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Elbeo gewann mit dem Strumpf „Plastic“ den Grand-Prix auf der Weltausstellung in Paris im Jahr 1937. Der Strumpf bestand aus hauchdünner Naturseide. (Foto: TIM/SAMMLUNG SCHÖDEL)

14.01.2022

Verführerischer Blickfang

Feine Strümpfe für elegante Frauenbeine: ein bislang wenig beachtetes Kapitel der Konsumgeschichte

"Ein Perlontraum aus Heidelberg“ lautet der Werbeslogan des Strumpfunternehmens Gläser aus Heidelberg im Jahr 1954. Feine Perlonstrümpfe in gefälligen Verpackungen, üppig dekoriert in Schaufenstern und zu immer günstigeren Preisen wecken die Begehrlichkeit der Frauen – und erfüllen die Erwartungen der Strumpfhersteller. Die 1950er-Jahre entwickelten sich zur Goldgräberzeit der westdeutschen Feinstrumpfindustrie nach deren völliger Zerschlagung und Zerstörung am Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Werbeslogan der Firma Gläser vereint zwei Aspekte, die beispielhaft die Konsumgeschichte des Strumpfes im gesamten 20. Jahrhundert ausmachen: Erwähnt ist das neben Kunstseide und Nylon wichtigste neue Material Perlon zur Produktion der Strümpfe, verspricht die Erfüllung von Träumen und bietet somit eine Projektionsfläche für die heimlichen Wünsche der Frauen oder aber jener, die Strümpfe verschenken.

Zugleich ist der Werbespruch Teil des heute sogenannten Marketingmix, der mit den Instrumenten der Produkt- und Preisgestaltung, den Vertriebswegen und der Kommunikation über das Produkt den Konsum anregen soll. Die Beschäftigung mit der Konsumtion von Strümpfen, insbesondere von Damenstrümpfen, umfasst somit die Geschichte von Verbrauch und Werbung.

Der Rocksaum rutscht höher

Der feine Strumpf anvancierte aber nicht erst in den Wirtschaftswunderjahren zum bedeutenden Konsumprodukt: Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts, mehr noch in den 1920er-Jahren, gelangte er in den Blick der Öffentlichkeit. Die Konsumgeschichte des Strumpfes lässt sich trefflich mit dem Begriff verführerisch fassen. Attraktivität und Eleganz versprach die Werbung, Modezeitschriften boten Rat für den Gebrauch und die Pflege, die wechselnde Höhe der Kleidersäume veränderte immer wieder den Blick auf Frauenbeine.

Die Folgen des Ersten Weltkriegs sollten die ge-sellschaftliche Stellung der Frau nachhaltig verändern. Ihr Streben nach Gleichberechtigung verwandelte das weibliche Erscheinungsbild. Der Kleidermode der 1920er-Jahre kam mit Blick auf die Strümpfe eine Schlüsselrolle zu. Denn mit den kürzer werdenden Säumen der Kleider rückten die Strümpfe der Damen wortwörtlich in den Blick der Mitmenschen. Innovationen der Chemieindustrie, wie die Kunstseide, erweiterten zudem nicht nur in der Strumpfindustrie die Produktpalette, sondern ließen das modische Produkt Strumpf preiswerter und damit auch massentauglicher werden. Neben den Mode-trends der 1920er-Jahre lieferte das neue Garn entscheidende Impulse für die kommenden Ver-änderungen auf dem Strumpfmarkt.

Je kürzer die Röcke wurden, desto größer wurde der Bedarf an neuen Strümpfen. Statt einem einzigen Paar Strümpfe aus Naturseide konnte sich die modisch interessierte Frau nun vier Paar kunstseidene leisten. Der Kreis der Konsumentinnen und ihr Strumpfverbrauch stiegen beträchtlich. Die Strumpfindustrie musste sich auf dem wachsenden Markt der Möglichkeiten positionieren. Die Unternehmen nahmen dabei die Empfehlungen des Modejournalismus zu einem perfekten Erscheinungsbild der Frauen in Werbeanzeigen auf.

Schlank und sportlich

Das Bild der „neuen Frau“ zeigte einen schlanken und auf Sportlichkeit getrimmten Körper. Modeberichte und Werbung zielten außerdem auf eine elegante Gesamterscheinung mit passenden Strümpfen, welche die Beine schlank und gut geformt wirken lassen sollten. Die Strumpfwerbung suggerierte, dass die richtigen Strümpfe die Frauen in ihrem Wunsch, der propagierten Erscheinung zu entsprechen, unterstützen könnten. „Schon im Ankleidezimmer entscheidet sich der Erfolg des Tages“, behauptete das Unternehmen Elbeo in einer Anzeige im Moden-Spiegel 1929. Zeitgleich stechen in einer zweiten Anzeigenserie Elbeos die Worte „edel“, „vornehm“, „auffallend“ und „unerreicht“ ins Auge, die damit die Konsumentinnen vom Kauf des Qualitätsstrumpfs zu überzeugen suchten.

Die preiswerten Feinstrümpfe aus Kunstseide entwickelten sich so zum Kennzeichen der modernen, schlanken, modebewussten und eleganten Frau und zum sichtbaren Symbol für Weiblichkeit. Zugleich ermöglichten sie eine Demokratisierung des modischen Konsums, indem eine breitere Schicht an Konsumentinnen daran teilhaben konnte. So kam es zur „Herrschaft der entfesselten Beine“, so die Zeichnerin Marlice Hinz in der Zeitschrift Die Dame 1927.

Ende der 1920er-Jahre rutschten die Säume der Kleider wieder weiter nach unten. Weiterhin propagierten Modeberichterstatterinnen, dass die elegante Frau darauf zu achten habe, dass jedes Kleidungsstück zur Gesamterscheinung passe. Die Strumpfhersteller sparten nicht an Werbekampagnen, auch wenn feine Strümpfe ab 1934 nicht nur wegen der wieder längeren Rö-cke langsam aus dem Blick der deutschen Verbraucherinnen geraten sollten. Die Eingriffe der nationalsozialistischen Regierung in die Textilwirtschaft, die beispielsweise eine Beimi-
schung minderwertiger Fasern für Baumwoll- und Seidengarne vorschrieb, um Devisen für den Rohstoffimport zu sparen, verschlechterten das Angebot feiner Damenstrümpfe. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Konsum von Kleidung und somit auch von Strümpfen rationiert, und zwar mit einem Bezugsscheinsystem, der sogenannten Reichskleiderkarte. Strümpfe konnten nicht mehr in beliebiger Menge gekauft werden. Die Beschränkung führte zu einem Mangel bei der Versorgung von Strümpfen in der Bevölkerung.

Geheimsache Perlon

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 herrschte Mangel an Kleidung und Strumpfprodukten in Deutschland. Doch schon vor dem Krieg waren sowohl in den USA als auch in Deutschland neue Fasern entwickelt worden, die die Mode und den Konsum der Nachkriegszeit verändern sollten: Nylon und Perlon. Paul Schlack hatte für die I.G. Farben 1938 die Chemiefaser Perlon entwickelt, in enger zeitlicher Nähe und zunächst unabhängig vom amerikanischen Nylon. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg experimentierte das Strumpfunterneh-men Elbeo mit diesem vollsynthethischen Garn: Der erste Perlonstrumpf wurde unter größter Geheimhaltung in einem Elbeo-Werk hergestellt. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren stand Perlon der Modeindustrie jedoch noch nicht zur Verfügung. Natürlich waren amerikanische Nylonstrümpfe während des Krieges in Deutschland nicht erhältlich, sie entwickelten sich erst nach Kriegsende zur begehrten Ersatzwährung auf dem Schwarzmarkt... (Michaela Breil)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in der Ausgabe Januar/Februar von UNSER BAYERN in der BSZ Nr. 2 vom 14. Januar 2022.

 

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