Wirtschaft

Längst nicht mehr ein Lehrjob nur für Buben: Eine Auszubildende zum Schweißer in einem metallverarbeitenden Betrieb. (Foto dpa/Oliver Berg)

09.08.2019

Die Klagen der Chefs – was ist dran?

Die Arbeitgeber in Bayern sagen, sie könnten viele Lehrstellen mangels geeigneter Bewerber nicht besetzen – woran Jugendliche mit Schulabschluss scheitern

Stolz verkünden die Arbeitgeber der bayerischen Metall- und Elektroindustrie bayme vbm einen erneuten Anstieg der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge – zum sechsten Mal in Folge seit dem Jahr 2014. 16.700 junge Leute beginnen heuer im Freistaat eine Lehre in dieser Branche, ein Plus von 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Doch immer häufiger sind Bewerber ungeeignet – warum?

Und die Zahl der Ausbildungsverträge hätte sogar noch höher sein können, wie eine Umfrage unter den Betrieben ergab. Es mangelte sowohl an der Zahl der notwendigen Bewerbungen (das sagten 37 Prozent der Firmenchefs) oder an der mitgebrachten Qualifikation (das wurde sogar von 61 Prozent der Unternehmer ins Feld geführt). Eine geringere Rolle spielen Absagen, die nicht nachbesetzt werden konnten, die wirtschaftliche Lage der Firma und der Umstand, dass eine Firma nicht jedes Jahr Bedarf an neuen Lehrlingen hat.

Ein Problem, mit dem nicht nur die Metall- und Elektrobranche in Bayern zu kämpfen hat, wie Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der bayerischen Wirtschaft, zu berichten weiß: „Jedem Bewerber standen im Juli 2019 rein rechnerisch 1,5 Ausbildungsplätze (insgesamt 106.384, drei Prozent mehr als 2018) zur Verfügung. Die Chancen der Bewerber auf eine Ausbildung verbessern sich also weiter, während die Unternehmer immer mehr Stellen nicht besetzen können.“

Auch das Gehalt kann sich sehen lassen


Bei den Bewerbern gab es einen Rückgang um 5,7 Prozent. Die Angst, nach der Lehre nicht übernommen zu werden, kann es aber wohl nicht sein, was das zögerliche Interesse der Buben und Mädchen erklärt. 94 Prozent werden anschließend von ihrem Betrieb übernommen, rechnet Brossardt vor. Und zwei Drittel davon sogar unbefristet. Im nächsten Jahr erwartet er sogar eine Quote von knapp 97 Prozent. In weiteren drei Prozent schlagen die Ausgelernten auf eigenen Wunsch einen anderen beruflichen Weg ein. Bleiben also ganze drei Prozent, wo sich die Wege nach der Lehre auf Wunsch des Unternehmens trennen. Und auch das Gehalt kann nicht der entscheidende Punkt sein. Besonders die Metall- und Elektroindustrie zahlt nicht schlecht – 1111 Euro pro Monat, gerechnet über die gesamte Ausbildungszeit.

Wenn es das Dilemma zu erklären gilt, sprechen die Arbeitgeber von einem sogenannten Matchingproblem – Profil und Person passen nicht zusammen. Im Wesentlichen liege es an den fehlenden geeigneten Bewerbern. Bei den Absolventen von Real- und noch stärker von Mittelschulen hake es aber mitunter an elementaren Kenntnissen im Lesen, Schreiben und Rechnen.

Doch warum sind junge Menschen trotz eines ordentlichen Schulabschlusses nicht geeignet, eine Lehre zu beginnen, die formal nicht mehr voraussetzt als eben diesen Schulabschluss?

Annette Karl, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, erklärt sich den Widerspruch damit, dass viele gute Schulabsolventen vom M-Zweig oder mit dem Quali nicht sofort ins Berufsleben streben, sondern sich weiter qualifizieren möchten – bis zum FOS- oder BOS-Abschluss und dann auch weitergehen bis zur Universität. Übrig blieben, so Karl, jene Jugendlichen, die schon früh in ihrer Bildungskarriere die Erfahrung gemacht hätten, dass sie nicht gut genug sind.

Demotivation tifft aus gestiegene Ansprüche in den Firmen


„Da trifft dann Demotivation auf deutlich gestiegene Ansprüche in den Firmen“, sagt die SPD-Politikerin. Früher habe es gereicht, handwerklich begabt zu sein, um beispielsweise Schreiner zu werden. Heute seien da auch gute CAD-Kenntnisse notwendig. „Aber die Arbeitgeber machen es sich auch zu leicht“, kritisiert Annette Karl. Sie müssten den Bewerbern eben mehr zeigen und mehr beibringen und notfalls auch die Erwartungen herabschrauben.

Das bayerische Kultusministerium kann auf Nachfrage kein Versäumnis beim Unterricht erkennen. „Alle an bayerischen Schulen erworbenen Abschlüsse eröffnen den Absolventen den Weg in eine Berufsausbildung. Besonders die Mittelschule setzt auf eine grundlegende Berufsorientierung bei einer soliden Allgemeinbildung“, so eine Sprecherin von Ressortchef Michael Piazolo (FW). Die Abschlüsse orientierten sich „an den von der Kultusministerkonferenz beschlossenen Standards. Ferner werden zahlreiche Maßnahmen zur Förderung der Ausbildungsreife an bayerischen Mittelschulen ergriffen. So werden unter anderem die Praxisorientierung und die Berufsorientierung konsequent umgesetzt“. Für die Wirtschaft stellten die Absolventen „durch die in der Schulausbildung schwerpunktmäßig vermittelte berufspraktische Bildung ein unverzichtbares und gut vorqualifiziertes Personal dar“, so die Sprecherin.

Einiges an mangelnder Qualifikation können die Berufsschulen kompensieren. Im Rahmen des Pilotprojekts Industrie 4.0 des Kultusministeriums wurden im vergangenen Haushalt 17 Modellschulen mit insgesamt zwei Millionen Euro gefördert. Jetzt, in der zweiten Förderrunde unter dem Namen „Exzellenzzentren an Berufsschulen“ wird mit weiteren fünf Millionen Euro die technische Ausstattung an 43 Berufsschulen auf Vordermann gebracht. Freilich sehen die Arbeitgeber hier einen „kontinuierlichen Förderbedarf, zusätzliche Investitionen und die Bereitstellung weiterer Mittel“, damit in nicht allzu ferner Zukunft alle Berufsschulen in Bayern auf dem neusten Stand sind. Aber auch die Wirtschaft selbst ist aktiv – zum einen mit der „Ausbildungsoffensive-Bayern“.

Selbsterlernte digitale Kompetenzen nutzen


Die gibt es schon seit 18 Jahren, zuletzt mit einer jährlichen Investition von 1,4 Millionen Euro. Damit werden Mitgliedsunternehmen unterstützt, über Chancen und Möglichkeiten in der Metall- und Elektroindustrie zu informieren und „sich als Arbeitgeber mit sicheren Ausbildungsplätzen, guter Bezahlung und besten Zukunftschancen“ zu präsentieren“, so Brossardt. Informiert wird unter anderem mit Info-Ständen in Schulen – mehr als 2000 Termine waren es im vergangenen Schuljahr –, mit Plakaten und Broschüren sowie einer Internetseite. 50.000 Jugendliche seien angesprochen worden, mehr als 500.000 Nutzer hätten sich online informiert.

Zum 1. Januar startete zusätzlich das Modellprojekt „Digital Natives“ als Beitrag zur Deckung des Fachkräftebedarfs von kleinen und mittleren Unternehmen. Zielgruppe sind Jugendliche der Generation Z, „mit selbsterlernten digitalen Kompetenzen“. Das Projekt ist Bestandteil der Initiative Fachkräftesicherung +, die die vbw zusammen mit der Staatsregierung geschlossen hat. Das Projekt wird schwerpunktmäßig im Allgäu durchgeführt.

Viele potenzielle Bewerber gehen natürlich auch an die Universitäten verloren. An Bayerns Hochschulen sind aktuell so viele Studenten wie niemals zuvor eingeschrieben. Zum Wintersemester 2018/19 lag ihre Zahl bei 392.000. Das entspricht einem Plus von 0,8 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum zum Vorjahr, wie das Landesamt für Statistik in Fürth bekannt gab. Trotz sehr guter Berufschancen mit einer Ausbildung vertrauen viele eben immer noch eher auf den Uniabschluss – und das, obwohl es in einigen Branchen wie Jura oder Geisteswissenschaften längst ein breites Überangebot gibt.
(André Paul)

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Kommentare (1)

  1. Markus am 10.08.2019
    Wir meinen. was würde denn dagegen sprechen, wenn sich Vertreter des Bay. Kultusministeriums vor Ort von Ausbildungsfirmen über die Problematik der elementaren Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen bei Absolventen von Real- und noch stärker von Mittelschulen informieren lassen? Falls dabei Defizite festgestellt werden, wäre es Aufgabe der Behörde für Abhilfe zu sorgen.

    Grundsätzlich hat sich in Deutschland das "Duale Ausbildungssystem (Ausbildung im Betrieb in Verbindung mit der Berufsschule)" gut bewährt.

    Um tatsächlich die geforderten Fachkräfte gut auszubilden wird es erforderlich sein, die sogenannte überbetriebliche Ausbildung als wichtigen Faktor im bisherigen Ausbildungssystem aufzuwerten.

    Vor allem Azubis aus kleinen Unternehmen wird dadurch die Chance ermöglicht, ebenso in allen Bereichen geschult zu werden wie Azubis aus größeren Firmen. Zusätzlich muss die überbetriebliche Ausbildung der Azubis (vergleichbar mit dem Besuch der Berufsschule) künftig kostenfrei erfolgen.

    Andererseits sollte kein Betrieb die Ausbildungsphase seiner künftigen Mitarbeiter als belastenden Kostenfaktor betrachten, sondern als Investition gegen den oft zitierten Fachkräftemangel.

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