Bauen

Joigny: In diesem Haus aus dem 16. Jahrhundert ist jetzt das Résistance-Museum untergebracht. (Foto:Ursula Wiegand)

15.06.2018

Fachwerkhäuser, Kirchen, Schlösser

Burgund: Geschichtsträchtige Leckerbissen für Architekturfans

Burgund gilt als Genießerregion und bietet auch Architekturfans Leckerbissen aller Art und das aus vielen Jahrhunderten. Schon in der Jungsteinzeit fühlten sich Menschen in dieser Region wohl und die alten Römer ebenfalls. Beispielsweise in Sens, einer Stadt mit rund 25 000 Einwohnern im Nordwesten Burgunds. Dort hat man bei Bauarbeiten Mauerreste von römischen Häusern und Bädern unterhalb der Kathedrale Saint-Étienne (Stefansdom) entdeckt, ebenso Mosaikfußböden, alles Zeugnisse einer hohen Bau- und Wohnkultur vor rund 2000 Jahren. Aus der Kirche führen nun Stufen hinab in die römische Unterstadt, auf deren Fundamenten die schwergewichtige Kathedrale steht.

Im Jahr 1130 wurde sie errichtet und gilt als erste gotische Kathedrale Frankreichs. Angeblich hat sie den bekannteren Schwesterbauten in Chartres, Bourges und Amiens als Modell gedient. Unumstritten ist das nicht, entstanden doch die erwähnten Gotteshäuser nur wenige Jahre später. Vermutlich war eine allgemeine Reform- und Architekturbewegung von der Romanik zur Gotik in Gang gekommen. Jedenfalls ist die 122 Meter lange Kathedrale Staint-Étienne das Highlight von Sens.

Krumm und schief,
aber noch bewohnt

Bei der Führung widmet jedoch Experte Bernard Brousse einigen 800-jähigen Bleiglasfenstern seine besondere Aufmerksamkeit. Eines schildert das Leben von Thomas Becket, der Sens zweimal – 1164 und 1170 – besuchte und später als Erzbischof von Canterbury vor dem Altar ermordet wurde. Noch intensiver leuchtet die Sonne durch das farbstarke Samariter-Fenster in das 24,4 Meter hohe Mittelschiff. Draußen auf dem Platz der Republik, zwischen dem spätgotischen Westwerk des Doms und der Markthalle von 1883, überbrücken die Kaffee- und Weintrinker weitere Jahrhunderte.
Wer alte Fachwerkhäuser liebt, wird gen Süden im Städtchen Joigny fündig. Der beste Blick auf die sich hügelan erstreckende Altstadt bietet sich vom jenseitigen Ufer der Yonne und lockt sogleich zur Erkundung. Die meisten Bauten wurden nach dem großen Stadtbrand von 1530 errichtet, manche sind nun krumm und schief, werden aber noch bewohnt. Ein Eckhaus mit sonderbar gekrümmter Fassade wird als Museum genutzt. Ins Auge fällt auch das Pilori-(Pranger-)Haus, schon wegen der farbigen Wandkacheln im ersten Stockwerk. Die sind jedoch eine Zutat aus späterer Zeit.

So malerisch all’ das in den engen Gassen wirkt – die Schilder „à vendre“ (zu verkaufen) sind nicht zu übersehen. Wahrscheinlich können sich die Eigentümer die teure Sanierung nicht leisten. Ein fein hergerichtetes weiß-rotes Haus, dekoriert mit dem geschnitzten Stammbaum von Jesse, hat aber schon – wie das Schild „vendu“ (verkauft) kundtut – einen neuen Besitzer gefunden. Geplant sind öffentliche Zuschüsse für die Restaurierung der alten Holzhäuser, denn Joigny gehört zu den „Villes et Pays d’Art et d’Histoire“, den Städten und Landschaften mit Kunst und Geschichte. Das verpflichtet zurBewahrung des kulturellen Erbes.

Auch eines von ehemals sieben Stadttoren – das Johannistor (Porte Saint-Jean) aus dem 11. Jahrhundert – hat überdauert. Durch den Torbogen ist das fein gegliederte Maison de Bailli zu sehen, in anderer Richtung die eintürmige Renaissance-Kirche Saint-Jean (Johanniskirche), geplant von Jean Chéreau. Ihm ist auch eine absolute Besonderheit zu verdanken: die steinerne, fein gemusterte Kassettendecke. Für die Steinmetze muss das harte Arbeit gewesen sein.
Mit dem italienisch inspirierten Renaissanceschloss Ancy-le-Franc, mehr im Nordosten gelegen, besitzt Burgund eine weitere Perle und außerdem die einzige Vierflügelanlage Frankreichs. Den harmonischen Bau, umgeben von einem großen Park, entwarf Sebastiano Serlio, ein Stararchitekt jener Zeit. Drinnen sind wertvolle Kunstschätze aus 500 Jahren zu sehen.

Noch wesentlich weiter zurück reicht die Baugeschichte der Abbaye de Reigny nahe Vermenton, einer 1134 gegründeten Zisterzienserabtei. Zwei Generationen der Familie Mauvais haben seit 1988 daran gearbeitet, die ruinösen Klosterbauten zu retten und sie in ein gastliches Hotel zu verwandeln. In dem früheren Stallgebäude neben dem dicken Taubenturm befinden sich nun Ferienwohnungen, eine davon behindertengerecht. Im ehemaligen Refektorium, dem Speisesaal der Mönche, tobt nun bei Hochzeiten und Konzerten das Leben so wie nie zuvor.

Auch in Vézelay mit seiner Basilika Sainte-Madelaine (Maria Magdalena) ist die Wiederbelebung überzeugend gelungen. Der hügelan gelegene Ort zählt inzwischen zu den schönsten Dörfern Frankreichs und ist wegen dieser Kirche ein international bekanntes Wallfahrtsziel und eine Station auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Für einen Schub sorgte auch die UNESCO, die Dorf und Basilika 1979 zum Weltkulturerbe erklärte.

Das Pilgern in Vézelay begann nach dem Jahr 900 und beflügelte bald die Bautätigkeit. Die kleine karolingische Kirche wurde mehrfach vergrößert und so zeigt sich die heutige Basilika als gelungener Mix aus Romanik und Gotik. Zutaten aus späterer Zeit fehlen auch nicht. Dass sie nach Kriegen und den Verwüstungen während der Französischen Revolution überhaupt noch steht, ist vor allem der umfänglichen Restaurierung von 1840 bis 1859 unter der Leitung des damals erst 29-jährigen Architekten Eugène Viollet-le-Duc zu verdanken. Eine weitere Restaurierung erfolgte 1997.

Durch einen Eingang, geschmückt mit einem romanischen Tympanon, gelangen Menschen aus aller Welt vom Vorraum (Narthex) in die eigentliche Kirche und blicken begeistert umher. Für Guide Lorant Hecquet sind vor allem die 120 unterschiedlichen Säulenkapitelle ein einzigartiger Schatz. (Ursula Wiegand)

(Abbaye de Reigny: Früher Kloster, jetzt ein Hotel; Blick über die Yonne auf Joigny und die steinerne Kassettendecke der Renaissance-Kirche Saint-Jean - Fotos: Ursula Wiegand)

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