Bauen

Die BMW Welt in München ist eins der Projekte von SSF Ingenieure. (Foto: Florian Schreiber Fotografie)

08.10.2021

Begeisterung fürs Planen und Bauen

Die 1971 in München gegründete SSF Ingenieure AG hat die gebaute Umwelt maßgeblich mitbeeinflusst

Victor Schmitt, ein gebürtiger Saarländer, hatte nach dem Bauingenieurstudium an der Technischen Universität (TU) München schon ein paar Jahre Berufserfahrung gesammelt. 1971 arbeitete er im Konstruktionsbüro der Baufirma Karl Stöhr und suchte Verbündete für die Gründung eines eigenen Ingenieurbüros. Er scharte deshalb freitags beim Feierabendbier Kollegen um sich und erzählte von seinen Plänen. „Wenn wir was werden wollen, müssen wir uns selbstständig machen“, erklärte er. Davon war er überzeugt. Und er wusste auch: Das eigene Büro stemmt er nicht allein.

Es gab damals fünf interessierte Kollegen. Davon blieb letztlich nur einer übrig: Dieter Stumpf. Er (Jahrgang 1943) war erst seit zwei Jahren bei Karl Stöhr. „Mein Vater hat mich für verrückt erklärt, als ich erzählt habe, dass ich mich selbstständig machen möchte. ‚Du kannst ja nicht mal eine Rechnung stellen‘, meinte er. Dann habe ich meinen Eltern Victor Schmitt vorgestellt – und sie waren beruhigt“, erinnert sich Stumpf. Gemeinsam stemmten sie die ersten Aufträge: statische Berechnungen für Schulen, U-Bahn-Projekte von Karl Stöhr und kleine Autobahnbrücken. Das Gründerteam stand füreinander ein und ergänzte sich perfekt.

Schmitt gelang es, einen dritten Mann ins Boot zu holen: Werner Doss. „Er war der Hauptkonstrukteur bei Stöhr. Die Spitzenqualität seiner Leistung hat uns am Anfang ausgezeichnet“, erzählt er. Die Anfänge waren holprig und den Familienvater Schmitt verließ die Sorge um den nächsten großen Auftrag nie ganz. Er wusste: „Das gehört zur Selbstständigkeit dazu. Gerade in der Baubranche. Wir müssen massiv in Vorleistung gehen. Eine finanzielle Substanz ist da enorm wichtig.“

Die Aufträge im regionalen Umfeld wurden umfangreicher. Das Team wuchs. Aus Angst, zu wenig Mitarbeiter zu haben, suchte Schmitt zu viele. „Damit landet man bei Wachstum, das man gar nicht haben will“, erzählt er. Es waren damals rund 20 Mitarbeiter, die inzwischen von der Ungererstraße in größere Büroräume in die Leopoldstraße umgezogen waren.

Als Wolfgang Frühauf 1989 als Gesellschafter und Geschäftsführer in die Schmitt Stumpf Frühauf und Partner GmbH eintrat, zählte das Ingenieurbüro bereits über 30 Mitarbeiter. Frühauf kam von Bilfinger und Berger Bau, wo er für die Niederlassung in München ein eigenes technisches Büro aufgebaut hatte und zuletzt zum Prokuristen befördert worden war. „Ich habe überlegt, was aus der zweiten Halbzeit meines Berufslebens werden soll und wollte nicht mehr abhängig sein von anderen“, sagt er.

Beginn einer neuen Ära

Die beiden Gründer und der Tunnel- beziehungsweise Spezialtiefbau-Experte Frühauf formulierten gemeinsame Ziele für das Ingenieurbüro: Sie wollten wachsen, neue Geschäftsfelder erschließen, große Bauwerke von der Konzeption bis zur Übergabe begleiten und als Generalplaner auftreten.

Alle drei Ingenieure kamen aus der Ausführungsplanung. Mit ihrem Wissen darüber lieferten sie Qualität ab. Und so wuchs das Unternehmen weiter. Auch deshalb, weil die Ingenieure den Mut hatten, eigene Ideen zu entwickeln. Innovationen anstoßen zu können, zeichne ihren Beruf besonders aus, finden die SSF Gründer. „Wir können kein fertiges Produkt in ein Schaufenster stellen. Wir versuchen, Verfahren zu entwickeln, die der Bauherr ausschreiben kann und begleiten unser ‚Produkt‘ über den gesamten Planungsprozess“, erklärt Victor Schmitt das Innovationsprinzip.

Schon am Tag nach dem Mauerfall beschlossen die drei Geschäftsführer, sich im Osten zu positionieren. „Die Wende war auch für uns eine Wende“, sagt Schmitt. „Wir sind von einem regionalen bayerischen Büro zu einem gesamtdeutschen Büro geworden.“ Und mit ihrer Infrastrukturkompetenz begleiteten SSF Ingenieure die neuen Bundesländer in eine gesamtdeutsche Zukunft.

Gute Kontakte führten zu guten Ingenieuren und machten die „Ost-Entscheidung“ der drei Gründer-Ingenieure zum Erfolg. Nach mehr als 30 Jahren sind die 1991 gegründeten Niederlassungen in Berlin und Halle noch heute dynamische Auftragsmärkte.

Es ist eine ausgewiesene Stärke des Führungstrios Schmitt, Stumpf und Frühauf, dass sie wissen: Wer alle Planungs- und Beratungsleistungen rund ums Bauen abdecken will, braucht fachspezifische Unterstützer. Und so beteiligten sie sich um den Jahrtausendwechsel und danach nicht nur an Partnergesellschaften in Polen und China, sondern starteten mit dem Ingenieurbüro Wagner oder dem Baugeologischen Büro Bauer auch in den Kompetenzverbund der SSF Gruppe. 2006 kam der Bürostandort Köln dazu und eine Beteiligung in Rumänien: SSF Ingenieure wuchsen weiter und behaupteten sich als Innovationsmotor im Bauwesen.

2008 traten Christian Schmitt und Helmut Wolf in die Geschäftsleitung ein. Zeitgleich fand die Umbenennung in SSF Ingenieure statt. Zwei Jahre später wurde SSF Ingenieure in eine AG umgewandelt und die drei Namensgeber wechselten in den Aufsichtsrat. Die neue Führungsgeneration stellen seit 2011 Anton Braun, Christian Schmitt und Helmut Wolf.

Victor Schmitts Vision für den Münchner Standort war die eines „Planerhauses“, in dem die unterschiedlichsten Disziplinen sich unter einem Dach vereinen. Mit der SSF Gruppe in der Domagkstraße ist diese Wunschvorstellung Realität geworden: Dazu gehören das Baugeologische Büro Bauer, die Prof. Schaller UmweltConsult, Wagner Ingenieure, PEC+S, Buba Ingenieure und KüpperPartner. „Planen und Bauen ist kein alleiniger Ingenieurs- oder Architektenprozess. Es ist ein gemeinsamer Prozess aller beteiligten Akteure“, so Victor Schmitt. Das gegenseitige Verständnis für die verschiedenen Disziplinen sei heute, wo Projekte immer integraler und komplexer werden, wichtiger denn je.

Und so bündelt das Planerhaus die Kompetenzen aller Fachbereiche: von baugeologischen Daten und umweltspezifischen Anforderungen über Ingenieurbauwerke und Vermessungsleistungen bis hin zur Projektsteuerung, von der Entwurfs- und Genehmigungsplanung bis zu Ausschreibung und Ausführungsplanung. SSF Ingenieure haben eine Kultur des Miteinanders, der offenen und demokratischen Diskussion etabliert. Der familiäre Geist der Gründer und ihre Werte haben ein erfolgreiches Unternehmen 50 Jahre lang geformt. Dieses Fundament ist 2021 vor allem eins: zukunftssicher. Es gründet auf flachen Hierarchien und einem besonderen Verantwortungsbewusstsein für Mensch und Umwelt.

Wachsende Kompetenz

Vor diesem Hintergrund haben Victor Schmitt, Dieter Stumpf und Wolfgang Frühauf ihre einst gesteckten Ziele erreicht. SSF Ingenieure hat sich vom Brückenbauer zum Generalplaner entwickelt. Zusammen mit ihren Partnern haben die Planer und Ingenieure von SSF spektakuläre Bauten wie die BMW Welt in München, die Strelasundquerung nach Rügen, den Lückenschluss der U5 in Berlin oder auch die 2. S-Bahn-Stammstrecke in München begleitet und ermöglicht. Sie stehen heute wie vor 50 Jahren für Talent, Begeisterung und Kompetenz.

Als eines der ersten Bauingenieurbüros richtete SSF Ingenieure einen eigenen Fachbereich für Forschung und Entwicklung ein – eine richtungsweisende Entscheidung für die beratende Ingenieurgesellschaft, die auf den konstruktiven Ingenieurbau spezialisiert ist.

Die SSF entwickelt in Kooperation mit Hochschulen, Forschungsinstitutionen und Baufirmen neue Lösungen für effiziente Brückenbauweisen. So zum Beispiel die Verbund-Fertigteil-Bauweise (VFT-Bauweise), die heute zu den erfolgreichsten Innovationen von SSF Ingenieure zählt. Mit der VFT-Bauweise und einer Vielzahl daran anschließender technischer Neuerungen und Innovationen, insbesondere im Verbundbrückenbau, übernimmt SSF Ingenieure auch eine Vorreiterrolle für die gesamte Bauingenieurbranche.

Mit seiner Kompetenz, Kreativität, Neugier und inspirierenden Haltung ist Victor Schmitt bis heute eine treibende Kraft der SSF Ingenieure. Dieter Stumpf sagt über ihn: „Als Victor Schmitt davon geredet hat, sich selbstständig zu machen, dachte ich: Wer mit so einem großen Rucksack an Verantwortung losmarschiert, hinter dem kannst Du herlaufen!“

Stumpf entwickelte bereits früh eine Begeisterung fürs Bauen. Er sagt, sie stamme aus dem Sandkasten. Heute ist insbesondere der Klimaschutz ihm besonders wichtig. Und auch beruflich glaubt er fest daran, dass Nachhaltigkeit beim Bauen ein riesiges Potenzial birgt. Seine größte Leidenschaft aber sind die Digitalisierung und die Zukunftsmöglichkeiten, die KI-Technologien eröffnen. Er brennt dafür, hier eine Vorreiterrolle einzunehmen. Denn: „Wenn man in der Lage ist umzudenken, tun sich geniale Projekte auf.“ Frühauf sagt über ihn: „Wir haben keine Angst vor der Digitalisierung, weil Dieter Stumpf das bei uns so vehement vorangetrieben hat.“

Frühauf bezeichnet sich selbst als Detailarbeiter. Und seine beiden Kollegen bestätigen, dass er sich noch heute bis tief in die Nacht mit größter Präzision um technische Optimierungen und Einzelheiten der Planung kümmert. Der China-Experte im Aufsichtsrat betont, wie wichtig die Wechselwirkungen mit dem Ausland sind: „Wir müssen die Einflüsse der Welt und fremder Kulturen ständig mit unserer Arbeit vergleichen und in diese aufnehmen.“ Gründer Victor Schmitt sagt über ihn: „Mit Wolfgang Frühauf sind wir seriös geworden!“

Dass Mitarbeiter*innen das höchste Gut eines Unternehmens sind, haben Schmitt, Stumpf und Frühauf von Anfang an verinnerlicht. Deshalb lebt SSF Ingenieure eine Kultur der Partnerschaftlichkeit. Eine Kultur der offenen und demokratischen Diskussion. Es gibt keine geschlossenen Türen. Die „Chefs“ sitzen seit jeher mitten im Team der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mit dieser Haltung und mit ihrer eigenen Begeisterung fürs Planen und Bauen ist es den Aufsichtsräten und Vorständen bisher immer gelungen, die richtigen und die besonderen Talente zu finden. Sie bilden diese selbst aus und gewinnen sie für das Unternehmen. Im Fall von Helmut Wolf und Anton Braun führte die Entwicklungslinie bei SSF Ingenieure vom Werkstudenten zum Vorstand. „Was die Mitarbeiter angeht, hatte oft genug auch der Zufall seine Finger mit im Spiel: Als ich mal einen Tramper von Leipzig mit nach Halle genommen habe, stellte sich heraus, dass er Bauingenieur ist: Georg Opperskalski arbeitet noch heute bei uns.“

Dialogfähigkeit

Frühauf erklärt, dass im Bauwesen eigentlich nie eine Patentlösung auf dem Tisch liege. Aber mit dem Anspruch, den Anforderungen des Bauherrn zu entsprechen, gelinge es dann auf dem Weg der Planung zu innovativen Lösungen zu kommen. Victor Schmitt ist darüber hinaus davon überzeugt, dass der deutsche Innovationsmarkt nicht so schlecht ist wie sein Ruf. Aber die Realisierung sei schwierig. Deshalb engagieren SSF Ingenieure sich seit vielen Jahren in Polen und Rumänien, die inzwischen wichtige Referenzmärkte sind. Dort können neue Verfahren schnell und unbürokratisch realisiert werden. „Wir wollen immer die bestmögliche, individuelle Lösung – auch im Detail“, so Frühauf.

„Vertrauen, gegenseitige Wertschätzung, Kollegialität und Zusammenhalt: Das ist es, was SSF für mich ausmacht“, erklärt Anton Braun. Und sein Kollege Helmut Wolf ergänzt: „Was uns am meisten auszeichnet, ist ein von Respekt und Wertschätzung geprägtes Miteinander. Wir sind heute wie vor 50 Jahren ein lernendes und Fehler verzeihendes Ingenieurbüro.“

Dialogfähigkeit und eine offene, demokratische Diskussion gehören seit jeher zur SSF-DNA. Nicht umsonst lautete ein langjähriger Slogan der SSF Ingenieure: „Dialog ist der Anfang von allem“. Dieser Dialog steht für das Miteinander im eigenen Team und in der SSF Gruppe ebenso wie in der Zusammenarbeit mit allen am Bau Beteiligten. Gleichzeitig ist man bei SSF offen für Neues. Das schließt nicht nur innovative Materialien oder Verfahren ein, sondern begründet auch das Auslandsengagement des Ingenieurbüros. Und Frühauf betont: „Wir müssen die Einflüsse der Welt und fremder Kulturen ständig mit unserer Arbeit vergleichen und in diese aufnehmen.“ (Friedrich H. Hettler)

 

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