Das Haupt- und Landgestüt Schwaiganger der Bayerischen Staatsgüter gehört zu den traditionsreichsten Pferdezuchtstandorten Bayerns. Heute liegt der Schwerpunkt von Schwaiganger auf der Aus- und Fortbildung junger Fachkräfte im Bereich Pferdehaltung und Reiten. Ein zentraler Bestandteil des historischen Ensembles ist das Gebäude 39, die sogenannte Haferhalle. Der 1914 errichtete Bau stellt einen frühen Stahlbetonskelettbau dar und gehört damit zu den seltenen Beispielen dieser Bauweise im ländlichen Raum. Die Konstruktion ermöglichte bereits zur Entstehungszeit große Spannweiten, mit einer außergewöhnlich hohen Tragfähigkeit und gestattete so eine flexible Nutzung der Halle für Lagerzwecke im landwirtschaftlichen Betrieb.
Mit der geplanten Nutzung als Internat für Auszubildende sollte das Gebäude dauerhaft gesichert und zugleich an heutige Anforderungen angepasst werden. Ziel war es, die historische Substanz im Innenbereich des historischen Gestüts zu bewahren und gleichzeitig zeitgemäße Wohn- und Gemeinschaftsräume zu schaffen.
Besondere Ingenieurleistung unter Beachtung der Kriterien
Vor Beginn der Planung wurde die Tragstruktur des Gebäudes umfassend untersucht. Dabei zeigten sich typische Schadensbilder früher Stahlbetonkonstruktionen, insbesondere geringe Betonüberdeckungen der Bewehrung sowie korrosionsbedingte Schäden an einzelnen Bauteilen. Gleichzeitig stellte die neue Nutzung als Internatsgebäude erhöhte Anforderungen an Statik, Brandschutz und Bauphysik.
Die Planung orientiert sich konsequent an der vorhandenen Tragstruktur. Der Grundriss folgt dem Raster der historischen Stahlbetonkonstruktion. Um das Tragwerk zu entlasten, wurden die Lasten im Obergeschoss gezielt reduziert. Leichte Wand- und Deckenkonstruktionen in Holzbauweise sowie der Einsatz von Trockenestrich tragen dazu bei, die zusätzliche Belastung für die historische Konstruktion gering zu halten.
Das denkmalpflegerische Konzept folgt dem Prinzip „Haus im Haus“. Die neuen Nutzungen werden als eigenständige Konstruktion innerhalb der bestehenden Gebäudehülle entwickelt. Dadurch bleibt die charakteristische Stahlbetonskelettstruktur vollständig erhalten und im Innenraum weiterhin ablesbar.
Tragende Bauteile wurden instandgesetzt und im Innenraum teilweise mit einem Putzauftrag versehen, um die erforderliche Betonüberdeckung sowie den Brandschutz sicherzustellen. Eine flächendeckende Brandmeldeanlage ermöglicht es gleichzeitig, zusätzliche Eingriffe in die historische Fassade zu vermeiden.
Im Zuge der Sanierung wurden die vorhandenen Stahlfenster um zusätzliche historische Dachfenster im gleichen Rhythmus ergänzt. Die neue vertikale Lattierung der großen Öffnungen im Erdgeschoss greift den Fassadenrhythmus der historischen Stahlfenster auf und verstärkt diesen gekonnt. Nachträglich angefügte Seitendächer und Schiebetore wurden entfernt. Dadurch konnte die ursprüngliche Kubatur des Gebäudes wieder freigestellt werden. Neue Eingänge werden durch filigrane, freistehende Vordächer markiert, die sich bewusst vom historischen Baukörper absetzen, ohne diesen zu berühren.
Ein besonderes Element des Gebäudes ist die bestehende Tennenbrücke, die ursprünglich die Zufahrt in das Obergeschoss ermöglichte. Sie wird heute als Terrasse für den Gemeinschaftsraum genutzt und erinnert weiterhin an die frühere Nutzung des Gebäudes.
Die Dachkonstruktion musste aus statischen Gründen durch den Einbau neuer Stahlträger zusätzlich verstärkt werden. Diese sind an den Giebelseiten, analog zu den ursprünglichen Stahlträgern, sichtbar belassen. Durch die Ertüchtigung konnte die gesamte technische Gebäudeausrüstung wartungsfreundlich und „unsichtbar“ in den Spitzboden untergebracht werden.
Auch energetisch wurde das Gebäude zukunftsfähig entwickelt. Das Energiekonzept basiert auf einer Erdkollektor-Wärmepumpe. Die Wärme- und Kälteabgabe erfolgt über Fußbodenheizungen als Niedertemperatursystem. In den Sommermonaten kann das System zur passiven Kühlung genutzt werden, sodass auf eine konventionelle Kälteanlage verzichtet werden kann.
Entscheidend für den beispielhaft umgesetzten Umbau des denkmalgeschützten Gebäudes war die stets konstruktive und lösungsorientierte Zusammenarbeit mit der Unteren Denkmalschutzbehörde am Landratsamt Garmisch-Partenkirchen. Der enge und vertrauensvolle Austausch während der gesamten Planungs- und Bauphase trug wesentlich dazu bei, die Anforderungen des Denkmalschutzes mit den funktionalen und technischen Ansprüchen an ein modernes Internatsgebäude in Einklang zu bringen.
Die Revitalisierung der historischen Haferhalle zeigt, wie ein über 100 Jahre alter Ingenieurbau durch präzise Planung und sorgfältige konstruktive Eingriffe an heutige Anforderungen angepasst werden kann. Das neue Internat schafft eine Verbindung zwischen vergangener Baukultur und den zentralen Werten der heutigen Moderne wie Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und Barrierefreiheit. Das Projekt verbindet den Erhalt einer frühen Stahlbetonkonstruktion mit einer zeitgemäßen Nutzung für Ausbildung und Leben im Gestüt Schwaiganger.
Das Bauwerk bleibt somit als Teil der historischen Gestütsanlage erhalten und wird künftig als Internat für Auszubildende genutzt.
„Mit der Sanierung der historischen Haferhalle ist es gelungen, ein bedeutendes Baudenkmal für kommende Generationen zu erhalten und ihm gleichzeitig eine neue, zukunftsorientierte Aufgabe zu geben. Unsere Auszubildenden finden hier moderne Wohnbedingungen in einem Gebäude, das die Geschichte des Gestüts Schwaiganger eindrucksvoll widerspiegelt. Das Projekt zeigt, dass sich Denkmalschutz, Nachhaltigkeit und zeitgemäße Ausbildung hervorragend miteinander verbinden lassen", so Anton Dippold, Geschäftsführer der Bayerischen Staatsgüter. (BSZ)
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