Bauen

Alt und Neu eng beieinander. (Foto: Marcus Ebener)

20.07.2016

Neues Kapitel für die alte Anatomie

Erweiterungsbau für das Deutsche Medizinhistorische Museum in Ingolstadt

1973 wurde in Ingolstadt das Deutsche Medizinhistorische Museum in der „Alten Anatomie“ eröffnet. Seitdem haben sich die Erwartungen an Museen grundlegend gewandelt. Aus hehren Bildungstempeln wurden Foren, die sich zur Stadt hin öffnen, die zur Diskussion und Teilhabe einladen. Barrierefreiheit gehört inzwischen ebenso selbstverständlich dazu wie ein Museumsshop, ein Museumscafé und moderne Garderoben- und Toilettenanlagen. All dies – und noch mehr – wird das neue Besuchergebäude bieten, das am 23. Juli durch den Oberbürgermeister der Öffentlichkeit übergeben wird.

Es ging eng zu auf der Baustelle. Das Grundstück zwischen der Alten Anatomie und der Berufsschule Marienheim bot nicht viel Platz. Es war schon ein Kunststück, hier all die Funktionen unterzubringen, die sich die Museumsleitung für den Erweiterungsbau wünschte: Er sollte als Eingang und Foyer dienen, einen barrierefreien Museumsbesuch ermöglichen und auch für die nichtzahlenden Gäste Serviceangebote wie Garderobe, Toiletten, Shop und Café bereithalten. Zudem galt es, einen modernen Sonderausstellungsraum, Flächen für Depot und Bibliothek sowie Büros für Wissenschaft und Verwaltung einzuplanen – und natürlich einen Unterrichtsraum, um Vermittlungsangebote für Schulen und andere Gruppen machen zu können.

Ein Gebäude
von Volker Staab


An dem Wettbewerb, der 2012 durchgeführt wurde, nahmen mehrere Architekturbüros teil. Aber nur einem gelang das Kunststück, alle diese Funktionen auf elegante Weise unter einem Dach zu verwirklichen, dem Berliner Architekten Volker Stasab. Er legte nicht nur einen überzeugenden Flächenplan vor, sondern gab dem Gebäude gleichzeitig eine Gestalt, die es neben seinem barocken Nachbarn modern, selbstbewusst und doch bescheiden wirken lässt. Bescheiden und selbstbewusst – das ist die „Kunst der Fuge“, die Volker Staab und seinen Mitarbeitern Madina von Arnim und Alexander Böhme hier gelungen ist.

Mit Volker Staab gelang es der Stadt Ingolstadt, einen der renommiertesten Museumsarchitekten Deutschlands für den Neubau zu gewinnen. 15 Jahre ist es her, dass der erste von Volker Staab geplante Museumsbau eröffnet wurde – das „Neue Museum“ in Nürnberg. Weitere pfiffige und innovative Museumslösungen folgten, häufig in einer Verbindung von historischem Bestand mit moderner Architektur: so etwa das schwebende Depot über dem Innenhof des Albertinums (Dresden 2010), die Stahlkuppelkonstruktion für das Museum der Bayerischen Könige im ehemaligen Grandhotel Alpenrose (Hohenschwangau 2011) und die Erweiterung des Richard Wagner Museums (Bayreuth 2015).

Auch bautechnisch hat der Neubau einige interessante Aspekte aufzuweisen, insbesondere im Bereich des Dachs. Das hat nämlich keinen Dachstuhl, sondern wurde aus 15 Zentimeter dicken, verleimten Platten aus nordischer Fichte zu einer freitragenden, zeltartigen Konstruktion zusammengesetzt. Bevor die Trennwände für die Verwaltungsräume eingezogen wurden, war das ganze Dach eine einzige luftige Halle ohne zusätzliche Stützen.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist die schokoladenbraune „Haut“ aus eloxiertem Aluminium, die sich über den gesamten Baukörper zieht. Beim Betrachten weckt das gewellte Relief der Metallplatten je nach Veranlagung Assoziationen an Bühnenvorhänge, Baumrinde, Muskelfasern oder Borkenschokolade. Vom Arzneipflanzengarten aus gesehen, bietet das Gebäude einen ruhigen, organisch anmutenden Hintergrund für das prachtvolle Lindenspalier, das den Anatomiegarten einfasst.
Museumsdirektorin Marion Ruisinger freut sich besonders darüber, dass es Volker Staab gelungen ist, den von ihr gewünschten Ausblick zur Altstadt hin zu realisieren. „Wenn die Museumsbesucher die Treppe im Foyer nach oben gehen, empfängt sie dort ein breites Panoramafenster, das einen Postkartenblick auf das akademische Dreieck des alten Ingolstadt freigibt: die Universität (Hohe Schule), die Universitätskirche (Münster) und das Medizinische Fakultätsgebäude (Alte Anatomie).“ Hier werden zukünftig auch die Besuchergruppen begrüßt, bevor der Rundgang durch Museum oder Sonderausstellung beginnt.

Wie könnte man die Historie des Museumsgebäudes und seine Einbettung in die Stadt- und Universitätsgeschichte besser veranschaulichen als durch diesen Blick aus dem Panoramafenster?
(Thomas Michel)

(Volker Staatb plante den Neubau; der Eingangsbereich - Fotos: Marcus Ebener)

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