Wirtschaft

Derzeit verbrauchen in Bayern Industrie, Gewerbe, Haushalte und der Verkehr etwa 80.000 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr. (Foto: dpa / Julian Stratenschulte)

01.02.2019

"Die Energiewende wird viel Geld kosten"

Detlef Fischer, Geschäftsführer des Verbands der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft, über Atom- und Kohleausstieg, erneuerbare Energien und steigenden Stromverbrauch

Bis 2022 sollen die letzten Atommeiler abgeschaltet werden. Bis 2038 soll es keine Stromerzeugung mehr aus Kohlekraftwerken geben. Woher der Strom dann kommt, darüber sprachen wir mit Detlef Fischer, Geschäftsführer des Verbands der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft.

BSZ: Herr Fischer, 2022 gehen die letzten Atomkraftwerke hierzulande vom Netz. Wie viel Ersatzleistung ist dann in Bayern nötig?
Fischer: Bis Ende des Jahres 2022 gehen allein in Bayern nochmals rund 2,7 Gigawatt Kernkraftwerksleistung außer Betrieb. Mit den derzeit noch laufenden Kernkraftwerken Isar 2 und Gundremmingen Block C werden immerhin rund 25 Prozent des Stromverbrauchs in Bayern gedeckt. Dieser Strom muss auf alle Fälle schon mal ersetzt werden und zwar gesichert, das heißt bedarfsgerecht, rund um die Uhr und bei jedem Wetter.

BSZ: Welcher Strom noch?
Fischer: Hinzu kommt der zusätzliche Strombedarf, der alleine schon durch das Bevölkerungswachstum hervorgerufen wird und natürlich der, der durch immer neue private Großverbraucher wie Elektroautos und Stromwärmepumpen entsteht.

BSZ: Woher soll dieser kommen? Insbesondere vor dem Hintergrund, dass Deutschland bis 2038 aus der Kohleverstromung aussteigen will.
Fischer: Alleine aus Windkraft- und Photovoltaikanlagen, deren Stromerzeugung naturgemäß nicht einplanbar zur Verfügung steht, auf alle Fälle schon mal ganz sicher nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass wir Strom aus diesen Anlagen in den nächsten Jahren in bedeutsamem Umfang in Bayern für die berühmte kalte Dunkelflaute speichern können.

BSZ: Was ist also zu tun?
Fischer: Pragmatisch betrachtet wird die Stromerzeugung aus Erdgas in nächster Zeit auch in Bayern eine wesentlich größere Rolle als heute spielen müssen. Wir haben ja sonst keinen ausbaubaren Energieträger mehr, der auf Knopfdruck Strom liefern kann. Die bayerischen Potenziale, noch mehr Strom aus Wasserkraft und Biomasse zu gewinnen, sind ja realistisch betrachtet im Großen und Ganzen ausgeschöpft. Und wenn wir besonders schlau sind, werden wir auch die Stromübertragungsnetze stärker nutzen und natürlich auch ausbauen, um uns mit Strom zu versorgen. Ich persönlich finde Stromleitungen, insbesondere wenn sie unter der Erde liegen, auch viel schöner als Windräder. Aber das ist wohl Geschmackssache.

BSZ: Wenn künftig mehr E-Auto gefahren werden soll, wie viel an zusätzlicher Leistung ist nötig, damit alle Pkw im Freistaat elektrisch unterwegs sein können?
Fischer: Ich freue mich richtig auf die vielen Elektroautos. Es macht einfach einen Heidenspaß, mit so einem Fahrzeug dahinzugleiten. Gerade bei den Elektroautos muss man beim Strombedarf zwischen Arbeit beziehungsweise Menge (in Kilowattstunden) und Leistung (in Kilowatt) unterscheiden. Würden alle 7 Millionen Pkw in Bayern mit Strom fahren, würde der Strombedarf (in Kilowattstunden) um etwa 25 Prozent steigen. Das ist gar nicht so viel, wie man zunächst vermutet. Im Gegenzug würde man ja gigantische Mengen an Diesel und Benzin einsparen. Der Verbrennungsmotor ist nun mal eine sehr ineffiziente Arbeitsmaschine, der Elektromotor ist da dreimal besser. Der Leistungsbezug (in Kilowatt) aus dem Netz kann sich gegenüber heute durch die Elektromobilität aber theoretisch sehr schnell verdoppeln.

BSZ: Warum das?
Fischer: Das hängt entscheidend davon ab, wie viele Fahrzeuge gleichzeitig zum Beispiel abends um 18.00 Uhr aufzuladen sind. Mir ist da aber nicht bange. Das bekommen wir hin. In unserem Wirtschaftszweig gibt es sehr viele gute Ingenieure. Man muss sie nur machen lassen. Aber eines ist für mich klar: Die Inanspruchnahme von gesicherter Leistung wird zukünftig einen höheren Wert und damit höheren Preis als heute haben.

BSZ: Wie teuer wird’s denn?
Fischer: Das wird davon abhängen, ob die Verbraucher bereit oder in der Lage sind, Strom dann nachzufragen, wenn Sonne und Wind zur Verfügung stehen. Wer als Energieversorger gesicherte Leistung zu einem vernünftigen Preis anbieten kann, wird künftig sicher ein gutes Geschäft machen.

BSZ: Wie hoch ist der gesamte Strombedarf in Bayern aktuell?
Fischer: Derzeit verbrauchen in Bayern Industrie, Gewerbe, Haushalte und der Verkehr etwa 80.000 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr. Umgerechnet auf jeden Bürger sind das pro Kopf über 6000 Kilowattstunden. Für jedes Elektroauto kann man einen zusätzlichen Jahresstromverbrauch von 3000 Kilowattstunden ansetzen. Die höchste Leistung, die aus dem Netz der allgemeinen Versorgung bezogen wird, beträgt ungefähr 12,5 Gigawatt. Das entspricht der Leistung von 10 Kernkraftwerken. Theoretisch könnte diese Leistung nahezu alleine aus bayerischen Photovoltaikanlagen bereitgestellt werden. Das ist aber nur an sehr wenigen sonnigen Mittagsstunden im Jahr in der Realität gegeben.

BSZ: Wie viel zusätzliche Leistung wird für die Digitalisierung gebraucht?
Fischer: Diese Frage kann ich Ihnen nicht seriös beantworten. Leute, die sich besser damit auskennen, behaupten, dass bereits heute weltweit etwa 10 bis 15 Prozent des Stromverbrauchs von der IT hervorgerufen würden. Allein das Rechenzentrum der NSA soll 100.000 Kilowatt Leistung benötigen. Das steht für den Strombedarf einer Stadt mit 100.000 Einwohnern. Eine einzige Bitcoin-Transaktion über die Blockchain soll einen Stromverbrauch von 300 Kilowattstunden hervorrufen, das entspricht in etwa dem Monatsverbrauch eines Dreipersonenhaushalts. Das ist total verrückt, diese Technologie ist in meinen Augen schon sehr fragwürdig. Mit 300 Kilowattstunden kann ich mit meinem Elektroauto 1500 Kilometer weit fahren. Eines ist also gewiss: Die Digitalisierung spart keine einzige Kilowattstunde Strom ein, im Gegenteil, sie erhöht den Strombedarf erheblich.

BSZ: Woher soll die gesamte Zusatzleistung für E-Mobilität und Digitalisierung kommen?
Fischer: Am Ende der Energiewende, so im Jahr 2050 – so hat es zumindest die Politik schon mal beschlossen – wohl komplett aus erneuerbaren Energien, gewonnen im In- und Ausland. Bis es soweit ist, sollte man aber nicht jeden fossilen Energieträger verteufeln. Und natürlich wird Erdgas – auch aus Russland und wahrscheinlich aus den USA – wie schon gesagt, eine noch stärkere Rolle als Energieträger auch für die Stromgewinnung bei uns spielen. Ich habe in den 1990er-Jahren beim Bayernwerk gearbeitet. Damals konnten wir uns nicht vorstellen, den fossilen Edelbrennstoff „Erdgas“ für die Erzeugung von Grundlaststrom zu verwenden. Aber so ändern sich die Zeiten. Nur am Rande: Die inländischen Erdgasressourcen haben wir schon nahezu verbraucht. Billig wird die Erdgaswende auf alle Fälle nicht werden. Ich rechne für die nächsten Jahrzehnte mit steigenden Erdgaspreisen. Unsere Industrie jammert jetzt schon.

BSZ: Was raten Sie der Staatsregierung angesichts dieser Aussichten?
Fischer: Die neue Staatsregierung sollte nicht die fatalen Fehler der alten Staatsregierung wiederholen, und jeder Bürgerbewegung nach dem Mund reden und anschließend das Fähnchen umschwenken. Dieses Verhalten hat uns Jahre bei der Umsetzung der Energiewende gekostet und letztendlich auch unsere Versorgungssicherheit gefährdet. Sie muss der Bevölkerung endlich erklären, dass die Energiewende, egal in welcher Weise man sie durchführt, mit einer massiven Inanspruchnahme von Fläche und Raum verbunden ist und außerdem noch viel Geld kosten wird. Die wahre Energiewende ist natürlich zusätzlich auch noch mit einer gewissen Veränderung des Lebensstils verbunden.

BSZ: Was heißt das denn?
Fischer: Wir verbrauchen einfach viel zu viel Energie. Ich rate der neuen Staatsregierung aber nicht dazu, den Leuten das Energiesparen vorzuschreiben. Wenn sie es trotzdem versuchen sollte, wird der Wähler die Herren Söder und Aiwanger bei den nächsten Wahlen in den vorzeitigen Ruhestand schicken. Unsere Gesellschaft liebt ihre Doppelmoral, freie Fahrt mit Vollgas für freie Bürger: Das sieht man auch recht anschaulich an Vorzeigegrünen wie Katharina Schulze, der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bayerischen Landtag. In der bayerischen Heimat schlau über Suffizienz reden, und über Weihnachten selbst in den Flieger steigen und ordentlich Kerosin sowie Bits & Bytes in die Gegend blasen. Die Energiewende ist halt auch für Weltretter nicht so einfach umzusetzen! Wir sollten es alle gemeinsam trotzdem weiter versuchen.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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