Wirtschaft

Raitersaich (Landkreis Fürth) ist einer von neun möglichen Standorten für ein neues ICE-Werk der Deutschen Bahn im Raum Nürnberg. (Foto: Wraneschitz)

11.06.2021

Umstrittene Standorte für ICE-Werk

Menschen wehren sich gegen Bahnpläne in den Landkreisen Fürth und Ansbach

Neun potenzielle Standorte für ein neues ICE-Werk in der Region Nürnberg nimmt die Bahn AG momentan genauer unter die Lupe. 450 Arbeitsplätze verspricht der Konzern – dafür werden aber riesige Flächen benötigt. In Online-„Bürgerdialogen“ will die Bahn ihre Pläne mit den jeweils räumlich Betroffenen besprechen.

Denn Proteste gibt es nicht nur in Nürnberg-Fischbach und Altenfurt: Diesen Standort hatte die DB zuerst genannt. Widerstand mobilisiert sich auch am flachen Land. Ob deshalb der „Dialog“ mit den Bürger*innen rund um Roßtal-Raitersaich als erster stattfand?

Das Interesse jedenfalls war riesig am vergangenen Dienstag: 220 Teilnehmende wurden angezeigt; einer davon war der Raitersaicher Kurt Kröner. Der zeigte sich hinterher „aufgewühlt“. Denn die Bahn hatte zwar verkündet: „Sie können so viele Fragen stellen, wie Sie möchten“ – aber nur per Chat, und jeweils auf 200 Zeichen pro Frage begrenzt.

Unbefriedigende Antworten

Nach der DB-Präsentation „gingen rund 220 konkrete Fragen ein, von denen rund die Hälfte während der Veranstaltung thematisch/inhaltlich beantwortet wurden“, erklärt ein DB-Sprecher auf Nachfrage. Bei Kröner hört sich das anders an: „Der Moderator von einer Konflikt- und Prozessmanagement-Firma ließ nur ausgewählte Fragen zu.“ Und nicht alle Antworten seien befriedigend gewesen.

Klar ist laut Kurt Kröner geworden: Die Zulieferung von Teilen solle per Lkw erfolgen, nicht per Schiene. Oder: Es könne zu Enteignung kommen, wenn die Grundstückseigner nicht verkaufen wollten. Für das wohl größte Hindernis auf dem laut Bahn 3200 Meter langen und 450 Meter breiten Gelände habe die Bahn eine Lösung präsentiert: „Die Bundesstraße B 14 würde untertunnelt.“ Unklar seien aber beispielsweise Wasser- und Abwassermengen geblieben. Hier verspricht der DB-Sprecher jedoch: „Die übrigen Fragen werden … in den nächsten Wochen auf der Projektwebsite beantwortet.“

Eine Lösung hatten auch die Grünen-Abgeordneten Barbara Fuchs und Uwe Kekeritz nicht dabei: Die Landtagsabgeordnete aus Fürth und der Bundestagsabgeordnete aus Uffenheim sahen sich am Freitag die weite Fläche aus der Nähe an, die von der Bahn zwischen Raitersaich und Buchschwabach ins Planungsauge gefasst wurde. Ohne einen einzelnen der neun genannten ICE-Standorte im Blick zu haben, sagt Landtagsabgeordnete Fuchs: „Es ist immer ein ganz großer Eingriff in die Natur.“ Doch es scheint, als könne sie sich ein ICE-Werk am ehesten auf oder neben dem ehemaligen Munitionslager-Gelände bei Feucht vorstellen.

Grüne Lunge

Das sieht der parteilose Bürgermeister dieser Marktgemeinde völlig anders. „Das ICE-Werk ist an dieser Stelle nicht denkbar und schwer zu vermitteln“, erklärt Jörg Kotzur auf Nachfrage, „denn es müssten die vorhandenen 188 Hektar Bannwald gerodet werden, die uns als grüne Lunge dienen. Die seien zudem „aufgrund des Betretungsverbots unberührtes Waldgebiet europäisches Schutzgebiet Natura2000“ mit praktisch nicht wiederherstellbarer biologischer Vielfalt. Am Mittwoch dieser Woche hat deshalb der Gemeinderat mit großer Mehrheit gegen das Projekt gestimmt.

Und im Landkreis Roth, auf dessen Gebiet das an Feucht anschließende Gelände sowie ein weiteres bei Allersberg liegt, will sich demnächst der Kreistag mit den ICE-Werks-Ideen beschäftigen.
Aber ganz allgemein steht für die Grüne Barbara Fuchs fest: „Dass jetzt die Gesellschaft den Konflikt austragen muss, ein Standort gegen den anderen, hat ihre Wurzeln in der Privatisierung der Bahn.“ Denn damit die DB zur AG werden konnte, habe sie sehr viele Grundstücke teuer verkauft, „es wurde einfach nicht langfristig geplant“. Ohnehin sind aus Fuchs‘ Sicht Infrastrukturen wie Wasser, Stromleitungen oder eben die Bahn „Daseinsvorsorge und gehören in Öffentliche Hände“.

Die Grünen seien aber keine Totalverweigerer der notwendigen Verkehrswende, ergänzt Kamran Salimi: Die Mitglieder seiner Partei im Fürther Stadtrat wären – anders als Fürths Oberbürgermeister Thomas Jung (SPD) – sehr wohl für einen ICE-Werk-Standort in Burgfarrnbach offen gewesen, erklärt der Fraktionsvorsitzende: „Dort ist ja schon viel Industrie.“

Wendeschleife

Mandatsträger Kekeritz wiederum sieht grundlegende Fehler bei der DB-Planung: „Warum braucht man eigentlich eine Wendeschleife? Der ICE kann in zwei Richtungen fahren. Wahrscheinlich hat die Bahn null Bock, eine neue Planung zu bezahlen, weil das Design der Schleifenlösung schon finanziert wurde.“

Grundsätzlich sei die Interessengemeinschaft (IG) „Nicht schon wieder Raitersaich“ gesprächsbereit, stellt Alexandra Költsch von ebendieser IG klar, „aber Raitersaich ist an der Belastungsgrenze“. Damit meint sie die aktuell ebenfalls laufenden Planungen zur Höchstspannungs-Juraleitung und das dazugehörige neue Umspannwerk.

Plakate werden aufgehängt

Dabei denken die Raitersaicher beim Protest gegen das ICE-Werk nicht nur an ihren eigenen Ortsteil. Gerade werden überall Plakate aufgehängt. Auf denen erklären sie genauso ihr „Nein“ zu den von der DB ebenfalls ins Auge gefassten Flächen in Müncherlbach und Heilsbronn im Nachbarlandkreis Ansbach.

Für diese beiden Standorte hat die Bahn bereits einen gemeinsamen „Dialog-Termin“ festgelegt: Der läuft am 29. Juni ab 18:30 Uhr online. Erst zwei Tage später, am 1. Juli, steht der Termin zum belasteten Muna-Gelände Feucht auf der DB-Liste. Doch zuvor, am 16. Juni, findet das Forum „Dialog Deutsche Bahn AG - Bayerischer Landtag“  statt. Und am 14. Juni ab 18.30 Uhr läuft der Online-Dialog zu den Plänen in Nürnberg-Altenfurt/Fischbach. Wer will, kann dabei sein: Für die DB-Dialoge ist aber Anmeldung Pflicht.
(Heinz Wraneschitz)

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