Bauen

Die Neue Pinakothek in München. (Foto: Architekturmuseum der Technischen Universität München, Archiv)

31.10.2019

Handwerker und Künstler in einer Person

Alexander Freiherr von Branca, renommierter Architekt und Heimatpfleger

Zum 100. Mal jährte sich heuer der Geburtstag eines Architekten, der zu seiner Zeit das Gesicht Münchens prägte wie kaum ein anderer: Alexander Freiherr von Branca. Er wurde am 11. Januar 1919 in München-Schwabing als Sohn eines Offiziers und Diplomaten (Wilhelm Freiherr von Branca) und einer Malerin geboren. Seine Mutter hatte sich in ihrem Fach unter dem Namen Hedwig Branca-Kent einen Namen gemacht und ihrem Sohn wohl das Talent zum Malen und Zeichnen vererbt.

Dieser wusste das in die Wiege gelegte Geschenk zu nutzen, besuchte bereits während des Zweiten Weltkriegs Abendkurse in einer Zeichen- sowie Architekturschule und studierte nach Kriegsende erst an der Technischen Hochschule (TH) München, dann an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich Architektur. Anschließend machte er sich mit einem Büro in München selbstständig und prägte über ein halbes Jahrhundert lang das Baugeschehen und das Bild der Stadt entscheidend mit.

Alexander von Branca hinterließ ein immenses Werk. Sein Nachlass, der im Archiv des Architekturmuseums der Technischen Universität München (TUM) verwahrt wird, umfasst über 370 architektonische und städtebauliche Planungen und Wettbewerbe. Mehr als 30 sakrale Bauten, rund 45 Wohnhäuser und ein gutes Dutzend Schulen stammen aus seiner Feder, ebenso Banken, Hotels, Schlösser, Universitäten und Museen sowie eine ganze Reihe weiterer Neu- und Umbauten aus allen erdenklichen Bereichen des öffentlichen Lebens.

Ein Herz für Sakralbauten

Wenngleich von Brancas Portfolio so ziemlich alles umfasst, was man nur bauen kann, gehörte sein Herz sakralen Gebäuden. Ausschlaggebend dafür waren vermutlich seine Spiritualität und sein starker Glauben – protestantisch getauft, konvertierte er während der NS-Zeit zum Katholizismus, was ihm half, die Gestapo-Haft zu überstehen, in die er wegen regimekritischer Äußerungen gekommen war.
Als überzeugter Münchner konzentrierte der fleißige Architekt sein Schaffen auf die bayerische Landeshauptstadt. Seine Spuren sind hier allgegenwärtig, selbst beim Warten auf die U-Bahn begegnet man von Brancas Handschrift: Die U-Bahn-Stationen Marienplatz, Prinzregentenplatz und Theresienwiese sind nach seinen Entwürfen errichtet. Zu seinen herausragendsten und bekanntesten Werken in München zählen jedoch die Herz-Jesu-Kirche (in Zusammenarbeit mit Herbert Groethuysen), die Neue Pinakothek und der Umbau des Residenztheaters.

Regelmäßig erhielt von Branca auch Aufträge aus anderen Städten des Freistaats wie Regensburg (Zentralbibliothek und Mensa der Universität) oder Würzburg (Bibliothek, Zentralbereich und Mensa der Universität; Kaufhaus Hertie). Gelegentlich war er auch europaweit tätig, errichtete beispielsweise in Madrid die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl in Rom, ein am Hang in einer Grünanlage angelegtes, villenartiges Gebäude.

Im Laufe seines langen Architektenlebens wurde von Branca eine Fülle von Auszeichnungen und Ehrungen zuteil, etliche seiner Bauten sind auch in die Denkmalliste aufgenommen worden. Doch nicht immer gab es nur Lob. Wenngleich sein Hauptwerk, die Neue Pinakothek, hinsichtlich Wegführung und Lichtplanung als überaus gelungen angesehen wurde, stand die Fassade wegen ihrer pseudo-historischen Ornamente heftig in der Kritik. Auf die Frage in einem Interview, ob er die Neue Pinakothek heute wieder so bauen würde, antwortete er einige Jahre vor seinem Tod: „Wenn ich noch einmal daran herumradieren würde, würde ich vielleicht ein paar Bögen weglassen.“

Spiritualität und Schönheit

Von Branca verstand sich als Handwerker und Künstler zugleich. Seine Auffassung von Ästhetik orientierte sich an Spiritualität und Schönheit, ein Ideal, dem er sein Leben lang treu blieb. Den von der Bauhaus-Schule postulierten Grundsatz „form follows function“ lehnte er ab und formulierte seine eigene Maxime: „Das Wesen der Architektur ist, über das rein Zweckhafte hinaus eine Aussage zu machen, die den Menschen berührt. Was so elitär klingt, ist ein Problem, an dem auch ein schlichtes Architekturbüro in seinem Schaffen nicht vorbeikommt.“

Kennzeichnend für von Brancas Werk ist die Affinität zum italienischen Bauen, zur monumentalen Architektur der Stauferzeit in Apulien und Sizilien, die ihm lebenslang als Vorbild diente. Ebenso charakteristisch für einen „echten Branca“ sind stimmige Proportionen, großflächige Wandelemente und der geschickte Einsatz von Licht, das transzendierend sein oder nach seinen Worten durch „punktuelles Aufleuchten Orte der Verdichtung schaffen“ sollte.

In puncto Baumaterialien waren Beton und das Bauen mit Stahl und Glas für ihn zwar eine Option, doch seine besondere Vorliebe galt dem Naturstein. So sind einige Kirchen und die Deutsche Botschaft in Madrid vollständig daraus errichtet, die Betonkonstruktion der Neuen Pinakothek ist mit Naturstein verblendet. Die bevorzugte Verwendung natürlicher Materialien und die physische Präsenz einerseits, aber auch das behutsame Einfügen in die Landschaft beziehungsweise die städtebauliche Umgebung zeichnen von Brancas Bauten aus.

Zwar hatte von Branca als gefragter Architekt alle Hände voll zu tun, doch das hinderte ihn nicht, 16 Jahre lang (1972 bis 1988) zusätzlich das Ehrenamt des Kreisheimatpflegers in München auszuüben. In dieser Funktion nahm er wichtige Neu- und Umbauprojekte genauestens unter die Lupe.

Nach Recherchen seines damaligen Vorgesetzten, Franz Graf von Stillfried, gab von Branca im Rahmen seiner ehrenamtlichen Tätigkeit etwa 3500 Stellungnahmen in 344 mehrstündigen Sitzungen ab und verbrachte rund 170 Nachmittage in der Stadtgestaltungskommission, der er ebenfalls angehörte. Eine enorme Fleißarbeit, doch dem gebürtigen Münchner lag das Gesicht seiner Stadt, ihr Weg in die Moderne, aber auch die Bewahrung ihrer historisch gewachsenen Identität am Herzen.

Mit 83 Jahren realisierte der Meister seines Fachs mit einer Kapelle im Saarland sein letztes Werk, bevor er sich ganz zu seiner Familie auf seinen denkmalgeschützten Bauernhof in der Nähe von Miesbach zurückzog. Hier war schon seit Jahrzehnten sein Refugium, wo er die nötige Ruhe fand, um ungestört zu arbeiten oder sich der Aquarellmalerei zu widmen, seiner zweiten Leidenschaft. Am 21. März 2011 ist er im Alter von 92 Jahren verstorben. Alexander Freiherr von Brancas 100. Geburtstag war für das Architekturmuseum Schwaben im Frühjahr dieses Jahres der Anlass für eine Ausstellung, in der ausgewählte Projekte des Münchner Stararchitekten präsentiert wurden. Nun hat die Augsburger Dependance des Architekturmuseums der TU München auch einen kleinen Ausstellungskatalog herausgegeben, der nebst einem kurzen Porträt von Brancas eine Auswahl seiner bekanntesten Bauten mit Skizzen, Abbildungen und je einem informativen Begleittext vorstellt. Das Buch ist erhältlich über das Architekturmuseum Schwaben unter ams(at)architekturmuseum.de. (Monika Judä)

(Die Herz-Jesu-Kirche in München - Foto: Alexander Rotter; die Zentralbibliothek der Uni Regensburg - Foto: Architekturmuseum der TUM, Archiv; die deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl in Rom - Foto: Deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl)

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