglaube in Nashorngefäßen aus Asien. Aber auch im Volksglauben spielte der Steinbock eine große Rolle. So finden sich Salzburger Rosenkränze, Amulette und Kreuze aus diesem Horn in zahlreichen Sammlungen. Das Dommuseum zu Salzburg bot 1990 Gelegenheit, mehr als 300 Objekte der Schnitzer des Salzburger Steinbockhorns zu bewundern.

Die meisten der im Inventar aufgeführten Arbeiten aus „Stain Bock-Horn“ konnten zwischenzeitlich lokalisiert werden ... (Claudius Stein)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in der Ausgabe November/Dezember von UNSER BAYERN, das der Bayerischen Staatszeitung Nr. 45 vom 11. November 2022 beiliegt.

Abbildungen (von oben):
Philipp Karl Graf von Seinsheim. Das Ölgemälde von Georges Desmarées hängt in Schloss Sünching. (Foto: Claudius Stein)

Arbeiten aus Salzburger Steinbockhorn waren fester Bestandteil süddeutscher Kunstkammern. Die am Steinbockhorn vortretenden Noppen bestimmten die Gestaltung dieses Bechers, sowohl am Dach als auch am Felsen, worauf jeweils Steinböcke ruhen. (Foto: Claudius Stein)

Von innen beleuchtet sieht man, wie hauchdünn die Wandung an manchen
Stellen gearbeitet ist. An einigen Stellen sind bereits Ausbrüche zu
erkennen. (Foto: Claudius Stein)

 

 

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