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Vorzeigeobjekte für modernes Bauen in München waren die Postbauten von Robert Vorhoelzer. Hier der Blick in die Schalterhalle des Postamts in der Tegernseer Landstraße. (Foto: Architekturmuseum der TU München)

11.01.2019

Licht und Luft ins Haus lassen

Modernes Bauen: Wie Architekten in Bayern die Ideen und Formensprache des Bauhauses interpretierten

"Lichtlose Schlafkasernen“ nennt Walter Gropius, die Bauten, in denen Arbeiter und sozial schwach gestellte Bürger vor und nach dem Ersten Weltkrieg leben. Bauunternehmer planen Wohnungen ohne Sonneneinstrahlung, selbst in reinen Arbeitervierteln entstehen Großwohnungen mit fünf oder mehr Zimmern. Diese Wohnungen werden dann – in Teilwohnungen zerstückelt – an mehrere Familien vermietet. Und weiter untervermietet an Zimmerbewohner und Schlafgänger. 1925 haben in München 15 000 Haushaltungen keine eigene Wohnung, insgesamt 70 000 Menschen leben in überfüllten Wohnungen mit mehr als zwei Personen in einem Wohnraum.

Sanitäre und soziale Missstände sind die Folge. Ein Münchner Gewerkschaftsbericht aus dem Jahr 1925 hält fest: „Eine achtbare Familie bewohnt mit 7 Kindern im Alter bis 17 Jahre, Buben und Mädel durcheinander, Küche und Zimmer. Die Folge: Das 15-jährige Mädchen wird Mutter, der 17-jährige Sohn kommt ins Gefängnis wegen Blutschande.“

Rückblickend erklärt Gropius: „Seit uns klargeworden ist, welcher unendliche Schaden durch unzureichende Unterkunft und trostlose Umgebung der Seele und dem Körper der Familie angetan wird, ist das Wohnen der Bevölkerung zum wichtigsten sozialen Ziel einer verantwortungsbewussten Gruppe geworden.“

Zu den Anhängern dieser „verantwortungsbewussten Gruppe“ zählt der Augsburger Architekt Thomas Wechs (1893 bis 1970). Er bekennt sich als „Freund des Bauhauses“, ein Kreis, der 1924 ins Leben gerufen wird und dem unter anderen Albert Einstein, Oskar Kokoschka und Arnold Schönberg angehören. Schon 1919 nimmt Wechs als Student an einem Wettbewerb der TH München teil, der unter dem Motto „Luft und Sonne“ steht. Die Preisaufgabe beinhaltet die Konzeption einer Kleinwohnungssiedlung mit Wohnungen bis zu drei Zimmern, Wohnküche, Balkon, Lauben, Nutzgärten und Spielwiesen. Thomas Wechs löst die Aufgabe offenbar bestens – er erhält einen ersten Preis. Der Architekturstudent wird gelobt für „reichlich Luft und Sonne“ und seine „einheitliche, einfache architektonische Gestaltung.“

Viel und billig

Möglichst viele Wohnungen zu geringer Miete: So lautet Thomas Wechs Aufgabe neun Jahre später. Im Auftrag der Stadt Augsburg schafft er den Schubert- und Lessinghof mit Flachdächern, Fensterbändern (geometrisch strenge und durchlaufende Fenster), weißem Putz und farbigen Fensterprofilen. Der renommierte Architekturhistoriker Winfried Nerdinger lobt diese Anlage heute als „erste moderne Wohnsiedlung in Bayern.“ Die Londoner Times würdigt Schubert- und Lessinghof 1932 als „Modern German Buildings“ schlechthin und setzt sie in eine Reihe mit Bauten von Hans Scharoun, dem späteren Schöpfer der Berliner Philharmonie, und Bruno Taut, dem Architekten berühmter Siedlungen in Berlin.  In Folge der Weltwirtschaftskrise 1929 macht sich Wechs 1931/32 einen Namen als Architekt vieler Sakralbauten.

Sakralbauten, genauer gesagt Synagogen, zählen auch zu den Hauptwerken des jüdischen Architekten Fritz Landauer, der 1883 in Augsburg zur Welt kommt und 1968 im Londoner Exil stirbt.  Er macht 1930/31 von sich reden, als er in Augsburg und Fürth die Einfamilienhäuser Strauß und Hirschmann schafft – zwei Bauten, die zu den in Bayern ganz seltenen Beispielen des Neuen Bauens der 1920er- und 1930er-Jahre zählen. Licht, Luft und Sonne sind maßgebend für diese Häuser. Es sind flachgedeckte Kuben mit großen, breitgelagerten Stahlfenstern, glatt verputzten Mauern, ebenerdigen Schlaf- und Wohnzimmern und vorgelagerten Sonnenterrassen.

Modern bedeutet flach

Die Pläne zum Haus Hirschmann werden innerhalb eines Monats genehmigt – ganz anders ist das bei Bauvorhaben vom Architekten Peter Feile (1899 bis 1972). 1927 entwirft er in Würzburg ein kleines Flachdachhaus – es wäre das erste in Bayern gewesen. Nach Debatten im Würzburger Stadtrat und einem positiven Votum legt sich die Regierung von Unterfranken quer. Unverständnis äußert der Fränkischen Volksfreund, er schreibt am 3. Oktober 1928: „Die Rolle des Historismus ist zu Ende. Nieder mit dem Provinzialismus.“ Drei Jahre später plant Feile neue Flachdachbauten in der Würzburger Lerchenhainsiedlung: Es sollen 31 weiße Häuser entstehen. Zur Vorbesichtigung kommen 10 000 Neugierige. Verwirklicht werden nur drei Musterhäuser, die in der Nazi-Zeit Steildächer erhalten.

Augsburg, Nürnberg, Fürth Würzburg – all das sind in Bayern Beispiele, wie das vom Weimarer/Dessauer Bauhaus inspirierte „Neue Bauen“ in den 1920er- und 1930er-Jahren zumindest partiell Fuß fassen kann. Ganz anders ist das in München – dort herrschen Provinzialität, Partikularismus und Rückständigkeit. Nur zögerlich wird zwischen 1928 und 1930 der „Münchner Weg“ verfolgt, ein Mittelweg zwischen Bauhaus und Historismus. Verantwortlich für das Festhalten an architektonischen Traditionen ist das politisch-kulturelle Klima in München in den 1920er-Jahren. In die Debatte um den viel diskutierten Niedergang Münchens als Kunststadt greift unter anderen Thomas Mann 1918 mit der Bemerkung ein, anstelle einer geistigen Qualität scheine in der Münchner Kunst der dekorative Reiz zu überwiegen. Die ästhetische Stilisierung zur Kunststadt erlaubt offenbar keine innovativen Experimente. Internationale Großstadtkultur ist Berlin vorbehalten – in München herrscht eine reaktionäre Grundhaltung, die zum Beispiel Lichtreklame auf den Dächern verbietet.

München bleibt konservativ

Ein Lichtblick in diesem rückgewandten Historismus sind nur die Postbauten von Robert Vorhoelzer (1884 bis 1954), Vorzeigeobjekte für Bauhaus-Architektur in München und Bayern. Die Münchner Postabteilung und Robert Vorhoelzer sind an keinerlei Vorgaben des Landes Bayern und der Stadt München gebunden, die Genehmigungspflicht für alle Bauverfahren fällt weg. Die Postabteilung gilt als Reichsbehörde mit umfassender Entscheidungsfreiheit, als exterritorial. Zu den wichtigsten Postgebäuden von Vorhoelzer zählen in München das in der Fraunhoferstraße, an der Tegernseer Landstraße, am Harras und das wohl bekannteste am Goetheplatz. Kennzeichen sind kubische Körper, geschwungene Bauformen, weiß verputzte Außenflächen und moderne Materialien wie Glas und Stahl.

Das Innere der Postbauten ist geprägt durch Licht und Luft. Dazu heißt es in der Bayerischen Staatszeitung vom 7. August 1932: „Mancher Schalterraum war früher eine Art Käfig … vor der Nase zugeklappte Schalter, schmutzig braune Ölfarbe, Angstkomplexe des Publikums in überfüllten Räumen – das ist in Vorhoelzerischen Bauten nicht mehr möglich und man möchte der lichten und luftigen Bauten wegen allein  Briefmarken kaufen gehen.“

Das Neue Bauen gewinnt an Akzeptanz – und zeitgleich nimmt die ideologische, chauvinistische und rassische Diffamierung zu. Der Sozialismus-Verdacht scheint durch den Sachverhalt bestätigt, dass das Neue Bauen vor allem im Wohnungsbau der SPD-geführten Städte gefördert wird. Schlagworte wie „Jazz-Architektur“ und „Nomadenbaukunst“ machen die Runde. Die Nazis entziehen dem „Baubolschewisten“ Vorhoelzer 1933 den Lehrstuhl.

Bevor die Nationalsozialisten die Flachdachhäuser verbieten, entsteht in München 1933 noch das Wohnhaus in der Delpstraße: ein kubischer Block mit flachem Kupferdach, putzbündigen vertikalen und horizontalen Fensterbändern und viel Glas im Erdgeschoss. Es ist ein radikal modernes Gebäude und Paradebeispiel für das Neue Bauen. Architekt ist ... (Ina Kuegler)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Januar/Februar-Ausgabe 2019 von UNSER BAYERN (BSZ Nr. 2 vom 11. Januar 2019)

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