Wirtschaft

Im Bauhauptgewerbe verzeichnet der BHT erstmals seit Jahren eine etwas pessimistischere Grundhaltung. (Foto: Bilderbox)

24.05.2022

Fragile Geschäftsentwicklung im Handwerk

Die Inflation frisst das Umsatzwachstum fast vollständig auf

Unterbrochene Lieferketten, die hohe Inflation und ein unsicheres Konsumklima haben im 1. Quartal 2022 die Erholung der Handwerkskonjunktur ausgebremst. „Die Geschäftsentwicklung bleibt fragil, da zum Beispiel das Neu- und Gebrauchtwagensegment nur schwer in Gang kommt. Materialengpässe und die anziehenden Zinsen bilden ein toxisches Gemisch, das den Bau mittelfristig empfindlich treffen könnte“, betonte Franz Xaver Peteranderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstags (BHT).

44 Prozent der befragten bayerischen Handwerksbetriebe bewerteten im Berichtszeitraum ihre aktuelle Lage als gut und weitere 38 Prozent als befriedigend. Gegenüber dem stark von Corona dominierten Vorjahresquartal entspricht dies einer Verbesserung um insgesamt 6 Prozent. Bis zum Vorkrisenniveau fehlen laut Peteranderl aber noch neun Punkte. Die durchschnittliche Betriebsauslastung kletterte innerhalb eines Jahres von 75 auf 78 Prozent. Vor Pandemiebeginn betrug sie noch 80 Prozent.

Mut macht dem BHT-Präsidenten ein Blick auf die Auftragsbestände: Trotz steigender Betriebsauslastung legte die Orderreichweite in Bayerns Handwerksbetrieben zum Ende des 1. Quartals 2022 von 10,2 auf 10,5 Wochen weiter zu. Engpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten sowie gestörte Lieferketten haben im Berichtszeitraum jedoch zu weiter steigenden Kosten auf Unternehmensseite geführt. Der BHT rechnet mit einer Teuerungsrate für Handwerksleistungen von etwa 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Nach ersten Schätzungen wurden im bayerischen Handwerk zwischen Januar und März rund 27,3 Milliarden Euro umgesetzt. Im Vorjahresvergleich ist dies ein nominaler Anstieg von 10,5 Prozent; nach Abzug der erheblichen Preissteigerung verbleibt laut Peteranderl ein reales Plus von rund 1,5 Prozent.
Die Beschäftigungsentwicklung im bayerischen Handwerk verlief im 1. Quartal 2022 unbefriedigend, so der BHT-Präsident. Nach Beschäftigungsverlusten von etwa je 1 Prozent in den Jahren 2020 und 2021 gab es auch im Berichtszeitraum keine Trendwende. Der Mix aus hoher Inflation, einem unsicheren Konsumklima und fehlenden Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt macht es für die Handwerksbetriebe schwer, Personal zu finden. Nach BHT-Schätzungen waren Ende März etwa 937 900 Personen im bayerischen Handwerk tätig. Binnen Jahresfrist ergibt das ein Minus von 0,4 Prozent.

Die Neigung, in neue Maschinen und Gebäude zu investieren, lag im Berichtszeitraum bei 38 Prozent und damit auf Vorjahresniveau. In Summe wurden im 1. Quartal geschätzt 735 Millionen Euro in die bayerischen Handwerksunternehmen gesteckt. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Plus von 3,5 Prozent. Die Anzahl der Handwerksbetriebe im Freistaat lag Ende März bei rund 207 000. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Minus von 0,2 Prozent.

Für das 2. Quartal erwarten laut Peteranderl 15 Prozent der Befragten eine Verbesserung ihrer Geschäftslage, während 65 Prozent mit einer etwa gleichbleibenden Situation rechneten. Im Vorjahr hatte der Anteil optimistischer Erwartungen noch fünf Punkte höher gelegen. Der Ukraine-Krieg und die Preissteigerungen bei Energie und Materialien dürften hauptverantwortlich für die Zurückhaltung sein, so der BHT-Präsident. Dementsprechend schwierig bleibe auch der Ausblick auf die kommenden Monate.

„Bei den verbrauchernahen Dienstleistern, dem Kfz-Handwerk und den Industriezulieferern ist mit einer Verbesserung der Geschäfte zu rechnen“, so Peteranderl. „Dem Lebensmittelhandwerk bereiten die hohen Energiekosten Sorgen. Und im Bauhauptgewerbe verzeichnen wir erstmals seit Jahren eine etwas pessimistischere Grundhaltung. Wir dürfen allerdings auch nicht vergessen, dass das Niveau, von dem aus dieser Rücksetzer erfolgt, kaum mehr zu toppen war.“

Bei der Prognose für das Gesamtjahr bleibt der BHT vorsichtig optimistisch. Für das bayerische Handwerk wird für 2022 ein nominales Umsatzwachstum von 7 Prozent erwartet. Allerdings dürfte dieses Plus von der Inflation nahezu vollständig aufgezehrt werden, befürchtet Peteranderl. Bei der Beschäftigung rechnet er mit einem leichten Zuwachs von 0,5 Prozent, bei den Investitionen mit einem Plus von 5 Prozent.

„Um Handwerk und Mittelstand in ihrem Wirtschaften zu unterstützen, müssen wir weg von dem politischen Wettbewerb, wer sich die kompliziertesten bürokratischen Belastungen ausdenken oder die höchsten Steuern erheben kann. Wir sollten vielmehr darum wetteifern, wer die leistungsfähigsten sowie wirtschafts- und mittelstandsfreundlichsten Rahmenbedingungen schaffen kann“, forderte der BHT-Präsident.
Kritisch bewertet der BHT den Richtlinienvorschlag für das sogenannte EU-Lieferkettengesetz, das im Vergleich zum deutschen „Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz“ zahlreiche Verschärfungen enthält. So sollen große Unternehmen Maßnahmen ergreifen, um tatsächliche oder potenziell nachteilige Auswirkungen auf Menschenrechte und Umwelt in der Geschäftstätigkeit des Unternehmens zu ermitteln, zu verhindern beziehungsweise abzuschwächen. Dieses an und für sich begrüßenswerte Ziel soll entlang der gesamten Wertschöpfungskette umgesetzt werden. „Insbesondere die Möglichkeit, dass betroffene Unternehmen ihren Sorgfaltspflichten über vertragliche Zusicherungen von direkten und indirekten Geschäftspartnern nachkommen, sehen wir kritisch“, erklärte Peteranderl.

Das bayerische Handwerk fordert unter anderem, eine wirksame Ausnahme für kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) entlang der gesamten Lieferkette zu schaffen und die zivilrechtliche Haftung zumindest auf die erste Zulieferstufe zu beschränken. Zudem müssten unternehmerische Aktivitäten innerhalb der Europäischen Union und in anderen Ländern mit einem erwiesen hohen Schutzniveau von der Regelung ausgenommen werden.

Um den Rentenbeitragssatz konstant und die Kostenbelastung für das personalintensive Handwerk im Rahmen zu halten, fordert der BHT, die Altersvorsorge zu reformieren und die Sozialversicherungsbeiträge in Summe bei unter 40 Prozent zu deckeln. „Nur eine dauerhafte Beitragsstabilität auf diesem Niveau sichert die Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe“, betonte der BHT-Präsident.
Auszubildende fehlen

Kein gutes Haar ließ Peteranderl an der beschlossenen Gebührenerhöhung für Handwerkerparkausweise in München, deren Preis von 265 auf 720 Euro pro Jahr angehoben wurde. Aus diesem Grund hat das Handwerk ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, das in Kürze fertiggestellt wird. Peteranderl erklärte, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass München mit der Erhöhung rechtlich gesehen übertrieben hat und dies vor Gericht auch so bestätigt werden würde.

Im bayerischen Handwerk fehlen aktuell mindestens 19 000 Fachkräfte. „Zu den Engpassberufen zählen neben Bau und Ausbau auch der Kfz-Bereich, die Metallverarbeitung und das Lebensmittelhandwerk“, berichtete BHT-Hauptgeschäftsführer Frank Hüpers. Vor allem die Energiewende werde im Handwerk mehr Fachkräfte als bisher erfordern. Um diese zu gewinnen, müsse das Ausbildungsniveau wieder steigen. 23 800 junge Leute verstärken als Auszubildende seit dem vergangenen Jahr die Betriebe. Gegenüber 2020 ist das laut Hüpers ein Rückgang um etwa 1 Prozent. Im Vergleich zum Vor-Pandemie-Jahr 2019 würden gut 6 Prozent an Lehrverträgen fehlen.

„Früher hieß es oft, das Handwerk bilde über den eigenen Bedarf aus“, so Hüpers. „Das gilt schon seit längerer Zeit nicht mehr. Wir brauchen alle unsere Auszubildenden selbst, um aus ihnen die Fachkräfte von morgen zu machen.“

Generell fehle es im bayerischen Handwerk derzeit eher an Auszubildenden, als an Lehrstellen. „Anstelle einer Ausbildungsgarantie brauchen unsere Betriebe eine Auszubildendengarantie“, sagte der BHT-Hauptgeschäftsführer und stellte klar: „Handwerkerinnen und Handwerker sind die Architekten der Energiewende. Unsere Betriebe bauen energiesparende Heizungen ein, dämmen Dächer und helfen dabei, weniger Wasser zu verbrauchen. Im Handwerk kann man die Energiewende aktiv mitgestalten, anstatt nur darüber zu debattieren.“ (Friedrich H. Hettler)

 

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