Bauen

Die Stadt Seiyun im Tal von Hadramaut, Jemen. (Foto: Buch)

07.02.2020

Fantastischer Baustoff

Leidenschaftliches Plädoyer für den Lehmbau in Wort und Bild

Ein überraschendes Lob hatte der Stararchitekt Le Corbusier, Wegbereiter des modernen Städtebaus und Freund des Stahlbetons, seinerzeit für ein einfaches und ganz natürliches Baumaterial parat: Lehm. Damit könne man „die edelsten und großartigsten Grundrisse entwerfen, die ganz ohne Pathos sind, doch Größe in sich tragen. Das Leben in diesen Gebäuden aus Stampflehm kann voller Würde sein und den Menschen in einer von Maschinen dominierten Kultur den Sinn für fundamentale menschliche und naturbelassene Ressourcen wiedergeben.“

Zur buchstäblichen Untermauerung seiner Einschätzung plante er in der Nähe von Marseille ein umfangreiches Hotelprojekt aus Stampflehm, das jedoch nie realisiert worden ist – ganz im Gegensatz zur französischen Lehmbausiedlung „Domaine de la Terre“ in Villefontaine an der Isère. Das aus 65 Sozialwohnungen bestehende Wohnquartier wurde vom belgischen Architekten Jean Dethier, der Lehm als umweltfreundliches, ressourcenschonendes Baumaterial propagiert, initiiert und gilt als Antwort auf die internationale Energiekrise jener Jahre. Die Siedlung wurde 1985 eingeweiht und erhielt in den Folgejahren von Presse und Bauexperten nicht nur viel Besuch, sondern auch viel Anerkennung.

Zum positiven Echo auf den „neuen alten“ Baustoff trug auch die 1981 konzipierte, viel beachtete Ausstellung Dethiers zum Lehmbau (Des Architectures de Terre) im Centre Pompidou in Paris bei, die in den folgenden 16 Jahren über vier Kontinente wanderte. Das dort gezeigte imaginäre Dorf aus großen Lehmmodellen wurde geschickt und medienwirksam mit der Siedlung Domaine de la Terre gekoppelt: Lehmbau zum Anschauen in Theorie und Praxis, als Modell und in Originalgröße.

Die Begeisterung Dethiers für das praktische Baumaterial aus dem Boden ist bis heute ungebremst und wird durch die aktuelle Diskussion rund ums Bauen sogar noch befeuert. In Zeiten von Nachhaltigkeit und Klimawandel ist „grünes“ Bauen aktueller denn je – höchste Zeit also für ein leidenschaftliches Plädoyer für den ökologischen Lehm.

„Unsere Gesellschaft leidet an kultureller Amnesie.“ Mit diesem Satz beginnt Jean Dethiers kürzlich erschienenes Buch "Lehmbaukultur – Von den Anfängen bis heute" (Edition Detail, München 2019, 512 Seiten, 99 Euro. ISBN 978-3-95553-490-5). Denn anders kann es sich der Autor kaum erklären, wie „die mehrere Jahrtausende überspannende Lehmbauarchitektur derart in Vergessenheit geraten kann, obwohl zahlreiche bedeutsame Zeitzeugnisse aus Lehm … existieren“. Und das, obwohl Lehm ein Baumaterial mit vielen exzellenten Eigenschaften ist: Lehm liegt uns buchstäblich zu Füßen, und zwar in Hülle und Fülle. Er kann ohne großen Aufwand abgebaut werden, zerstört weder die Landschaft noch verschmutzt er Luft, Böden oder Grundwasser.

Außerdem ist Lehm leicht zu verarbeiten, recyclingfähig und ressourcenschonend – ganz im Gegensatz zu vielen modernen Baustoffen, deren Fertigungsverfahren den Einsatz fossiler Brennstoffe erfordern, die klimaschädliche Treibhausgase emittieren. Zu guter Letzt kann der vielseitige Baustoff mit anderen Naturmaterialien wie Stroh oder Hanf gemischt oder mit Holz kombiniert werden und bietet gesunden, gemütlichen Wohnkomfort.

Unabhängig von den klimatischen Bedingungen

Ja, aber …, wird der skeptische Leser an dieser Stelle die Lobeshymne mit Blick auf die Standfestigkeit unterbrechen wollen. Kein Problem, winken die Experten ab. Viele jahrhundertealte Lehmbauten rund um den Globus zeugen von der mechanischen Widerstandsfähigkeit des Baumaterials, und selbst in regenreichen Klimazonen ist der Baustoff kein Problem, sofern die Lehmmauern zum Schutz vor aufsteigender Feuchtigkeit auf einen Sockel aus Beton oder Stein aufgesetzt werden und das Gebäude durch eine entsprechende Überdachung einen Schutz vor lange anhaltendem oder starkem Regen bekommt.

Und tatsächlich: Auf fünf Kontinenten und in den meisten Ländern der Welt existieren Lehmbauten, unabhängig von den dortigen klimatischen Bedingungen.

Der vorliegende Bildband geht auf Beispiele aus etwa 100 Nationen ein und schlägt dabei eine Brücke von der Antike bis heute. Natürlich würdigt das Kompendium die historischen Meisterwerke, die heute teilweise zum Unesco-Weltkulturerbe zählen wie die Chinesische Mauer, Tempel und Paläste Mesopotamiens oder die Medinas (Altstädte) in Marokko. Der Autor analysiert aber auch moderne Lehmbaukonstruktionen wie beispielsweise Sozialwohnungen in Bogota und einigen europäischen Städten sowie öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Museen oder Märkte aus aller Herren Länder.

Ein Schatz in verschwenderischer Menge

Ob monumentale Paläste oder bescheidene Hütten, errichtet als Stampflehmbau oder Lehmwellerbau, aus luftgetrockneten Lehmziegeln oder in Hybridtechnik, verziert mit Kuppeln, Bögen, Gewölben und oft auch mit farbenfrohen Wandtexturen – die Fantasie der Baumeister kannte und kennt kaum Grenzen. Dabei waren es die Tiere, die es uns vorgemacht haben: Schon lange, bevor Menschen die ersten Lehmhütten errichteten, bauten manche Vögel Nester aus Lehm und Biber ihre Staudämme. Am bekanntesten sind jedoch die Termitenhügel in Afrika, die als Mischung aus Erde und organischen Sekreten eine Höhe von etwa acht Metern erreichen können.

Für Dethier ist Lehm ein Schatz, der in geradezu verschwenderischer Menge und Vielfalt weltweit zu unseren Füßen liegt und nur darauf wartet, gehoben zu werden. Damit widerspricht er gängigen Vorurteilen und Klischees, Lehm sei allenfalls Material für arme Menschen in armen Ländern und Lehmbauten seien primitiv und wenig stabil. Und er widerspricht energisch: wortstark, bildgewaltig und auf über 500 Seiten. Es gibt wohl keinen Aspekt, keine Facette zum Thema Lehm, die in dieser opulenten Publikation nicht zur Sprache kommt.

Zwei Jahrzehnte haben die Vorbereitungen zu diesem umfassenden Werk gedauert. Eine lange Zeit, in der sich die Intention, einen visuellen Rundumblick über die Vielfalt des lehmgebauten Kulturerbes geben zu wollen, um einen kämpferischen Aspekt erweiterte. Dem Architekten Dethier greift dabei ein engagiertes Autorenteam aus renommierten Experten unter die Arme. In rund 30 interdisziplinären Aufsätzen decken die Fachleute (Architekten, Ingenieure, Archäologen, Ethnologen, Historiker) mit ihrer Sachkenntnis die Faktenlage ab, während die etwa 800 Abbildungen und Zeichnungen einen emotionalen Bezug herstellen sollen.

Um die „kulturelle Amnesie“ zu kurieren, aber auch, um der Debatte um unsere bauliche Zukunft neue Nahrung zu verleihen, vereint das Buch traditionelle und moderne Aspekte. Sieben große Kapitel schlagen eine Brücke von Denkansätzen in der Architektur über archäologische und historische Zeugnisse der Lehmbaukultur bis zu zeitgenössischer Gestaltungskraft und Zukunftsperspektiven. Dethier, der engagierte Kämpfer für die kulturelle Aufwertung und Erneuerung im Lehmbau, zeigt mit dieser brillanten Publikation, dass Lehm zum Fundament einer Zukunftsvision und moderne Lehmbauarchitektur mittlerweile eine echte Option und „greifbare ökologische Realität“ geworden ist. (Monika Judä)

(Die Moschee von Nando in Mali. Im iranischen Hochland gibt es ebenfalls außergewöhnliche architektonische Schönheiten. Das Buch-Cover und ein Gebäude auf dem Gelände der Universität Rennes - Fotos: Buch)

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