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Detail einer Jugendstilmaske am Haus in der Bamberger Hauptwachstraße 13. Sehen Sie die Gesamtansicht in unten stehendem Beitrag. (Foto: Holger Beck)

10.09.2021

Von Gaffern und Neidern

Ein Architekturelement mit regionalen Besonderheiten: Viele Bamberger Häuser zieren Masken

Ob an Hausfassaden, als Türklopfer, als Konsolsteine oder in Form von Kapitellen, in Häusern an Stuckdecken oder an Geländern in Treppenhäusern – immer wieder stößt man in der Bamberger Altstadt auf Masken. Diese haben weder etwas mit Corona noch mit Karneval zu tun, sondern ursprünglich vor allem mit der griechischen Antike: Es sind Architekturelemente, die das Antlitz eines Lebewesens zeigen: von menschlichen Gesichtern zu Tier- oder Phantasiegesichtern. Sie sind frontal wiedergegeben und normalerweise nicht vollplastisch, sondern als Relief (beziehungsweise gemalt) künstlerisch umgesetzt. Manchmal reicht die Maske bis zu den Schultern oder zur Brust. Je nach Darstellungsart beziehungsweise Epoche können diese Masken verschiedene Namen tragen: Blattmaske, Gaffkopf, Maskaron, Neidmaske/ Neidkopf, Fratze/ Fratzenkopf und ähnliches.

Das wohl bekannteste Beispiel einer Bamberger Maske ist die Blattmaske an der südlichen Konsole des Bamberger Reiters, gefolgt vom Apfelweibla, einem Türknauf an einem Altstadthaus. Eine genaue Anzahl der Bamberger Masken kann man schwerlich anführen, denn Masken befinden sich zwar vorzugsweise am sichtbaren Außenbereich eines Gebäudes – aber es gibt viele Beispiele von Masken in Innenhöfen, Fluren, Innenräumen, auch in Kirchen und selbst in einem Beichtstuhl von St. Martin. Alleine im Bereich Wilhelmsplatz finden sich über 150 Beispiele.

Die älteste Bamberger Maske ist die Blattmaske am Bamberger Reiter (um 1220/1230), mit die jüngsten gehen wohl auf das Jahr 1938 zurück. Epochenbezogen lässt sich die mit Abstand größte Anzahl an Masken auf die Zeit um 1900 datieren; aus dieser Epoche dürften in etwa 80 Prozent der Bamberger Masken stammen, gefolgt von Masken aus der Zeit des Barock. Mittelalter und Renaissance sind ebenfalls mit einigen und mitunter sehr interessanten Beispielen vertreten, während aus der Zeit des späteren 18. und eines Großteils des 19. Jahrhunderts keine Belegbeispiele in Bamberg bekannt sind.

Was sich mitunter als neckisch dreinblickendes, phantasievoll oder witzig gestaltetes Gesicht an den Häuserfronten in Form von Masken zu erkennen gibt, hat eine weit zurückreichende Vorgeschichte, die sich im abendländischen Kulturkreis bis auf das sechste vorchristliche Jahrhundert zurückverfolgen lässt. In ihrer Entstehungszeit hatten die Masken keineswegs etwas Drolliges an sich, sondern waren Ausdruck tiefen Ernstes, bisweilen von menschlicher Angst.

Zu Stein erstarren lassen

Erstmals greifbar in der griechischen Kunst um 700 v. Chr., findet man in verschiedenen Varianten Darstellungen eines (meist) isoliert dargestellten Kopfes, der einem Grundtypus folgt: rundes Gesicht, großer aufgerissener Mund, gefletschte Zähne, bleckende Zunge, weit geöffnete und starrende Augen und von Schlangen umwimmelt: es ist das Haupt der Medusa, aufgrund genealogischer Zusammenhänge im griechischen Mythos auch Gorgoneion genannt. Im griechischen Mythos muss Perseus ein Bündel von eigentlich unlösbaren Aufgaben bestehen, deren Höhepunkt im Beibringen des Medusenhaupts besteht. Medusa ist eine von drei gruseligen Schwestern, zu Monstern verwandelten ehemaligen Schönheiten, deren übelste von all ihren unangenehmen Eigenschaften darin liegt, denjenigen zu Stein erstarren zu lassen, der ihnen ins Gesicht blickt. Perseus, unterstützt und gut versehen bei seiner Aufgabe von der Göttin Athene, schafft das Unmögliche – und erweist sich hierauf seiner Schutzgöttin dergestalt dankbar, als er ihr das abgeschlagene Haupt der Medusa zum Geschenk macht.

Aber die versteinernde Wirkung ist dem Medusenhaupt auch post mortem inhärent, weswegen Athene nicht säumig ist und diese Trophäe – hier nimmt die kunst- und kulturgeschichtliche Reise dieses Motivs ihren Anfang – an ihre Rüstung heftet, um etwaige Feinde, die ihr begegnen, zu bannen. „Unheil abwehrend“ nennt man dies, apotropäisch im Griechischen – und in diesem Sinne wird die primäre Handhabung des Medusenhauptes als magischer Schutz bereits in der Antike fassbar: Als Darstellungen auf Dachziegeln und Schilden von bewaffneten Kriegern sowie initial auf dem Panzer (Aigis) der Göttin Athene.

Dieser mythische Ursprung hat sich von den Griechen auf die Römer und von da ins christliche Mittelalter transformiert, von wo aus er eine Wiederbelebung in der Renaissance und im Barock erfuhr.

Es fallen zeitbedingte Veränderungen auf. Bereits im Lauf der Antike wandelte sich die Darstellung des Medusenhaupts – vermutlich im Zusammenhang mit der Ausformung der griechischen Philosophie. Der Glaube oder Nicht-Glaube an ein magisches Weltbild beziehungsweise an eine magische Realität ist eine bedeutende Weichenstellung, die das Abendland in seiner konkreten kulturellen Ausformung bestimmte, wofür das Phänomen der Masken ein anschaulicher Indikator ist. So ist bei archaischen Masken das Medusenhaupt ausgesprochen apotropäisch gestaltet, beherrschte doch der Glaube an die Wirkmächtigkeit von Magie viele Lebensbereiche. Es sollten Feinde, böse Geister und manch anderes Übel durch grausige Fratzen abgewehrt und unschädlich gemacht werden. Solche Glaubensvorstellungen gingen mit dem Wachsen der aufklärerischen griechischen Philosophie zurück.

Im Zeichen des Christentums

Das Gorgoneion spielte lange keine Rolle mehr – bis es in der romanischen Kunst des Mittelalters, vor allem im Außenbereich von Kirchen, wieder auftauchte. Die Maske stand fortan im Zeichen des Christentums – was aber keineswegs eine Überwindung, sondern eher eine Modifikation des magischen Denkens bedeutete. Diese Masken haben zwar die alten apotropäischen Merkmale (Zungenblecken, Augenaufreißen, Grimassenschneiden und dergleichen), aber im Verhältnis zu ihren (vor-) antiken Vorläufern hat sich das ikonografische Bezugssystem geändert. Aufschlussreich ist zum Beispiel eine Maskendarstellung im Kreuzgang des Klosters Montmajour in der Nähe von Arles (Frankreich): Dargestellt wird ein Ziegenkopf und die damit verbundene christliche Ikonografie des Teufels. Um Teufel und Dämonen abzuschrecken, sind die Masken an und in Gotteshäusern oft selbst wie unterdrückte, von der Kirche besiegte Dämonen dargestellt: Oft findet man sie als Konsolsteine unter den Füßen von Heiligenfiguren. Beispiele dafür kann man in der Oberen Pfarre in Bamberg entdecken.

Zeichen rechtlicher Strenge

Auch die Gesichter der Renaissancemasken, wie an der Schönen Pforte der Alten Hofhaltung in Bamberg, starren den Betrachter an und blecken ihre Zungen, aber im Unterschied zu ihren Vorgängern haben sie immer weniger Bedeutung als magische oder christianisierte Zeichen, was maßgeblich mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften (Kopernikus, Galilei, Keppler) zusammenhängt. In der Ästhetisierung der Masken tauchen nun auch Zier- und Schmuckformen auf, die rein ornamentalen Charakter haben. Das magische Moment der Renaissancemasken bleibt zwar ebenfalls erhalten und bedient sich nach wie vor der klassisch apotropäischen Formen, aber nicht mehr im Sinn eines schlichten Dämonen- und Geisterglaubens: Vielmehr zielen diese Darstellungen auf die Abbildung staatlicher Gewalt und rechtlicher Strenge.

Deutlich wird dies an der Schönen Pforte, wo nicht nur die Maske des Torbogens furchteinflößend wirkt – es sind vor allem die drei Hermen, die autoritäre Strenge verbreiten: Mit gebieterischem, hartem Blick schauen sie unverrückt nach vorne, ihre vor der Brust verschränkten Arme signalisieren unverrückbare und abwehrbereite Standhaftigkeit. Kombiniert sind Zierformen: Man sieht geflochtene Bärte und vor allem die unteren Körperhälften der Hermen sind aufwendig mit Akanthusranken geschmückt, in fein modelliertem Faltenwurf liegen ihnen die Röcke um die Hüften. Eine ähnliche Mischung zeigt sich bei der Maske: Der annähernd quadratische Mund ist wie zum Schrei aufgerissen, die Augen rollen bedrohlich und fixieren den Betrachter. Fast abmildernd, wenn nicht gar konterkarierend, erscheinen die Schmuckformen: die kunstvoll, fast verspielt eingedrehten, verschnörkelten Hörner, die unregelmäßige obere Zahnreihe, der stark herausgearbeitete Amorbogen der Oberlippe und die bartartigen Pflanzenornamente, die am Backen- und seitlichen Kinnbereich der Maske den Betrachter an Elemente einer Blattmaske erinnern ... (Matthias Scherbaum)

Lesen Sie den vollständigen, mit 30 Motiven reich bebilderten Beitrag in  UNSER BAYERN, Ausgabe September/Oktoer 2021 (BSZ Nr. 36 vom 10. September 2021)

Abbildungen (von oben):
Blattmaske am Bamberger Reiter im Heinrichsdom.(Foto: Holger Beck)

Viele der Häuser rund um den Bamberger Wilhelmsplatz, der von den repräsentativen Bauten für das Gericht und die Post dominiert wird, sind mit Masken verziert: Am Haus Wilhelmsplatz 1 starrt den Passanten ein schlangenumranktes Medusenhaupt entgegen. (Foto: Holger Beck)

Am Torbogen der Schönen Pforte, durch die man in die Alte Hofhaltung gelangt, wird man von einem Zungenblecker empfangen. (Foto: Holger Beck)

Kunstvoll„gezwirbelt“ ist der Bart an der Jugendstilmaske Hauptwachstraße 13. (Foto: Holger Beck)

 

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