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Ausschnitt aus einer Seite des "Filialbüchleins" von Hans Schmuttermayer. Sehen Sie die gesamte Seite in der Bildergalerie am Ende des Beitrags. (Foto: Germanisches Nationalmuseum)

01.03.2019

Schätze der Baukunde

Geschichte der Architekturbücher: Theoretische und praktische Bauanleitung, Bestandsaufnahme der gebauten Vergangenheit

Kein Architekt, kein Maurerpolier läuft heute noch mit einem Musterbuch über die Baustelle. Früher waren Baumeisterbücher, Fialen- oder Säulenbücher als praktische Anleitungen durchaus üblich. Sie gehörten genauso zur Gattung Architekturbuch wie die großen theoretischen Werke, die postulieren: „Die Architektur ist die Königin unter den Künsten“. Daneben treten Vedutenwerke und Denkmälerinventare, die enzyklopädisch in Bild und Wort auflisten, welche bedeutenden Bauwerke man in landesherrlichen Grenzen hatte.

Der Mensch als Maßstab aller Dinge, der Mensch als Mikrokosmos, Kreis und Linie stellvertretend für die Harmonie des Alls und das Göttliche: All das  klingt nach klassischer Antike und nach dem römischen Baumeister Vitruvius. In seinem Architekturtraktat De Architectura Libri Decem verbinden sich theoretische Metaphysik mit  praktischer Nutzung. Es sollte ihn berühmt machen.

Was dem Römischen Reich wichtig war, ging nördlich der Alpen mit Beginn des Mittelalters in großen Teilen verloren. In Althochdeutsch gibt es keine Architekturbücher. Immerhin ist Vitruvius‘ Ideenwelt handschriftlich weitergegeben worden. In der Gotik kamen  erklärende Überlegungen des Bernhard von CFlairvaux dazu, wie denn die himmelhoch strebenden Säulen der Gotik zu verstehen seien. Den Baumeistern des nordfranzösischen Beauvais hätte man ein praxisbezogenes Architekturbuch gewünscht: Dann wäre der ambitionierte Chor ihrer Kathedrale vielleicht nicht wieder eingestürzt. Die Baumeisterschulen und Bauhütten der Gotik in Frankreich oder der Lombardei: Dort wirkten keine Männer der Schrift, sondern der praktischen Erfahrung – auch wenn man manches in vom vielen Gebrauch zerfledderten kleinen Handbüchern von Baustelle zu Baustelle mitnahm. Das konnte zum Beispiel ein „Fialenbüchlein“ sein. In der Regel wurde das Baumeisterwissen von Angesicht zu Angesicht weitervermittelt – andernfalls auch geheim gehalten.

Das Mittelalter hat keine Architekturlehren entwickelt. Es mag erst um 1415 gewesen sein, dass die italienischen Humanisten das klassische Architekturbuch (besser: „Die zehn Bücher“) des Vitruvius wiederentdeckten und in den antiken Lehren Vorbilder für das moderne Bauen der Renaissance sahen. Bis dahin hatte man sich für Neubauten  – wie aus einem Laden – an Beispielen überkommener Architektur bedient: Für den Aachener Dom beispielsweise bedienten sich die Architekten gleich an drei berühmten Vorbildern, und zwar an San Vitale (Ravenna), an der Hagia Sophia (Istanbul) und am Felsendom (Jerusalem).

Baulehre für die Praxis

Erst in der Frührenaissance ging es mit bauwütigen Fürsten und ihren Baumeistern und auch mit den Architekturlehren los: nicht nur mittels antiker Versatzstücke im Sinne einer lediglich zitathaften Rezeption, sondern mit den großen, umfassenden Themen der Architektur, in denen es um Festigkeit, Funktionalität und Schönheit ging. De re edificatoria nannte der Florentiner Leon Battista Alberti seine an Vitruvius orientierte Architekturlehre: alles auf Latein und bilderlos. Andrea Palladios orientierte sich in seinem zentralen Lehrwerk Quattro Libri dell’Architettura dagegen an dem, was er selbst gebaut hat: erst die Praxis, dann die Theorie.

Deutschland hinkte hinterher. Das, was moderne Baukunst war – Säulenordnungen, Bossenquader –, brachte man im Kopf mit über die Alpen oder in Form einzelner Zeichnungen. Rein theoretische Lehrbücher wie Dürers Traktate bildeten zunächst die Ausnahmen. Häufiger erschienen Ansichtswerke, Folgen von Stichen. Die verschmolzen dann italienische Vorbilder mit heimischen Architekturformen, etwa dem niederländischen Treppengiebel. Es ist vor allem der Verdienst Hans Vredeman de Vries‘ die modernen Bauformen der Renaissance mittels seiner Mappenwerke transalpin bekannt gemacht zu haben.

Fragen des Kirchenbaus

Die Reformation brachte die Notwendigkeit zur Umgestaltung katholischer oder den Neubau protestantischer Kirchen mit sich. Wo soll sich beispielsweise die Kanzel nach der neuen Liturgie befinden, wo der Taufstein, wo der Altar? Luther war da keine Hilfe. Erstaunlicherweise dauerte es bis zum Ende der kirchlichen Erneuerungsbewegung bis Joseph Furttenbach d. J. 1649 ein ausschließlich dem protestantischen Kirchenbau gewidmetes Werklein vorlegte, das Kirchen-Gebäw titelt. Neben Einzelthemen gab es schon auch mal eine – nach Konfessionen geordnet – Vollständige Anweisung aller Arten von Kirchen des Leonhard Christoph Sturm. Bei den Protestanten hatten Schlichtheit und Funktionalität zu dominieren, man konnte sich auf die Vorbilder und Anweisungen des Franzosen Vauban für den Festungsbau verlassen.

Erst als Goethe die Gotik des Straßburger Münsters als urdeutsche Bauform zu entdecken glaubte, wurden die deutsche Architekturlehre und damit Architekturbücher zunehmend wichtig. Man begann sie zu sammeln. So auch der fränkische Freiherr Hans von Aufseß, der 1852 das Germanische Nationalmuseum gründete. Nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation (1806), nach dem Ende der französischen Vorherrschaft (1814/15) verherrlicht man in Deutschland die Gotik als Nationalstil, fragte darüber hinaus auch nach früheren Formen, besonders als das Historisierende in Mode kam. Länder, die keine architektonische Tradition hatten, griffen gerne auf Theorie und Praxis der vorhandenen Architekturbücher zurück.

Der Bestand an Architekturtraktaten, Säulenbüchern, Perspektiv- und Baulehren, Musterbüchern und Ansichtswerken in der Bayerischen Staatsbibliothek und im Germanischen Nationalmuseum wuchs bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts mächtig an. In Nürnberg legte Aufseß besonderen Wert auf deutschsprachige Architekturbücher. Große Bestände gab es auch ... (Uwe Mitsching)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in der Ausgabe März/April von UNSER BAYERN, das der BSZ Nr. 9 vom 1. März 2019 beiliegt.

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