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Die Synagoga erscheint im Bamberger Dom neben dem Fürstenportal offensichtlich auch an einer der westlichen Chorgestühlwangen. Dass die Synagoga kaum oder gar nicht diskriminierend dargestellt ist, könnte man als eine „Bamberger Tradition“ bezeichnen, wenn man bedenkt, dass auch Hildegard von Bingen (1158/59 Predigtaufenthalt in Bamberg) in ihrem Buch "Liber Scivias" (um 1152) als eine der wenigen die Synagoga positiv bewertet, und zwar als königliche Mutter der Propheten. Dazu passt die Schnitzfigur eines Propheten unter ihr im Chorgestühl. Im Beitrag sehen Sie die Gesamtansicht dieser Synagoga ebenso wie die Figur der Ecclesia im Chorgestühl. (Foto: Andreas Reuß)

22.03.2023

Subtile Mahnung

Im Bamberger Dom lässt sich eine weitere Figur als Synagoga nachweisen. Sie untermauert, dass nichts entfernt werden soll

Im Jahr 2020 begann in Bamberg aufgrund einer Initiative des erzbischöflichen Beauftragten für Weltanschauungsfragen, Hans Markus Horst, eine Diskussion darüber, ob man die Figur der Synagoga, der Verkörperung des Judentums am Fürstenportal des Bamberger Doms, entfernen sollte. Sie sei diskriminierend dargestellt, also in Zeiten des wieder aufkeimenden Antisemitismus nicht hinnehmbar: Sie steht eingeknickt, trägt eine Augenbinde, sieht also nicht den „wahren Glauben“, ein Stab ist ihr zerbrochen, die Gesetzestafeln gleiten ihr aus der Hand und ihr Gewand bedeckt nur dürftig ihre Blöße.

Letzteres betont aber deutlich die bis heute allenthalben bewunderte, geradezu erotische Schönheit dieser künstlerisch großartig gestalteten Frauenfigur. Der renommierte Kunsthistoriker Willibald Sauerländer (1924 bis 2018) hatte diese in einem persönlichen Gespräch jedoch negativ gedeutet: Solcherart verführerische weibliche Schönheit sei im Mittelalter eher als „böse“ verstanden worden.

Sollte man nun dieses Kunstdenkmal, eine der bedeutendsten Bildhauerarbeiten des 13. Jahrhunderts, tatsächlich entfernen? Der letzte Höhepunkt der Auseinandersetzung war eine öffentliche Podiumsdiskussion im Juli 2021 mit dem damaligen Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, dem Pressesprecher des bayerischen Antisemitismusbeauftragten Ludwig Unger und einigen Fachleuten in der Aula der Bamberger Universität. Auf eine klare Vorgehensweise konnte man sich allerdings nicht einigen. In einem Interview sprach sich in jüngerer Zeit der aus einer alten jüdischen Bamberger Familie stammende Historiker Michael Wolffsohn gegen die Entfernung der Statue aus.

Ein neuer Befund könnte entscheidend zur Klärung und Beibehaltung der Synagoga-Statue führen. Im Bamberger Dom können nämlich nicht nur die Steinfiguren der Älteren und Jüngeren Schule aus Reims, die unter anderem den berühmten Reiter und das Fürstenportal geschaffen haben, als Höhepunkte der Bildhauerkunst des Mittelalters gelten; auch die Schnitzkünstler, die wohl der Prager Parler-Schule angehörten und am Ende des 14. Jahrhunderts nach Bamberg kamen, sind in ihrer Art unübertroffen. Das Chorgestühl im Westchor des Bamberger Domes ist inzwischen einzigartig, nachdem dasjenige in Prag 1541 verbrannte.

An der Wange des südlichen Chorgestühls im Westchor hat nun schon seit geraumer Zeit das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege im entsprechenden Inventarband "Die Kunstdenkmäler von Bayern, Stadt Bamberg, Domberg, Teilband 2" (2015) eine bisher kaum beachtete holzgeschnitzte Figur der Parler-Schule (Peter Parler, 1330 oder 1333 bis 1399, wirkte vor allem in Prag) beschrieben und vermutet, dass es sich auch hier um eine Synagoga handeln könnte.

Was das Chorgestühl erzählt

Eine neuerliche genaue Betrachtung untermauert diese Vermutung. Die Figur steht ebenfalls leicht geknickt, ihr Gewand ist im Brustbereich wiederum sehr dünn und reicht nicht bis zum Boden hinab, außerdem trägt sie eine Art Spitzhut, wie er am Ende des 14. Jahrhunderts, als der Meister des Chorgestühls dort arbeitete, für Juden vorgeschrieben war. Dass auf der anderen Seite, an der Wange des nördlichen Chorgestühls, offensichtlich eine Ecclesia – also die Verkörperung der christlichen Kirche – dargestellt ist, entspricht genau dem Paar Ecclesia–Synagoga vom Fürstenportal des Domes.

Das Inventar erkennt nun an der Südwange einen „heilsgeschichtlichen Erzählzyklus“, der unterhalb der Synagoga mit der Figur des Proheten Jesaja beginnt und darüber mit der Verkündigung an Maria endet.

Fast sensationell ist aber etwas anderes: Die Synagoga am Chorgestühl erscheint kaum oder überhaupt nicht diskriminiert, von einer „sündig verführerischen Schönheit“ kann man schon gleich gar nicht sprechen. Es handelt sich eher umeine „Greisin“, was der Synagoga-Verkörperung an anderen Orten, zum Beispiel auf einer Elfenbeintafel des 11. Jahrhunderts aus Unteritalien, ebenfalls entspricht. Außerdem hat sie eine stark männliche Ausstrahlung.

Diese Kombination galt im Bamberger Dom aber keineswegs als herabsetzend, denn als alte Frau erscheint noch eine andere, wunderschöne und rätselhafte Steinfigur der Jüngeren Schule im nordöstlichen Seitenschiff des Domes, von der man nicht sicher weiß, ob es sich um eine Elisabeth oder gar um einen Mann handelt – sie ist jedenfalls eine Art Heiligenfigur. Wie sie mit grandios fein gemeißelter Hand – die im Inventar mit derjenigen der steinernen Synagoga verglichen wird – ihre Gewandfalten rafft, fordert die größte Bewunderung heraus. Es wird deshalb angenommen, dass derselbe Meister, der die „Alte Frau“ geschaffen hat, auch die Synagoga-Figur am Fürstenportal gestaltete. Und die Hände der holzgeschnitzten Synagoga – die bei genauem Hinsehen schon immer ohne zerbrochenen Stab und Gesetzestafeln gewesen sein dürften – scheinen ebenfalls das Gewand zu raffen. Schließlich überraschen die musizierenden Engel unmittelbar über der Schnitzfigur, denn eher die Ecclesia wurde traditionell von einem Engel begleitet. Erstaunlicherweise fehlt ein solcher auf der Ecclesia-Seite. Insgesamt erscheint die holzgeschnitzte Synagoga also eher positiv gewürdigt.

Wir müssen uns dementsprechend den Ablauf der Entstehung des Chorgestühls so vorstellen: Die genialen Meister, die man der berühmten Prager Parler-Schule zuschreibt, sahen gegen Ende des 14. Jahrhunderts die großartig-monumentale Skulptur der Synagoga am Fürstenportal und interpretierten sie als eine – im Vergleich zu anderen, eindeutig diskriminierenden Darstellungen – eher das Heil erwartende allegorische Darstellung. Sie dachten also, in Bamberg sei man dem Judentum gegenüber eher liberal eingestellt. Das entsprach zwar nicht ganz der aktuellen Situation vor Ort, wo man Juden eher ausgrenzte, andererseits aber deren Sesshaftigkeit vorerst ermöglichte.

Beeindruckende Alte Frau

Zusätzlich waren die Prager Meister von der enorm ausdrucksstarken Figur der Elisabeth beeindruckt, welche die Bezeichnung „Alte Frau“ als Schandurteil aufhebt und es gleichsam in den Titel „Gottbegnadete, apokalyptische Seherin des Heils“ verwandelt. Als eine solche erscheint nun auch die geschnitzte Synagoga, nahe am heutigen Standort des Papstgrabs, mit Engeln schwebend über ihrer Gestalt und mit dem Hochaltar im Westchor von Angesicht zu Angesicht mit dem Gekreuzigten: Ihr Gesichtsausdruck ist gebannt vom Schauen der kommenden Erlösung, ihre Arme sind davon wie erstarrt. Der gekreuzigte Jesus ist auch mit an-deren Darstellungen von Ecclesia und Synagoga verbunden, etwa auf dem Elfenbeindeckel des Perikopenbuchs Heinrichs II.

Wir können also in Bamberg eine wohl selten erreichte Integration des Judentums in den christlichen Rahmen erkennen, weshalb die Synagoga-Figuren (die Kopie am Fürstenportal und das Original im südöstlichen Seitenschiff) an Ort und Stelle bleiben müssten, um die sinnstiftende geistige Auseinandersetzung weiterhin nachvollziehen zu können.

Weitere Forschung nötig

Die Aufstellung einer erklärenden Bildtafel wäre sinnvoll, zumal beim üblichen, individuellen Domrundgang das Chorgestühl nicht besichtigt werden darf. Für die Lektüre weiterer Forschungen sind Erklärungstafeln freilich nicht ausreichend. Als deren Basis sind genauere Untersuchungen im Chorgestühl nötig, etwa am verwendeten Holz. Auch der erneute, eingehende Vergleich mit den anderen Männer- und Frauenfiguren am Chorgestühl, insbesondere auf der Nordseite, wäre nötig. Es konnte bereits herausgefunden werden, dass wohl mehrere Bildhauer und Schreiner gleichzeitig beschäftigt waren. Im Moment ist aber ein durchgängiges Programm nicht erkennbar, denn eine große Anzahl von Figuren wird wohl immer ein Rätsel bleiben.

Jedenfalls bestätigt sich eine These aus dem Aufsatz des Kunsthistorikers Matthias Scherbaum im Jahrbuch des Historischen Vereins Bamberg 2022, nach der schon die steinernen Domfiguren eine von den Künstlern bewusst angelegte Viel-deutigkeit aufweisen. Auffallend sind im Chorgestühl außerdem mehrere alttestamentliche Königsfiguren, die – ebenfalls nach Scherbaum – der Herleitung des christlichen Gottesgnadentums aus dem Alten Testament und damit der Recht-fertigung von weltlicher Macht dienten. Dazu passt die Aussage des Inventars: „Die politischen Verhältnisse des 14. Jahrhunderts vor Augen, können die Figuren von Bischof und König möglicherweise in einem allgemeinen Sinn als Vertreter der kirchlichen und weltlichen Macht angesehen werden.“ Insofern wirkten Juden mit ihrem Königtum als Rechtfertigung höchster Mächte und damit gegen jede Diskriminierung ihrer Religion.

Speziell die Synagoga am Chorgestühl scheint sagen zu wollen, dass Diskriminierungen, etwa aufgrund von Volkszugehörigkeit, Alter oder Geschlecht selbstverständlich als extremistische, unmenschliche Ideologien abzulehnen sind. Wichtiger sind Fragen der Kunst und der Religion, und am wichtigsten ist die Botschaft, welche der Engel Gabriel über ihr an die Jungfrau Maria verkündet, die uns sagt, dass auch wir, die wir alle gleichsam im Gestühl des Chorgebets sitzen, in diesen Zeiten fast schon heraufbeschworener Untergänge den „Fürst des Friedens“, der über die wahre Macht verfügt, erwarten dürfen, sei es im Osten oder Westen. (Andreas Reuß)

Abbildungen (von oben):
Die Statue der Ecclesia im Bamberger Dom. (Foto: Jan Kopp)
Figur der Synagoga im Dom. (Foto: Jan Kopp)
Die „Alte Frau“ ist ebenso wie die Synagoga mit erhöhter Ausstrahlung ausgearbeitet. (Foto: Jan Kopp)
Das Paar Ecclesia (links) und Synagoga erscheint im Bamberger Dom neben dem Fürstenportal offensichtlich auch an den einander gegenüberliegenden
westlichen Chorgestühlwangen.Dass die Synagoga kaum oder gar nicht diskriminierend dargestellt ist, könnte man als eine „Bamberger Tradition“ bezeichnen,
wenn man bedenkt, dass auch Hildegard von Bingen (1158/59 Predigtaufenthalt in Bamberg) in ihrem Buch "Liber Scivias" (um 1152) als eine der
wenigen die Synagoga positiv bewertet, und zwar als königliche Mutter der Propheten. (Fotos: Andreas Reuß)

 

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