Bauen

Die neue Kirchendecke bildet ein maurisch anmutendes Muster. (Foto: St. Martha Kirche)

07.12.2018

Den Brand als Chance genutzt

Der Wiederaufbau der St. Martha Kirche in Nürnberg ist abgeschlossen

Am 5. Juni 2014 brannte in der Nürnberger Innenstadt eine der ältesten Kirchen der Stadt lichterloh. Die Kirche war eingerüstet und sollte renoviert werden. Aus ungeklärter Ursache brach nachts im Dachstuhl der St. Martha Kirche ein Feuer aus und zerstörte das Hauptschiff der Kirche. Dank des Einsatzes der Feuerwehr konnte Schlimmeres verhindert werden. Zum Glück war die historisch sehr wertvolle Glasmalerei ausgebaut und zur Restaurierung nach München gebracht worden.

Nachdem der Brand gelöscht war, zeigten sich die verheerenden Schäden, die die Flammen angerichtet hatten. Der Dachstuhl war komplett verbrannt und in das Kirchenschiff gestürzt. Dort waren die Holzemporen, die Podeste der Bänke und die Orgel verbrannt. Sogar die beiden großen Glocken, die im Dachstuhl gestanden hatten, waren so verschmolzen, dass später nur ein Bruchteil ihres Materials geborgen werden konnte.
Die freistehenden Giebelwände hätte ein starker Wind zum Einsturz bringen können. Sie mussten daher gesichert werden. Erst dann konnte mit den Aufräumarbeiten begonnen werden, die anfangs einem gigantischen Mikadospiel glichen: Verbrannte Balken waren in verbogene Gerüstteile verkeilt und mussten Stück für Stück mit einem Kran aus dem Chaos herausgezogen werden. Das Aufräumen dauerte den Sommer über an, im Herbst konnte die bis dahin völlig durchnässte Kirche durch ein Notdach geschützt werden.

Veränderter Wiederaufbau

Nach dem ersten Schock hat sich die evangelisch-reformierte Gemeinde besonnen, die Chance zu nutzen und über einen veränderten Wiederaufbau nachzudenken. Unterstützt wurde sie dabei vom Amt für Denkmalpflege: Eine Kopie der verbrannten Kirche sei nicht wünschenswert. Besser sei ein gelungener Neuentwurf, der das Bestehende – insbesondere den weitgehend erhaltenen Chorraum – in Szene setzt.
In zwei Workshops, die allen Gemeindemitgliedern offenstanden, wurden zunächst Ideen gesammelt, dann diskutiert und schließlich in Leitsätze gegossen. Diese zehn Anforderungen waren die Grundlage für die Architekturbüros, die ihre Entwürfe einreichten. Eine Jury entschied sich für das Architekturbüro Florian Nagler aus München und sein Konzept, den Raum an manchen Stellen deutlich und an anderen behutsam neu zu interpretieren.

Parallel zur Neuplanung wurde begonnen, die enormen Schäden an Mauern, Bögen und Säulen zu analysieren und zu reparieren. Der Sandstein war durch die Hitze an vielen Stellen abgeplatzt, weich geworden und gerissen. Teile der Säulen mussten ersetzt werden, genauso wie einzelne Steine aus den Wänden und Bögen. Die Arbeit der Steinmetze und Restauratoren war umfassend und langwierig und dauerte – mit Unterbrechungen – bis fast zum Ende des Wiederaufbaus an.

Eine spannende Frage war, wie sichtbar die Schäden des Brands später noch sein sollten. Ein komplettes Kaschieren wäre dem Einschnitt in die Geschichte des Gebäudes nicht gerecht geworden. Anderseits wollte die Gemeinde auch nicht ihre Gottesdienste künftig in einem Mahnmal feiern. An einer Musterfläche wurde also ausprobiert und diskutiert. Das Ergebnis wurde schließlich von allen Fachleuten befürwortet und von der Gemeinde in einer Versammlung einstimmig beschlossen: Die reparierten Stellen sind auf den zweiten Blick erkennbar – auch für Besucher, die die Geschichte nicht kennen. Die verschiedene Farbigkeit von neuen und alten Steinen und den Materialien, die zum Reparieren der Oberflächen nötig waren, wurden durch eine transparente Kalkschlemme überzogen. Auf den ersten Blick wirken die Oberflächen stimmig, bilden ein Ganzes.

Das auffälligste neue Element ist die Decke mit ihren diagonalen Brettlagen aus Weißtanne. Sie bilden ein maurisch anmutendes Muster, das im Verlauf der weiteren Planungen zu einer Art neuem Motto des Gebäudes wurde. Es findet sich in dem Maßwerk eines Fensters wieder und in den Türen. Das Besondere der Decke ist aber, dass sie gleichzeitig konstruktiv ist, also das hauptsächlich statische Element des Dachstuhls.

Die neue Decke dimensioniert die Kirche neu. Das frühere Tonnengewölbe setzte direkt auf die Mauerkronen auf. Durch die später dazu gebauten äußeren Seitenschiffe mit Holzemporen war das Verhältnis der Achsen aber im Ungleichgewicht. Die Erhöhung der Decke im mittleren Schiff stellt die Symmetrie her, die der Kirche gefehlt hat. So theoretisch das klingt, ist es in der fertigen Kirche doch unmittelbar erfahrbar und gibt dem Raum trotz seiner dazugewonnenen Höhe die Ruhe, die zum Verweilen in der Kirche einlädt.

Holz spielt auch in der weiteren Innengestaltung eine große Rolle und trägt entscheidend zur guten Akustik bei. Schon vor dem Brand war diese bekannt und beliebt. Viele Konzerte fanden in der St. Martha Kirche statt. Mit der Hochschule für Musik gab es eine enge Kooperation. Nach Fertigstellung der Kirche sind auch schon wieder viele Konzerte geplant. Unter anderem hat die Internationale Orgelwoche (ION) den Raum mit seiner zu Pfingsten 2019 fertigzustellenden Orgel schon gebucht.

Gestampfter Lehmboden

Ein weiteres Pilotprojekt ist der Boden der Kirche aus gestampftem Lehm. Eigentlich wurde die Idee dazu aus der Not geboren. Der Untergrund des freigelegten historischen Bodens stellte sich als instabil heraus. Ein klassischer Bodenaufbau hätte zu Rissen und Brüchen geführt. Lehm dagegen wird an der Oberfläche stark verdichtet, geschliffen und in mehreren Arbeitsgängen gewachst. Somit ist der Boden stabil und belastbar. Trotzdem ließ er den Einbau einer Fußbodenheizung zu, die künftig energieeffizient für eine angenehme Temperatur sorgen wird.

Die St. Martha Kirche wurde 1385 als Kapelle zu einem Pilgerspital gestiftet, war nach der Reformation „profaniert“ und diente als Konzert- und Theatersaal unter anderem der Schauspieltruppe von Hans Sachs und den Meistersingern als Probe- und Aufführungsort. Die evangelisch-reformierte Gemeinde, die sich um niederländische, pfälzische und schweizerische Kaufleute gebildet hatte und bis dahin vor den Toren der Stadt Nürnberg bleiben musste, bekam die St. Martha Kirche 1800 als Gemeindekirche zur Verfügung gestellt und später übereignet.

Zum 200-jährigen Jubiläum hatte der Bildhauer Werner Mally bereits einen neuen Abendmahltisch geschaffen, der nun durch eine mobile Kanzel ergänzt wird. Die Ausstattung mit Bankstühlen und Stapelstühlen für größere Gelegenheiten macht den Kirchenraum zu einem multifunktionalen Raum. Das entspricht dem Verständnis der Evangelisch-Reformierten, die die Zweckmäßigkeit eines Gottesdienstraums genauso wichtig nehmen wie seine liturgische Funktion.

Das Bilderverbot verstehen evangelisch-reformierte Christen ähnlich deutlich wie die jüdische Glaubensgemeinschaft. Deshalb gibt es in der St. Martha Kirche kein Kreuz und keine Bilder. Eine Ausnahme sind die vorreformatorischen Glasmalereien, die im Chor und in zwei weiteren Fenstern der Kirche wieder eingebaut sind und die mit dem neu gestalteten Hauptschiff – wie beabsichtigt – eine Einheit bilden.
(Georg Rieger)

(Die enormen Brandschäden; die wieder aufgebaute Kirche und der neue Kircheninnenraum - Fotos: St. Martha Kirche)

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