Wirtschaft

Der "Weißbier-Index" ist gesunken. (Grafik: vbw)

24.11.2022

Die Unsicherheit ist so hoch wie nie

Bayerns Wirtschaft ist auf dem Weg in die Rezession

Die bayerische Wirtschaft ist auf dem Weg in die Rezession. „Noch befinden wir uns in einer ordentlichen Lage, aber die Perspektiven der Unternehmen sind pessimistisch. Die Unsicherheit ist so hoch wie nie. Der aktuelle Krisen-Cocktail gefährdet alle Wirtschaftssektoren und wir laufen Gefahr, dass sich das zu einer Standortkrise ausweitet“, sagte Wolfram Hatz, Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), bei der heutigen Vorstellung des „Weißbier-Index“ in München.

Der Index ist gegenüber dem Frühjahr 2022 von 126 auf 103 Punkte gefallen. Das Weißbierglas sei noch zur Hälfte gefüllt, aber es werde sich in den kommenden Wochen und Monaten weiter leeren. Das gute Ergebnis sei dem robusten Arbeitsmarkt und der noch ordentlichen Auftragslage zu verdanken. Doch alle vier Teilindizes würden sich nach unten bewegen. Der Prognoseindex Wachstum fiel von schon im Frühjahr schlechten 97 weiter auf 70 Punkte. Der Lageindex Wachstum verschlechterte sich von 124 auf 109 Punkte, der Lageindex Beschäftigung habe von 142 auf 122 Punkte abgenommen und der Prognoseindex Beschäftigung von 142 auf 110 Punkte. „Mit der Annahme von 200 Punkten für ein volles Weißbierglas lag die bayerische Wirtschaft in der Regel seit 2004 bei 115 Punkten“, betonte Hatz.

Vom privaten Konsum ist nichts mehr zu erwarten

Aufholeffekte infolge der Corona-Pandemie bei Konsum und Freizeit hätten in den ersten drei Quartalen des Jahres für Wachstumsimpulse gesorgt. „Doch vom privaten Konsum sei infolge der Inflation nichts mehr zu erwarten“, so Hatz. Der aktuelle Krisen-Cocktail zeige in allen Wirtschaftsbereichen seine Wirkung. Die hohen Energiepreise würden gerade für energieintensive Industriezweige wie Glas-, Papier- und Chemieindustrie gravierende Folgen haben. Dazu käme ein Mangel an Rohstoffen, Materialien und Vorprodukten. Parallel würde die Auftragslage schmelzen, auch weil durch eine global schwächere Konjunktur die Exporte zurückgingen. Zum Angebotsproblem komme so ein Nachfrageproblem.

Eine weitere Belastung sei der demografisch bedingte Mangel an Fach- und Arbeitskräften, der sich selbst bei einer sich abschwächenden Konjunktur nicht entspannen werde. Es komme zu einer erhöhten Arbeitslosigkeit einerseits und gleichzeitig fehlenden Fachkräften andererseits, da bestimmte Qualifikationen für die Durchführung der Transformation nicht in ausreichender Menge vorhanden seien. „Das wird sich im nächsten Jahr noch verschärfen, da die Transformation durch die Pandemie etwas aufgehalten wurde. Deshalb haben wir mit der IG Metall gemeinschaftliche Qualifikationen und mit dem bayrischen Wirtschaftsministerium das Projekt ,Fachkräftesicherung Plus‘ ins Leben gerufen“, merkte vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt an. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft setze ihre finanziellen Ressourcen schwerpunktmäßig in diesem Bereich ein.

BIP-Rückgang im vierten Quartal 2022

„Unser Bruttoinlandsprodukt wird im Jahresdurchschnitt 2022 noch um gut 1,5 Prozent höher ausfallen als 2021. Aber bereits im laufenden vierten Quartal gehen wir von einem Rückgang des BIP aus“, erklärte Hatz. Der Wirtschaftsstandort Bayern sei strukturell gefährdet, nicht zuletzt durch Bürokratie und Überregulierung.

Die Energiekosten hätten sich in Europa stärker verteuert als anderswo und die Versorgungssicherheit sei nicht mehr gegeben. In Deutschland und Bayern seien die Energiekosten schon vorher überdurchschnittlich hoch gewesen. Das führe zu einer Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit des Freistaats. Das schnelle und entschlossene Handeln der Bundesregierung mit der Einführung einer Gas- und Strompreisbremse ab Januar 2023 sei deshalb zu begrüßen. Die Nachfrage durch Energieeinsparung zu senken und das Energieangebot zu erhöhen, indem alle Energieträger, auch Atomstrom auf Dauer, auch nach dem 15. April 2023 weitergenutzt werden können, sei für Versorgungssicherheit unumgänglich. „Wir brauchen jetzt einen Masterplan Energie 2030 mit einem klaren Konzept für eine Wasserstoffwirtschaft“, stellte Hatz klar.

Entlastungen wirken schon

„Die angekündigte Entlastung durch die Strom- und Gaspreisbremse wirkt schon für die Unternehmen“, so Brossardt. Die Preise am Spotmarkt und beim Futures-Handel würden fallen. Doch die EU schränke die Umsetzung ein. In der jetzigen Lage sei das kontraproduktiv. „Die EU-Vorschriften sind mit dem Grundkonzept Deutschlands nicht kompatibel. Planungssicherheit sei nicht vorhanden“. Die großen Unternehmen seien für den Standort Bayern wichtig. Wo liege der Sinn, wenn jetzt in Niederbayern die großen energieintensiven Unternehmen sterben müssten, weil die EU, mit deren Hilfe diese Unternehmen dort angesiedelt wurden, die Unterstützung von der Größe abhängig mache. In Bayern würden alle Landesteile zur Bruttowertschöpfung beitragen mit einem industriellen Anteil von 26,2 Prozent. Was eine vernachlässigte Strukturpolitik für Auswirkungen habe, könne man sich in Frankreich anschauen.

„Man soll uns einfach wirtschaften lassen. Immer neue Bürokratiemonster sind in der Krise nachteilig“, mahnte Hatz. Jeden Tag fehle ein anderes Teil im Unternehmen. Eine schnelle und erfolgreiche Reaktion sei durch das Lieferkettengesetz unmöglich gemacht worden. Das habe Abwanderung und eine inflationsverstärkende Wirkung zur Folge.
(Antje Schweinfurth)

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