Bauen

Die Parkstadt Bogenhausen (1954 bis 1956). (Foto: Wohnungs- und Siedlungsbau Bayern GmbH & Co. OHG/Kurt Otto)

20.12.2019

Wohnen als Abbild der Gesellschaft

Wanderausstellung zeigt geförderte Wohnkonzepte der letzten 100 Jahre in Bayern

Wie wollen wir in Zukunft leben, wohnen, uns von einem Ort zum anderen bewegen? Der Aufschrei in unseren Städten nach mehr Wohnraum und bezahlbaren Mieten ist groß. Von einer Wohnkrise ist gar die Rede. Das Problem betrifft nicht nur die unteren Einkommensschichten, sondern ist auch in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Da ist es sicher nicht verkehrt, sich die Relevanz dieses existenziellen Themas neben einigen blanken Fakten mit einer Ausstellung in Erinnerung zu rufen, die in den Räumlichkeiten des noch jungen Bayerischen Staatsministeriums für Wohnen, Bau und Verkehr stattfindet.

Erst vor Kurzem hat das Ministerium seine neuen Büroräume in dem Gebäude der ehemaligen Obersten Baubehörde (OBB) bezogen. Das aus dem Jahr 1969 stammende Dienstgebäude am Altstadtring, schräg gegenüber der Staatskanzlei, wurde mehrere Jahre generalsaniert, energetisch ertüchtigt und letztlich auf seine neuen Nutzer zugeschnitten. Mit Beschluss der Staatsregierung vom 21. März 2018 wurden die Bereiche „Wohnen, Bau und Verkehr“ dem neuen Ministerium zugeordnet und damit aufgewertet. Geblieben ist der Ausstellungsbereich im Foyer des Gebäudes, wo aktuell die Ausstellung „Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen. Wohnungsbau in Bayern 1918/2018“ noch bis 16. Januar 2020 zu sehen ist.

Verschiedene Wohnräume

Das hundertjährige Gründungsjubiläum des Freistaats Bayern nahm das Bauministerium zum Anlass, in Kooperation mit dem Architekturmuseum der TU München eine Wanderausstellung zur Geschichte des geförderten Wohnungsbaus der letzten 100 Jahre zu erarbeiten, die ursprünglich auf die Initiative der OBB zurückgeht. München ist jetzt die zehnte und damit letzte Station der auf Tournee in alle bayerischen Regierungsbezirke geschickten Architekturschau. Eines gleich vorweg: Die recht originelle, mit Stellwänden atmosphärisch Wohnraum nachstellende Ausstellungsarchitektur (Markus Blösl) ist noch genauso frisch, wie im März vor einem Jahr, als die Vernissage im Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne stattfand.

Bereits der Ausstellungstitel zieht einen mitten hinein in die Hochzeit des sozialen Wohnungsbaus, zu den Bauten des Gewerkschaftsunternehmens „Neue Heimat“. Deren Geschäftsführer Heinrich Plett sah die Aufgabe für das der Gemeinnützigkeit verpflichtete Unternehmen darin, „Wohnungen, Wohnungen und nochmals Wohnungen“ zu bauen. Infolge des Betrugsskandals – Vorstandmitglieder hatten 200 Millionen D-Mark in die eigene Tasche gewirtschaftet – wurde die Steuerentlastung für gemeinnützige Wohnungsunternehmen 1988 abgeschafft.

Die Ausstellung eröffnet stets eine Doppelperspektive: Man durchläuft sieben funktional verschiedene Wohnräume und erlebt eine chronologische Zeitreise in sieben Etappen. Der Besucher folgt dem Ausstellungsparcour von den Anfängen staatlich geförderten Wohnens und den Kleinsiedlungen der Nationalsozialisten, wie der Mustersiedlung Ramersdorf oder der Maikäfersiedlung über das Wohnen in der Nachkriegszeit, den modernen Wohnmaschinen am Rande der Stadt und dem revitalisierten Altbestand der Innenstadt bis zu den aktuellen Herausforderungen: Bauen vor dem Hintergrund der Energiewende, des demografischen Wandels und der Pluralisierung der Lebensformen.

Der Besucher kann Schubladen öffnen und entdeckt darin Architekturmodelle, Planzeichnungen und Fotos. Insgesamt werden 40 Projekte im Kontext der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen vorgestellt.

Didaktisch verspielt kann man Knöpfe drücken und generiert statistische Daten zu den Wohnverhältnissen. Der Besucher vertieft sich in ein Kochbuch von 1959, das die zeitgemäße Zeilenküche propagiert. Dabei erschreckt einen das altbackene Rollenbild auf dem bunten Coverfoto. Statt der Hausfrau mit proper weißer Schürze, sähen wir Nachgeborene viel lieber einen Hausmann in Cargohosen. Wie sich die Wohnmöbel verändert haben, wird durch Zeichnungen im Maßstab 1:1 auf den Stellwänden abgebildet. Vergangenheit wird lebendig durch alte Filmaufnahmen aus dem Archiv des Bayerischen Rundfunks, in denen Zeitzeugen zum Thema Wohnen zu Wort kommen.

Bereits vor 100 Jahren sah sich der Staat in der Pflicht, für gesunde Wohnverhältnisse zu sorgen und verstand den Wohnungsbau als seine hoheitliche Aufgabe. Bevor das Recht auf eine „gesunde Wohnung” im Artikel 155 der Weimarer Reichsverfassung von 1919 verankert wurde, kam es in Bayern bereits 1918 zur Gründung des für Wohnungswesen zuständigen Ministeriums für Soziale Fürsorge.

Nach dem Ersten Weltkrieg verschafften sogenannte Siedlerstellen Erwerbslosen Arbeit durch den Bau von Wohnungen. Es mag den einen oder anderen erstaunen, dass neben der Existenz einer staatlichen Mietpreisbremse, der „Friedensmiete 1914”, 1925 auch eine Abgabe auf Eigentum von Immobilien, die sogenannte Hauszinssteuer erhoben wurde, die zur Subventionierung des Wohnungsneubaus zum Einsatz kam. Durch den Wertverlust von Hypotheken aufgrund der Inflation waren Grundeigentümer entschuldet worden. Ihr Grundeigentum dagegen verlor durch die Inflation nicht an Wert.

Sozialer Wohnungsbau

1956 fehlten in Bayern 440 000 Wohnungen für eine Million Menschen. Dem ersten Wohnungsbaugesetz von 1950, das den Rahmen bildete für die zügige Schaffung von Wohnungen, einschließlich wirkungsvoller Fördermöglichkeiten für den sozialen Wohnungsbau, folgte sechs Jahre später das zweite Wohnungsbaugesetz. Es richtete sich auf die Förderung von Quantität und Qualität im Wohnungsbau. Ab 1956 entstanden erste Großsiedlungen wie Nürnberg/Langwasser, München/Parkstadt Bogenhausen, Regensburg/Königswiesen.

Mit München Neuperlach wurden Trabantenstädte an der Peripherie der Stadt gebaut, quasi auf der grünen Wiese. Mangelnde Urbanität führte hier zu massiver Kritik an den sogenannten anonymen Wohnsilos und Vorstadtghettos.

Die Ausstellung zeigt mit Akribie die Veränderung von Architektur, Siedlungsformen, Bau- und Fertigungsweisen, Grundrisslösungen und Wohnformen. Sie zeigt im Kontext politische Rahmenbedingungen, wirtschaftliche Möglichkeiten und gesellschaftliche wie technische Entwicklungen. Dass die heutige Situation fehlender bezahlbarer Wohnungen gekoppelt ist an exorbitante Grundstückspreise, vor allem bei den Filetgrundstücken in den Innenstädten, wäre an dieser Stelle noch zu ergänzen.

Die Spekulation mit Grund und Boden ist heute die eigentliche Bremse, die moderaten Preisen beim Bauen entgegensteht. Hier sollten von Seiten der Politiker die Stellschrauben angelegt werden.

Das Problem weiter verschärft hat der Verkauf öffentlicher Wohnungen und Grundstücksflächen in Zeiten der Privatisierung, verstärkt seit den 1980er-Jahren. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es in der Verantwortung des ehemaligen Finanzministers und heutigen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) lag, der 2013 für den letzten großen Ausverkauf von stattlichen 30 000 staatlichen GBW-Wohnungen (GBW war die Wohnungsbautochter der damals vor der Pleite stehenden Bayerischen Landesbank) zum Kaufpreis von 2,45 Milliarden Euro gesorgt hat. (Angelika Irgens-Defregger)

(Die Schottenheimsiedlung, heute Konradsiedlung, in Regensburg. Die Terrassenwohnanlage Am Dünzlpark in Landshut (1975) und die Gartenstadt Buchenbühl in Nürnberg - Fotos: Stadtarchiv Regensburg/Willibald Zeilhofer/Siedlungswerk Nürnberg)

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