Bauen

Rolf Mühlethalers Langhäuser des Projekts Freilager in Zürich. (Foto: Alexander Gempeler)

19.01.2018

Kostengünstig und effizient bauen

Eine internationale Architektenrunde diskutierte auf dem „Wohnprojektetag Bayern“ innovative Wohnformen

Aufgrund der demografischen und gesellschaftlichen Veränderungen steht die Forderung nach mehr erschwinglichen Wohnungen im Vordergrund. Zudem sollen die nachhaltig geförderten Wohnungsobjekte gesellschaftliche Veränderung in Form von innovativen Konzepten Ausdruck geben. Die Mittel des sozialen Wohnungsbau sind wirtschaftlich und effizient einzusetzen. Eine Menge schwieriger Punkte, die den Wohnungsbau nicht gerade erleichtern. Somit steht zur Diskussion: Standards, anders – mehr Wohnungen? Wird günstiger und trotzdem langlebig gebaut, wenn wir uns von gewohnten, geregelten und ungeschriebenen Festlegungen beim Bauen und Wohnen trennen? Was bringen alternative Neuerungen? Welcher Mehrwert kann entstehen, wenn Einsparungen in soziales Kapital umgewandelt werden? Viele Fragen zu komplexen Themen, deren Lösungen dringend erwartet werden.

Auf dem neunten „Wohnprojektetag Bayern“ standen diese Punkte im Mittelpunkt. Der Veranstalter, die Bayerische Architektenkammer, hatte dazu eine internationale Referentenliste von Architekten aus Österreich, Schweiz, Dänemark und Norwegen zusammengestellt. Damit wurde dem zahlreich erschienenen Fachpublikum ein breites Spektrum an Ideen geboten.

Bau- und Wohnstandards hinterfragen

Zu den politischen Rahmenbedingungen erklärte Innenstaatssekretär Gerhard Eck: „Bauen und sanieren ist das Gebot der Stunde.“ Insbesondere Familien mit Kindern, Studierende und Rentner seien vom zunehmenden Wohnungsmangel in den Ballungsgebieten betroffen. Auch die dauerhaft in Bayern bleibenden Flüchtlinge bräuchten Wohnraum der ihnen eine Integration in Land und Gesellschaft erleichtere. Aus diesem Grund werde die bestehende Wohnraumförderung von 220 Millionen Euro um 50 Millionen Euro aufgestockt.

Eck plädierte neben mehr geförderten Wohnungsbau für mittlere Einkommen, auch für die Entbürokratisierung und beschleunigte Verfahren bei der Planung. Ferner müssten Bau- und Wohnstandards hinterfragt werden. Mehr Wohnraum schaffen bedeutet für Eck, Baulandreserven zu aktivieren, Leerstände in Ortszentren zu nutzen. Darüber hinaus soll kostenorientierte Planung die Baukosten reduzieren. Es gehe um einen neuen Wohnungsbau, der sich auf das Essenzielle konzentriert und dabei ohne starre Grundrisse und billige Ausführung Mehrwert schafft. Kurz gesagt stehen für Eck die Baukosten, Flächennutzung und Standards zur Disposition.
Dietmar Eberle von Baumschlager Eberle Architekten, Lustenau (Österreich), setzte seine Schwerpunkte kurz und bündig mit drei Worten: „cheap, stupid, simple“ und erklärte, Standards seien zum „abgewöhnen, da man gefangen ist in den eigenen Regularien“. Er nannte das Problem der Mobilität, die Staub- und Lärmbelastung mit sich bringt und kritisierte den hohen Verbrauch an Ressourcen. „Zum Glück will die junge Generation keine Autos als Besitzstand. Andere Formen von Mobilität sind gefragt.“

Eberles Strategie beinhaltet die Entwicklung hin zu billigeren, einfacheren und langlebigeren Gebäuden. Er suchte den Vergleich in der Gründerzeit, in der ebenfalls starkes Wachstum zu vereinfachten Formen führte. Außerdem setzt er auf viel Grün. Verdichtung bedeutet für ihn, höher zu bauen und meint damit: „Grenzen auflösen, um damit mehr Freiheit zu schaffen.“

Andreas Heipp, Geschäftsführer der NUWOG-Wohnungsgesellschaft der Stadt Neu-Ulm, betrachtete die Sachlage aus seiner Sicht als Stadtplaner sowie Architekt und beschrieb das allgemeine Procedere, inklusive der grundsätzlichen Voraussetzungen, die vor einem Bauprojekt liegen: „Wie kommt man an Bauland? Hierzu gehören Stadträte, Verwaltungen, Banken, Förderstellen, ausführende Firmen und der geförderte Wohnungsbau. Was die Planungen betrifft, sind schnelle Bauzeiten erwünscht. Sie sind nur dann gegeben, wenn alles ineinandergreift.“ Von daher ist es ihm wichtig, Parallelität der Abläufe herzustellen und bei der Planung auch schon mal die DIN-Normen zu hinterfragen.

Jakob Steib und Rolf Mühletaler, beide Büroinhaber in Zürich und Bern, zeigten ihre extravaganten Wohnprojekte, die modern, präzise und effizient sind, aber dennoch keine Unsummen kosten. „Sechs Wohnungen auf einen Streich“, definierte Steib beispielsweise seine Grundrisse, der vier großen, mehrspännig organisierten Häuser. Im Innenraum gewähren die großzügigen, bodentiefen Fensterpartien einen Durchblick in den Landschaftsraum, zum anderen lassen sie das Drinnen und Draußen visuell ineinander übergehen und weiten damit den Raum. Auch die Konstruktion und Platzierung der Balkone erlaubt Blickbezug.

Rolf Mühlethaler setzt auf Holzbau, wie das Projekt Freilager Zürich veranschaulicht. Ein langgestreckter Baukörper mit sechs Stockwerken ist in Holzbauweise erstellt. Lediglich der Treppenhauskern besteht aus Beton. Mühlethaler sieht viele Vorteile dieser Bauweise: Kurze Bauzeit, denn die Wand-, Decken- und Bodenelemente können vorgefertigt werden. Holz als nachwachsender Baustoff gilt als besonders ökologisch. Zudem wird die Wärme aus einem Erdsondenfeld bezogen und das Regenwasser für die Grünflächen wiederverwendet. Insgesamt bietet der Baukörper aus Holz, konstruiert mit luftigen Veranden, einen attraktiven Wohnort für Wohngemeinschaften, Paare oder Singles. Unterschiedliche Grundrisse schaffen Lebensraum für viele Wohnvarianten.

Niedrige Ausstattungs-
und Instandhaltungskosten

Fortschrittliche und außergewöhnliche Projekte kommen auch aus Dänemark. Jan Schipull Kauschen zeigte, wie einfacher und durchdachter Wohnungsbau schnell und kostengünstig erstellt werden kann. Dabei ließ er sich inspirieren von den sogenannten Kartoffelreihen-Reihenhäuser, die 1880 für Werftarbeiter in Kopenhagen errichtet wurden. Heute zählen diese 480 Klinkerhäuser, ausgerichtet in paralleler Zeilenanordnung, zu den begehrtesten Wohnimmobilien.
„Ihr Markenzeichen sind niedrige Ausstattungs- und Instandhaltungskosten. Es gibt keine Hausmeister. Die Bewohner verwalten sich selbst, wie in einem Eigenheim“, erklärte Schipull Kauschen. „Was die Designprinzipien betrifft, setzen wir auf flexible Grundrisse und verzichten auf den Einbau von Liftanlagen.“

„Alles wird gut“, erklärte Herwig Spiegl aus Österreich und wollte den sozialen Gedanken auf den „nächsten Level heben“. Sein Schwerpunkt ist die Soziologie, die er mithilfe seiner Baukonzepte unterstützen will und somit sozialgesellschaftliche Probleme lösen helfen möchte. „Der Mensch braucht Begegnungen“, so sein Credo. „Monokulturelle Viertel tragen nicht zur Durchmischung bei. Nur in Gemeinschaftsräumen können die Bewohner interagieren und sich austauschen.“ Als Architekt und Planer präferiert er ein vier Säulenmodell, das auf Ökonomie, soziale Nachhaltigkeit, Architektur und Ökologie basiert.

Mit einem fulminanten Beispiel für moderne Architektur setzte Per Reigstad aus Norwegen einen besonderen Höhepunkt und das im wahrsten Sinn des Wortes. Denn in der Hafenstadt Bergen, an der Westküste Norwegens, entsteht zur Zeit ein Wohnhaus namens „Treet“, das nach seiner Fertigstellung weltweit das höchste Holzgebäude der Welt ist. Mit 62 Wohnungen auf 15 Etagen ist es rund 50 Meter hoch. Konzipiert ist das Gebäude aus gestapelten Holzmodulen und Gerüsten aus Brettschichtholz, die für die Stabilität sorgen. Gebaut wird in vier Lagen, die komplett auch mit Einbauschränken und Elektrik aufeinander gestapelt werden. Darauf kommt verstärkend eine Betonplatte als Basis für das nächste Modul.

Die ideenreichen Präsentationen des „Wohnprojektetags“ zeigten das enorme Potenzial an neuen Wohnbaukonzepten, die sich auf das Essenzielle konzentrieren, kostengünstig und effizient sind sowie Mehrwert schaffen. (Eva-Maria Mayring)

(Mühlethalers Häuser haben sechs Stockwerke und sind Holzbauweise erstellt - Foto: Alexander Gempeler)

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