Unser Bayern

Hinterrücks wurde Juan Diaz in Neuburg ermordet – sein Bruder stand vor der Tür. In dem anonymen Holzschnitt sind Bruder und Mörder rot koloriert, was auf die Verbindung zum Papst hinweisen soll. (Foto: Zentralbibliothek Zürich/Pas II 2/24)

07.05.2021

Zweifelhafte Absichten

Regensburg anno 1546: Waren das Religionsgespräch und der Reichstag nur Finten für Kriegsvorbereitungen?

"Johann Diaz war ein Mensch, der sein einziges Glück auf Erden darin sah, nach dem einmal gefassten Begriffe zu leben. Er war zufrieden, dort in Neuburg an der Donau, wohin er von Regensburg aus gegangen, den Druck eines Buches von Martin Bucer zu besorgen.“

Juan – oder Johann – Diaz (1510 bis 1546), der spanische Theologe, stand bei Leopold von Ranke (1795 bis 1886) nicht nur wegen seiner Konversion zum evangelischen Glauben hoch im Kurs. Noch mehr faszinierte den Herold der deutschen Geschichtswissenschaft der Märtyrer Diaz. Es war ein Martyrium der besonderen Art, das sich da an jenem 27. März 1546 ereignet hatte. Nicht etwa innerer Drang oder die Sehnsucht nach dem himmlischen Paradies, sondern der fanatische Wille eines anderen erhob Diaz damals zum Blutzeugen seines Glaubens.

Glaubensgefestigt nach Neuburg

Anfang 1546 hielt sich Diaz „zu Regensburg bei den Herren Colloquenten, so die reine christliche Lehre da verantwortet haben“ auf. Philipp Melanchthon (1497 bis 1560), der engste Mitstreiter Martin Luthers, spielte damit auf das zweite Regensburger Religionsgespräch vom 27. Januar bis 10. März 1546 an. Als Vertreter der evangelischen Seite war dort unter anderem der Straßburger Reformator Martin Bucer vorgesehen. Standfest in seinen Überzeugungen und moderat in seinem Auftreten zog Bucer eine breite Anhängerschaft in seinen Bann. Ebenfalls fasziniert von Bucer war Juan Diaz, der seinem Lehrer und Präzeptor auf dem langen Weg von Straßburg nach Regensburg folgte. Dort, in der lutherischen Reichsstadt, wollte er Bucer reden hören, vor allem aber neue religiöse Kraft schöpfen. Diaz wurde nicht enttäuscht. Obwohl das Kolloquium ergebnislos abgebrochen werden musste, kam sein innerer Weg zum Protestantismus kurz darauf zum Abschluss. Vorzeitig verließ er Regensburg in Richtung Neuburg, während sich sein Gewissen von den letzten Zweifeln befreite: „Ich hab nun diese Sachen lang nachgedacht und befinde, dass dieses die einzige, ewige göttliche Lehre sey, durch welche allein gewißlich Gott ewige Seligkeit wirke und gebe.“

Als Juan Diaz Ende März 1546 mit seinem Bekenntnis zum Protestantismus herausrückte, ahnte er nichts Schlimmes. Seinem Bruder Alfonso, dem Priester und Rat am obersten päpstlichen Appellationsgericht in Rom, konnte er doch alles anvertrauen, oder? Im Übrigen war Alfonso das innere Ringen Juans keineswegs entgangen. Genau deswegen hatte er sich erst kürzlich auf den weiten Weg von Rom nach Neuburg gemacht. Juan sollte wieder auf den ,rechten Pfad‘ der römischen Papstkirche geführt werden. Doch schließlich blieben sämtliche Bekehrungsversuche vergeblich. In brüderlicher Freundschaft trennten sich die beiden, allerdings nur zum Schein. Alfonso ritt weiter nach Augsburg, doch noch vor dem Morgengrauen des 27. März kehrte er nach Neuburg zurück.

„Und als Alfonso an Neuburg kommen, sind er und sein Knecht von ihren Pferden abgestiegen“ und „in des Bruders Herberg gangen.“ Philipp Melanchthon berichtete weiter, dass es noch dunkel war, als die beiden vor Juans Herberge erschienen. Problemlos verschafften sie sich Zugang, dann schickte Alfonso seinen Boten in Juans Schlafgemach vor. Georg Hörmann, ein bestens informierter Patrizier aus Kaufbeuren, konnte dies nachträglich nur bestätigen: Juan schlief noch tief, bevor er aufgeweckt wurde und den Postknecht hereinließ. „Sein herr hab ihn zurück gesannt mit briefen, so er zu seinem abschied vergessen hat“, entschuldigte sich der Fremde. Noch im Halbschlaf und „on alle sorg“ tapste Juan darauf zum Tisch im Nebenzimmer. Und während „Johannes den ersten Brief lieset, so gehet der Knecht hinter ihn, und spaltet ihm den Kopf mit einem großen Beil in einem Hau“. Juan brach sofort tot zusammen, während sich die „zween Tödter“ blitzschnell aus dem Staub machten.

Einst erschlug Kain seinen jüngeren Bruder Abel – und genauso handelte in Neuburg auch der „Feind göttlicher Wahrheit“, Alfonso Diaz. Nicht nur Melanchthon kam bei seiner Schilderung des Tathergangs sogleich das Gleichnis vom biblischen Brudermord in den Sinn. Der Aufschrei über den „Kainsmord von Neuburg“ durchhallte das ganze Heilige Römische Reich, und sogar so mancher Anhänger des alten Glaubens konnte seine Empörung kaum verbergen. Noch drei Jahrhunderte später urteilte Leopold von Ranke, vor allem der „Fanatismus einer vermeintlichen Rechtgläubigkeit“ habe Alfonso dazu verleitet, seinem Bruder mit tödlicher Hinterlist nachzustellen.

Drahtzieher im Vatikan

Hatte der päpstliche Rat aus eigenem Antrieb gemordet oder hatte er in höherem Auftrag gehandelt? Nicht nur protestantische Zeitgenossen zweifelten an der Version vom Einzeltäter. Allzu offensichtlich schien der religionspolitische Hintergrund des Verbrechens, eine Vermutung, die sich alsbald erhärten sollte. Pedro de Malvenda (gestorben nach 1551/52), der Hoftheologe Kaiser Karls V., hatte beim zweiten Regensburger Religionsgespräch die Wortführerschaft der altgläubig-päpstlichen Partei übernommen. Später stellte sich heraus, dass auch er irgendwie etwas mit dem Neuburger Brudermord zu tun gehabt haben musste. Malvenda kannte Juan Diaz seit den gemeinsamen Studienjahren an der Pariser Sorbonne. Drei Wochen vor Beginn des Religionsgesprächs begegneten sich die beiden wieder. „Malvenda habe versucht, Diaz mit einschmeichelnder Rede zur papistischen Lehre zurückzuführen“, notierte Graf Wolrad II. von Waldeck in sein Tagebuch.

Und Malvenda wusste auch ganz genau, wo sich sein Ex-Kommilitone nach der Abreise aus Regensburg aufhielt. Schließlich leitete er die Information nach Rom weiter, also genau an jene Adresse, von wo aus Alfonso Diaz anschließend nach Neuburg aufbrach. „In Summa man befind, dass Alfonso Diaz sampt seinem knecht, von Rom ausgemacht, um sein brueder zu ermorden.“ So wie Georg Hörmann waren viele Protestanten fest von der Drahtzieherrolle der Kurie überzeugt.

Kein Wunder, dass sich das angespannte Verhältnis zwischen Alt- und Neugläubigen weiter zuspitzte. Besonders die evangelischen Theologen fühlten sich in der eigenen Haut nicht mehr sicher und verließen Regensburg noch während der Religionsgespräche. Zumindest für einen von ihnen wäre es vermutlich besser gewesen, noch etwas länger in der evangelischen Reichsstadt zu verweilen. Jedenfalls gewährte der Regensburger Magistrat Juan Diaz besten Schutz und Schirm, nachdem der Straßburger Magistrat ausdrücklich darum gebeten hatte.

Große Geheimhaltung

Allgegenwärtig war damals das Klima der Angst. Deshalb wurden vorsichtige Maßregeln getroffen, um das Geheimnis der Verhandlungen so streng wie möglich zu hüten: „Die Protokolle wurden alle Nachmittag in einem eisernen, mit drei Schlössern versehenen Kasten niedergelegt, aus welchem sie ohne Bewilligung des Präsidenten nicht wieder hervorgezogen werden konnten“, berichtete ein Zeitgenosse. Außerdem sollten sich „die Kolloquenten eidlich verpflichten, keinen lebenden Menschen von ihren Verhandlungen“ zu berichten.

Auch so mancher katholische Theologe fühlte sich in seiner eigenen Haut nicht mehr sicher. Daher zog man es vor, möglichst incognito in Regensburg einzutreffen. Pedro Malvenda bildete da keine Ausnahme, und doch wusste bald jedermann in der Stadt, wer er war. Als sich der kaiserliche Hoftheologe einmal auf offener Straße abfällig über evangelische Gottesdienstbesucher äußerte, soll es sogar zu einer Schlägerei gekommen sein. Ansonsten zogen es beide Seiten vor, die Fäuste in der Tasche zu lassen und sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen. Nicht anders war es bei den drei Münchner Mönchen, die am 19. Februar 1546 in der Stadt spazieren gingen. Als sie auf einmal Martin Bucer sahen, taten sie so, als ob sie ihn nicht kennen würden und gingen geradewegs weiter.

Abwarten und Taktieren

Es war in erster Linie die gemäßigte Mittelpartei, die sich für das zweite Regensburger Kolloquium stark gemacht hatte. Eine via media zwischen den religiösen Blöcken sollte gefunden werden und den Weg zu neuer christlicher Eintracht weisen. Zeitweise, einige Jahre zuvor, hatte sogar der Kaiser mit solchen Ideen sympathisiert. Jetzt, angesichts der aufgeladenen religionspolitischen Lage zog er es eher vor, sich nicht „durch die Finger schauen“ zu lassen. Abwarten, „temporisieren“, aufschieben, vor allem aber taktieren, lautete seine Devise, bis die Zeit reif schien für eindeutige Entscheidungen.

Und doch verfolgte Karl V. seit den 1520er-Jahren eine große Vision. Als Schutzherr und Verteidiger der christlichen Kirche sah er es als seine vornehmste Pflicht an, sich für die Wiedererlangung alter christlicher Eintracht einzusetzen. Doch ohne eine Reform der christlichen Kirche an Haupt und Gliedern konnte dieses Ziel niemals erreicht werden. Ein „allgemein christlich concilium“ musste her, und zwar möglichst bald, bevor sich die religiöse Spaltung dauerhaft verfestigen sollte.

„Seitdem der Kaiser sich im Jahre 1529 zum ersten male nach Italien begab und Papst Clemens traf, unterließ er niemals, auf die Einberufung eines Allgemeinen Konzils zu drängen“, schrieb das Reichsoberhaupt Jahrzehnte später in seinen „Commentaires“. In gleicher Richtung habe er auf den Reichstag eingewirkt. Auch sonst stieß Karl auf dem steinigen Weg zum Konzil immer wieder auf Hindernisse. Da waren zum einen die protestierenden Stände unter der Führung des Landgrafen Philipp I. von Hessen und des Kurfürsten Johann des Großmütigen von Sachsen. Seit dem 27. Februar 1531 waren die beiden in einem Verteidigungsbündnis vereinigt, dem Schmalkaldischen Bund. Zahlreiche weitere Fürsten und Reichsstädte traten der Einigung bei und verstärkten das protestantische Gewicht in der Reichspolitik.

Zugleich verpasste der Papst keine Gelegenheit, die Einberufung des Konzils hinauszuzögern. Solange dem Kaiser wegen der Kriege gegen Frankreich und das Türkenreich die Hände gebunden blieben, konnte er wenig dagegen ausrichten. Vor allem aber blieb er weiterhin auf die finanzielle und militärische Unterstützung der evangelischen Reichsstände angewiesen. Was lag da näher, als sich mit diesen bis zur Einberufung des Konzils zu arrangieren? Deshalb lockte Karl V. im Jahr 1532 mit dem Köder eines befristeten „Friedstand in der Religion“. Mit dem Nürnberger Religionsfrieden vom 23. Juli 1532 vereinbarten beide Parteien erstmals eine gegenseitige Rechts- und Friedensgarantie auf der Basis des Status quo. Da sich die Einberufung des Konzils weiter hinauszögerte, machte dieses Modell bald Schule: Wiederholt wurde der Nürnberger Religionsfrieden verlängert, so unter anderem 1539 und 1544.

Und doch blieb die Lage weiterhin hochlabil. Mehrfach stand das Heilige Römische Reich am Rande eines Religionskriegs, besonders um 1538/39. Seitdem gab es auch ein altgläubiges Religionsbündnis, den Nürnberger Bund, dem unter anderem das Herzogtum Bayern angehörte.

Schließlich wies ein Vorschlag der „via media“- Richtung einen neuen Weg aus der Sackgasse. Um „Frid, rhue, lieb und ainigkeit im heiligen reich“ zu bewahren, schlug Kurfürst Joachim II. von Brandenburg einen konzilsunabhängigen Weg zur Reform der Kirche vor. Konkret dachte er an „gutliche unnderhandlung und unterredung“, also Religionsgespräche am Rande der Reichstage.

Sofort stimmte der Kaiser zu. Am 28. Juni 1540 begann das Hagenauer Religionsgespräch, ehe es im November in Worms fortgesetzt wurde. Nachdem es in Hagenau noch zu heftigen Kollisionen gekommen war, weichten die Fronten auf. Gerade in Sachen Rechtfertigungslehre und Sünde kamen sich beide Seiten näher. Schließlich einigte man sich auf einen Vergleich, das sogenannte Wormser Buch, und vertagte sich bis zur nächsten Diskussionsrunde in Regensburg.

Gescheiterter Kompromiss von 1541

So standen die Voraussetzungen gar nicht schlecht, als das Kolloquium am 5. April 1541 in Regensburg fortgesetzt wurde. Es waren durchweg prominente Theologen, die sich da in der Neuen Waag am Haidplatz zum Gespräch trafen. Hinzu gesellte sich ein Großaufgebot der deutschen Reichsfürsten, angeführt von Kaiser Karl V. Nach zehn Jahren Abwesenheit vom Reich machte sich gerade das Reichsoberhaupt die größten Hoffnungen auf eine außerkonziliare Lösung der Religionsstreitigkeiten. Auch sonst umhüllte die Regensburger Diskussionen ein neuer Geist der Annäherung und Versöhnungsbereitschaft. Hinsichtlich der Rechtfertigungslehre einigten sich beide Seiten sogar auf eine gemeinsame Formel. Unüberbrückbare Gegensätze bestanden dafür weiterhin gerade in Fragen der Eucharistie und des kirchlichen Lehramts ... (Martin Hille)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der UNSER BAYERN, Ausgabe Mai/Juni 2021 (BSZ Nr. 18 vom 7. Mai 2021)

 

 

 

 

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