Bauen

Abschluss der Bebauung an der Hofheimer Straße. (Foto: Katrin Heyer)

06.06.2019

Ein Solitärgebäude als Eingang zur Altstadt

Neubau des Amtsgerichts Haßfurt

Aufgrund der Aufteilung der ansässigen Justizabteilungen auf drei Standorte sowie der räumlichen und baulichen Defizite im Gebäudebestand fiel die Entscheidung zugunsten eines Neubaus für das Amtsgericht Haßfurt. In unmittelbarer Nähe zur Haßfurter Altstadt konnte durch die Immobilien Freistaat Bayern im Frühjahr 2013 ein Grundstück mit einer Fläche von 4500 Quadratmetern in zentrumsnaher Lage erworben werden. Die Eignung des Grundstücks für den geplanten Neubau wurde mit einem baufachlichen Gutachten des Staatlichen Bauamts Schweinfurt vorweg bestätigt. Im Juli 2013 lobte das Staatliche Bauamt für die Gebäude- und Freianlagenplanung ein VOF-Vergabeverfahren mit Lösungsvorschlägen aus. Nach Abschluss des Verfahrens, zu dem nach einer Bewerbungsphase zehn Teilnehmer zu Auswahlgesprächen geladen wurden, erhielt das Architekturbüro Nieto Sobejano Arquitectos/Berlin gemeinsam mit Kiessling Landschaftsarchitekten/Berlin im Dezember 2013 den Auftrag zur Realisierung.

Vis-à-vis zur Silhouette der historischen Altstadt von Haßfurt, die hier an ihrem östlichen Eingang besonders durch die mittelalterliche Ritterkapelle geprägt wird, entstand durch den Abriss eines Einkaufsmarkts an der Hofheimer Straße ein Freiraum in exponierter Lage, der die Möglichkeit bot, die städtebauliche Situation durch die Neuerrichtung des Amtsgerichts an dieser Stelle neu zu interpretieren. So nimmt der Gebäude- und Freianlagenentwurf des Neubaus die im Norden anschließende, offene Siedlungsstruktur auf und setzt durch die Platzierung eines frei stehenden, kompakten Baukörpers den Abschluss zur Bebauung an der Hofheimer Straße.

Barrierefrei erreichbar

Durch die angelegten Platzflächen rückt das Gebäude von den umliegenden Straßen ab und erzeugt somit ein angemessenes Verhältnis zur angrenzenden, kleinteiligen Bebauung. Die Freianlagen schaffen einen sich aus allen Erschließungsrichtungen heraus öffnenden Raum. Auf diese Weise markiert das Solitärgebäude den östlichen Eingang zur Haßfurter Altstadt.

Den Haupteingang des Amtsgerichts erreicht man barrierefrei über den neu geschaffenen Vorplatz an der Hofheimer Straße. Hier stehen für Besucher zwei Behindertenparkplätze zur Verfügung. Das Baugrundstück selbst fällt zwischen der Hofheimer Straße im Osten und der „Oberen Mühle“ im Westen um etwa vier Meter ab. Über eine Treppenanlage im Norden des Gebäudes, an welche sich als räumlich und funktional verbindendes Element der Amtsgerichtsgarten anschließt, werden 36 auf dem Grundstück errichtete Stellplätze an der „Oberen Mühle“ fußläufig erreicht, welche mit zwei Ladestationen für Elektrofahrzeuge ausgestattet sind.

Die Funktionen des Gebäudes gliedern sich in drei Schichten. Über dem Gebäudesockel mit Nebenräumen für die haustechnischen Anlagen, der Zentralregistratur zur Aktenlagerung, einer Haftzelle und Räumen für die Bewährungshelfer, befindet sich das Erdgeschoss, dessen Grundriss von drei frei stehenden Kuben mit Gerichtssälen, den vertikalen Erschließungen, Sanitärräumen und einem gesonderten Zimmer für Zeugen bestimmt wird. Die gegenüber der Fassade eingerückten Verglasungen in den Zwischenräumen machen die innere Gliederung auch nach außen hin ablesbar und verknüpfen den Innenraum zugleich durch visuelle Bezüge mit dem umgebenden Außenraum.

Alle Sitzungssäle sind über den zentralen Eingang von der Hofheimer Straße aus zu erreichen, wo im Bereich der Pforte die Personen- und Gepäckkontrollen stattfinden. Der Bürobereich in den beiden Obergeschossen gliedert sich um einen überdachten Luftraum. Eine vertikale Lamellenstruktur fasst diesen Raum in seiner Kontur und setzt die Bürogeschosse untereinander und mit dem Foyer in Bezug. Der öffentliche Sitzungssaalbereich ist so von den nichtöffentlichen Nebenräumen im Sockelgeschoss sowie dem Bürobereich in den Obergeschossen klar getrennt.

Grauer Basalt

Die Schichtung der Funktionen im Innenraum ist durch die Gestaltung der Fassaden auch nach außen hin ablesbar. Im Bereich des Erdgeschosses wurde grauer Basalt mit vertikaler Gliederung verbaut, der sich auf der Oberfläche der Kuben auch im Innenraum fortsetzt und diese als Ganzes wahrnehmbar werden lässt. Die Außenfassaden der Obergeschosse und des Sockels wurden in Kalkstein ausgeführt. Der Glasflächenanteil der Fassade (25 Prozent) ist mit einer Dreischeibenverglasung ausgeführt. Der sommerliche Wärmeschutz wird durch außenliegende Aluminium-Raffstores sichergestellt. Die variierende Fassadengliederung interpretiert dabei das Motiv der Lochfassade.

Bei der Erstellung des Energiekonzepts wurde großer Wert auf die Nutzung regenerativer Energien gelegt. Das Gebäude ist gemäß Ministerratsbeschluss vom 19. Juli 2011 im Passivhausstandard errichtet und wird konzeptbedingt be- und entlüftet. Die eingebauten hocheffizienten Lüftungsanlagen sind mit energieeinsparender Wärmerückgewinnung ausgestattet. Der Einsatz eines Rotationswärmetauschers, der zusätzlich eine Feuchterückgewinnung ermöglicht, trägt zur Verbesserung der Behaglichkeit in den Büros bei.
Durch die gute Wärmedämmung, die großen nutzbaren Gebäudemassen sowie die hocheffiziente Wärmerückgewinnung konnte der Wärme- und Kältebedarf soweit gesenkt werden, dass die noch benötigte thermische Energie durch eine elektrische Sole/Wasser-Wärmepumpe (35 kW) in Kombination mit einem Eisspeicher (180 Kubikmeter) und einer Solar-/Luftabsorber-Anlage bereitgestellt werden kann. Zur Spitzenlastabdeckung ist ein Gasbrennwertkessel vorhanden.

Die Nutzung regenerativer Energien erstreckt sich auch auf den Elektrobereich, hier dient eine Photovoltaikanlage (18 kW) auf dem Dach zur Eigenstromerzeugung. Aufgrund der Nutzungsanforderungen wurden innerhalb des Gebäudes unterschiedliche Konditionierungskonzepte erforderlich. So werden zum Beispiel die Sitzungssäle über Heiz-/Kühldecken beheizt und gekühlt. Die Konditionierung der Büros erfolgt über Bauteilaktivierung und Unterflurkonvektoren, das gebäudehohe Atrium besitzt eine Fußbodenheizung.

Die Bauausführung war von der konjunkturbedingten Kapazitätsauslastung der ausführenden Firmen und Lieferanten geprägt. Die Bauzeit betrug drei Jahre. Mit Gesamtbaukosten von 11,3 Millionen Euro steht der Justiz in Haßfurt nun ein neues Gerichtsgebäude mit rund 1800 Quadratmetern Nutzfläche zur Verfügung, das allen Umwelt- und Sicherheitsstandards entspricht, barrierefrei erschlossen ist und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter einem Dach vereint. (Holger Richterstetter)

(Blick ins Atrium - Foto: Katrin Heyer)

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