Bauen

Das Brucknerhaus Linz aus dem Jahr 1974. (Foto: Ursula Wiegand)

28.07.2020

Linz im Höhenrausch

Ein Architekturspaziergang durch die oberösterreichische Landeshauptstadt

Ein hoher dunkler Holzturm ragt neben der spätbarocken Ursulinenkirche in den Linzer Himmel. Seine Treppen führen zu einer Plattform hinauf. Sicherlich ein Aussichtsturm, vermuten die Betrachter, staunen aber über die Drahtseile, die von ihm abgehen. Müssen die ihn halten? Nein, der hält selbst etwas Schweres: das „Fliegende Schiff“. Das gesamte Bauwerk ist der „Höhenrausch“ von Linz. Da die Landeshauptstadt Oberösterreichs keine Bergriesen besitzt, versetzt sie die Menschen auf ihre Weise in einen Höhenrausch, und das mit Erfolg seit 2009, als Linz Kulturhauptstadt Europas war. Entstanden ist ein Parcours über den Dächern, der bis in die Türme der Ursulinenkirche hineinreicht. Von international renommierten Künstler*innen wird dieses Event alle zwei Jahre neu gestaltet.

2018 kam beim Thema „Aufbruch zum anderen Ufer“ das „Fliegende Schiff“ hinzu, ein Werk des Russen Alexander Ponomarev. Dieser von weitem zierlich wirkende Dreimaster ist jedoch eine 20 Meter lange und 2,5 Tonnen schwere Stahl-Aluminium-Konstruktion. Um das Gewicht auszuhalten, erhielt der hölzerne Oberösterreich-Turm eine Stahlverstärkung und mutierte laut Produktionsleiter Dieter Mackinger zu einem Kranturm, an dem der Segler sicher vertäut werden konnte. Dennoch war das Procedere nach seinen Worten „eine gewaltige statische Herausforderung“. Doch seither schwebt der Dreimaster sicher über Linz.

Für dieses Jahr hieß das Thema „Wie im Paradies“, wurde aber wegen Corona auf 2021 vertagt. Stattdessen hat sich das „Höhenrausch“-Bauwerk bis zum 15. September in ein kunterbuntes „Wolkenkuckucksheim“ mit schwingenden Hängematten zum Träumen verwandelt. Wer auf den Holzstufen, der sogenannten Himmelsleiter, emporsteigt, schaut von oben in die Straßen von Linz.

Vermutlich träumt das „Fliegende Schiff“ eher vom Donauufer, Wasser unterm Kiel und einem Ankerplatz vor dem schimmernden, 2003 eröffneten LENTOS Kunstmuseum, konzipiert von den Zürcher Architekten Weber & Hofer. Den Betoncorpus verdeckt eine Verbundglasfassade, die je nach Tageszeit unterschiedliche Lichteffekte erzeugt und dem kantigen Bau die Schwere nimmt. Schnell zählte das LENTOS Kunstmuseum zu den Wahrzeichen von Linz. Drinnen ist viel Platz für zeitgenössische Kunst. Draußen auf der Panoramaterrasse lockt ein Café zum Pausieren mit Blick auf das schon 1996 gegründete Ars Electronica Center, das 2009 zu einem Museum der Zukunft umgebaut wurde. Doch genau wie das LENTOS Kunstmuseum erstrahlt das Ars Electronica Center abends in wechselnden Farben.

Auch eine Donau-Mini-Kreuzfahrt bietet Überraschungen, führt sie doch am Brucknerhaus Linz von 1974 vorbei, einem ovalen, harmonischen und zeitlos modernen Bau, entworfen von den finnischen Architekten Kaija und Heikki Sirén. Bald danach schippert das Schiff an Wohnkomplexen vorbei, auch einer mit „es grünt so grün“ gewählter Farbgebung. Außerdem werden sogar alte Industriegebäude modisch aufgepeppt, wie die Graffitis bekannter Sprayer im Frachthafen, der nun „Mural Harbour“ genannt wird.

Die Altstadt als Barock-Beauty

Gleich ins Auge fällt der blau glänzende, 98,5 Meter hohe Terminal Tower von 2008, konzipiert von Holzbauer & Partner, errichtet in zweijähriger Bauzeit. Mehr in die Breite plante der Architekt Terry Pawson beim Musiktheater, dem 2013 eröffneten Linzer Opernhaus. In der Altstadt zeigt sich Linz jedoch als Barock-Beauty. Der Glasanbau am hügelan gelegenen Schloss ist so gesehen eine Ausnahme, vor allem im Vergleich mit dem Hauptplatz, wo sich bestens gepflegte, zumeist pastellfarbene Barockbauten sowie das Alte Rathaus aneinander reihen.

Als Barockjuwel gilt auch die Wallfahrtsbasilika von 1747 auf dem Pöstlingberg, die sich per Straßenbahn erpilgern lässt. „Alle diese Barockbauten entstanden in der Gegenreformation und waren eine Antwort auf Martin Luthers Reformation, die in Linz viele Anhänger gefunden hatte“, erklärt Tourismusdirektor Georg Steiner. „Mit einer genialen PR-Aktion, erdacht von den Jesuiten, hat die Katholische Kirche der protestantischen Schlichtheit entgegengewirkt.“ Den Menschen sollten nicht erst nach strengem Leben und dem Tod die himmlischen Freuden zuteil werden, sondern schon bei Lebzeiten, propagierten die Jesuiten. „Durch schöne Bauten, prunkvoll ausgestattete Kirchen, durch Prozessionen und prächtige Messfeiern mit Farben und Musik sollten die Protestanten zurück gewonnen werden“, so Steiner.

Das funktionierte, aber nicht ohne zusätzliche Erziehungs- und Zwangsmaßnahmen. Davon verraten die Barockbauten keine Silbe, auch nicht der Alte Dom, die ehemalige Jesuitenkirche mit ihren markanten Türmen. Diesen Dom empfand Bischof Franz Joseph Rudigier jedoch als zu klein und veranlasste 1855 den Bau eines weit größeren mit Platz für 20 000 Menschen. „Linz hatte damals nur 23 000 Einwohner“, erklärtStadtführerin Silvia Mayr-Pranzeneder. „Vermutlich wollte er sich mit dem Riesenbau selbst ein Denkmal setzen“, fügt sie hinzu. Doch das dauerte. Erst 1924 wurde der neue Mariendom, noch immer die größte Kirche Österreichs, von Rudigiers Nachfolger geweiht und erst 1935 fertiggestellt.

Die Türmerstube ist
ständig gut nachgefragt

Sein hohes gotisch inspiriertes Langschiff imponiert durchaus, doch noch mehr interessiert ein Modell der Türmerstube. Die wurde im Zweiten Weltkrieg in 68 Meter Höhe, wohl zu Beobachtungszwecken, in den Turm eingebaut. Seit 2009 kann sie für eine Woche gebucht werden. Dieses acht Quadratmeter kleine, schlichte Stübchen ohne Radio und Fernsehen, aber mit Wasser, Toilette, Heizung und Kochnische ist sozusagen Bauhaus pur und ständig nachgefragt.

Noch mehr gefragt sind neuerdings die Räumlichkeiten in der ehemaligen Tabakfabrik, die von 1929 bis 1935 nach Plänen von Peter Behrens und Alexander Popp errichtet wurde. Anfang dieses Jahrhunderts ging das 38.000 Quadratmeter große Industrieareal mit seinen soliden Bauten jedoch von Hand zu Hand, von den Briten zu den Japanern, bis die Stadt Linz seinen Wert erkannte, es zurückkaufte und unter Denkmalschutz stellte. Nun bietet es Startups eine Chance und es geht dort lebhaft zu.

Die robusten Bauten der ehemaligen Tabakfabrik mitsamt dem einstigen Kraftwerk faszinieren nach wie vor und es geht auch weiter voran. Eine renommierte österreichische Bietergemeinschaft gewann im Januar 2020 den EU-weiten Wettbewerb für die Neugestaltung der Westseite des Geländes. Bis 2023 soll dort ein neuer, vielfältig nutzbarer Gebäudekomplex entstehen, mit Arbeitsstätten, Wohnungen, Shops, Restaurants und einem Hotel plus Tiefgarage und Anschluss an eine ebenfalls geplante unterirdische Straßenbahnstation. Peter Behrens’ Tabakfabrik wird dann sicherlich zum neuen Hotspot der Linzer Moderne. (Ursula Wiegand)

(Das "Fliegende Schiff"; Grafittis im Mural Harbour und das Ars Electronica Center - Fotos: Ursula Wiegand)

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