Wissenschaft

Anstoßen auf den Nobelpreis für den Garchinger Physiker Ferenc Krausz (Mitte). (Foto: Max-Planck-Institut für Quantenoptik)

04.10.2023

Nobelpreisträger in Garching: Realisieren, dass das Realität ist

Attosekunden, das ist unvorstellbar schnell. Für seine Forschungen zur Bewegung der Elektronen bekommt der Garchinger Physiker Ferenc Krausz den Nobelpreis. Unter den Gratulanten: Physik-Nobelpreisträger Theodor Hänsch

Sekt aus Wassergläsern - mehr war auf die Schnelle nicht zu organisieren. Mitten in einen Tag der offenen Tür am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (MPQ) in Garching bei München platzt die Nachricht: Ferenc Krausz, Leiter der dortigen Abteilung für Attosekundenphysik, bekommt den Nobelpreis. Er sei "sehr überrascht", sagt der frisch gekürte Nobelpreisträger.

"Ich habe damit nicht gerechnet, schon gar nicht in diesem Jahr", sagte der 61-Jährige, der den Nobelpreis zusammen mit den Wissenschaftlern Pierre Agostini und Anne L'Huillier erhielt. "Ich versuche zu realisieren, dass das Realität ist und kein Traum", sagte Krausz, der als Direktor am MPQ forscht und an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) lehrt.

Autogramme, Umarmungen, Glückwünsche. Der Physik-Nobelpreisträger von 2005, Theodor Hänsch, ist angesichts der Nachricht in die U-Bahn gesprungen und nach Garching geeilt. "So einen Anlass kann man nicht verstreichen lassen", sagt ein strahlender Hänsch. Der Physiker ist inzwischen 81 Jahre alt.
LMU-Präsident Bernd Huber erklärte: "Die LMU und ich persönlich freuen uns sehr über den Nobelpreis für Physik für Prof. Krausz und gratulieren ihm herzlich. Das ist eine außerordentlich wichtige Auszeichnung für seine herausragenden Forschungsergebnisse."

Glückwünsche auch von Ministerpräsident Markus Söder (CSU): "Das ist ein überragender Erfolg für den Wissenschaftsstandort Bayern", schrieb Söder auf der Plattform X, vormals Twitter. Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) meinte, mit dieser Auszeichnung werde der Forschungsstandort München mit drei Nobelpreisen für Physik in den vergangenen 18 Jahren zum "Nobel-Valley".

Nicht nur für die Medizin hilfreiche Forschung

Krausz erläuterte, mit seiner Forschung habe er es zusammen mit vielen Wissenschaftlern und Teams geschafft, die schnellsten Vorgänge, die es in der Natur außerhalb des Atomkerns gibt, nämlich die Bewegung der Elektronen, in Echtzeit zu verfolgen. "Diese Bewegungen initiieren jegliche molekulare Vorgänge in lebenden Organismen und sind letzten Endes auch für die Entstehung von Krankheiten auf fundamentalster Ebene verantwortlich."

Das könne für die Medizin wichtig werden. Jede Krankheit hinterlasse eine Spur im Blut, es verändere sich die molekulare Zusammensetzung. Das könne mit der hochsensitiven Attosekunden-Messtechnik abgetastet werden - und so zur Früherkennung etwa bestimmter Krebsarten oder von koronaren Herzerkrankungen beitragen.

Und noch ein Anwendungsfeld ist laut Krausz möglich, nämlich wenn es gelinge, die extrem schnelle Bewegung der Elektronen in Attosekunden für bessere Rechnerleistungen zu nutzten. Die Steigerung in den vergangenen Jahrzehnten sei vor allem durch die Miniaturisierung der Schaltkreise möglich gewesen. Hier seien aber irgendwann die Grenzen erreicht. Nun gelte es, die Erkenntnisse aus der Attosekundenphysik in den Bau von Geräten umzusetzen. Der Weg sei noch weit, aber die Belohnung groß, sagt Krausz - er sieht die Chance auf eine extreme Beschleunigung der heutigen Rechner.

Dank an die Familie 

"Ich fühle mich absolut überwältigt", betont Krausz. "So ein Preis gebietet auch eine große Demut. Es ist ein schönes Gefühl, gerade auch nach manchen Rückschlägen, so belohnt zu werden."

Immer wieder verweist er auf sein Team, auf andere Forscher, die mit als Wegbereiter gelten können, auf die Institute, die ihm die Forschung ermöglicht haben - und er bedankt sich bei seiner Familie, die an diesem Dienstag ursprünglich ans Institut gekommen ist, um an seiner Laborführung teilzunehmen. Doch jetzt wird das Haus regelrecht überrannt. Krausz weicht aus in einen Hörsaal.

"Der ganze Tag war nicht so geplant", wendet er sich an das Publikum in dem überfüllten Raum. Er habe gegen 11 Uhr eine kleine Pause machen wollen und begonnen, ein Interview mit der am Vortag gekürzten Medizin-Nobelpreisträgerin Katalin Karikó anzusehen. "Ich hatte gerade begonnen, mich zu vertiefen" - da klingelte das Telefon, ein Anruf mit unterdrückter Nummer. Den habe er erst gar nicht annehmen wollen. Aber dann sei Stockholm in der Leitung gewesen, da habe er nicht mehr auflegen können.

Vortrag für Kinder

Dann beginnt er seinen Vortrag: "Willkommen in Attoworld - Elektronen und Lichtwellen" ist dieser überschrieben. Mit Beispielen bringt Krausz dem Publikum, darunter viele Kinder, sein komplexes Forschungsfeld näher. Die unfassbaren Zahlen mit so vielen Nullen erklärt er mit einem Weltraumvergleich: Mit einem Wassertropfen, der aus dem All mit einer extremen Vergrößerung gesehen werden könnte.

Die treibende Kraft sei für ihn, Dinge zu sehen und zu verstehen, die man vorher nicht verstanden habe. Und die Hoffnung, "dass das, was wir neu entdecken, eines Tages für die Menschen nützlich sein wird".

Seine spärliche Freizeit verbringt Krausz gerne mit Sport und Lesen sowie mit seiner Familie. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

"Da muss man versuchen, irgendwie immer eine Balance zu finden. Die Freizeit ist ein knappes Gut, wenn man in der Forschung tätig ist." (Sabine Dobel, Cordula Dieckmann, Simone Humml, dpa)

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