Beruf & Karriere

„Egal ob bunte Haare, Tattoos oder Piercings – bewirb dich bei uns“, hieß es in der Stellenausschreibung von Topregal. (Foto: dpa/Roland Weihrauch)

31.05.2024

"Betriebe müssen sich schleunigst von angestaubten Vorurteilen lösen"

Topregal-Vertriebsvizechefin Nadine Schumacher über zukunftsfähige Arbeitsstrukturen, modernen Mitarbeiterumgang und darüber, worauf Young Professionals achten sollten

In Zeiten des Fachkräftemangels werben viele Unternehmen mit New-Work-Konzepten, flachen Hierarchien und agilen Arbeitsstrukturen. Doch damit sich diese Versprechen nicht nur als leere Phrasen entpuppen, gilt es, sie auch mit Inhalten zu füllen, sagt Nadine Schumacher vom Regalsystem-Familienunternehmen Topregal.

BSZ: Frau Schumacher, worauf sollten Kandidat*innen bei potenziellen Arbeitgebern achten?
Nadine Schumacher: Bewerbungsphasen bedeuten auch Ungewissheit. Wie wird der Arbeitgeber sein? Passen wir zueinander? Hier gebe ich den Rat, nicht nur nach Branche zu gehen, wie viel zu verdienen oder was aufgrund von Ausbildung oder dem Studium naheliegend ist. Wichtig ist auch, wie der potenzielle Arbeitgeber auftritt. Ich selbst habe eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement gemacht und hatte mit Regalen nicht viel zu tun. Doch in der Stellenausschreibung hieß es: Es ist egal, ob du bunte Haare, Tattoos oder Piercings hast – das fand ich sympathisch und zeigte mir, dass die Führungsebene nicht an angestaubten Vorurteilen festhält. Hier sagt auch das Vorstellungsgespräch viel aus. Statt optimaler Selbstpräsentation sollten Arbeitgebern Ehrlichkeit und Authentizität wichtig sein. Nur so kann man herausfinden, ob es auch auf menschlicher Ebene passt, ob man mit seinem künftigen Arbeitgeber auf einer Wellenlänge ist und sich somit auch im Beruf wohlfühlt. Ich achte bei Neueinstellungen besonders darauf, wie sich eine Person gibt, höre genau zu, was und wie etwas erzählt wird und ob es der Wahrheit entspricht. Das gibt mir wichtige Anhaltspunkte darüber, wie ich auf die Person setzen kann. Dabei ist nicht ausschlaggebend, was jemand vorher gemacht hat – wenn man gut ins Team passt, das heißt, wenn man ehrlich, authentisch, ambitioniert und mutig ist und Lust hat, sich einzubringen und etwas zu verändern, kann vieles andere erlernt werden. Soft Skills sollten demnach wichtiger sein als Hard Skills. Bewerberinnen und Bewerber sollten also genau darauf achten, ob und inwiefern sich der potenzielle Arbeitgeber ehrlich für sie interessiert und welche Atmosphäre bereits beim Vorstellungsgespräch herrscht. Dies ist ein ausschlaggebender Hinweis für den späteren Umgang mit Mitarbeitenden und die Unternehmenskultur.

BSZ: Wie sollten moderne Beschäftigten- und Unternehmensführung aussehen?
Schumacher: Moderne Unternehmensführung sollte geprägt sein von einem Arbeiten auf Augenhöhe, einer Wertschätzung für den einzelnen Mitarbeiter beziehungsweise die einzelne Mitarbeiterin und einem gut funktionierenden Vorschlagswesen. So erreicht man bei seinen Angestellten eine hohe Identifikation. Was ich als Mitarbeiterin leiste, muss auch wirklich gesehen und anerkannt werden. In progressiven Unternehmen ermutigt die Unternehmensführung die Belegschaft, sich aktiv einzubringen und neue Ideen, Feedback und Kritik vorzubringen. Dabei zählt das beste Argument, egal wie lang oder kurz man dabei ist. Nur so entstehen kreative und innovative Lösungsansätze. Weniger förderlich ist die Haltung: Das haben wir schon immer so gemacht und das bleibt auch so. Zwar sind junge Köpfe in Unternehmen immer gefragt - doch dann muss man sie auch machen lassen und ihnen die Freiheit bieten, sich einzubringen und etwas zu verändern. Wird eine Entscheidung gefällt, dann sollte dies offen kommuniziert und begründet werden, warum zum Beispiel ein Prozess verändert wurde. Durch diese Art der Unternehmensführung fühlen sich Mitarbeitende abgeholt und einbezogen. Dies wiederum kommt dem Unternehmen zugute: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen sich dann aktiv Gedanken, was der Firma weiterhilft, und fühlen sich ihrem Arbeitgeber positiv verpflichtet. Damit ein solches Vorschlagswesen gut funktioniert, ist es wichtig, dass die Vorgesetzten auf Augenhöhe agieren. Empathie und Feingefühl führen einen schneller zum Ziel, als nur festgelegten Schemata zu folgen. Das gilt übrigens auch im Umgang mit Fehlern. Wie progressiv ein Unternehmen ist, spiegelt sich nicht zuletzt in seiner Fehlerkultur wider.

"Fehler können passieren und sollten weniger als Problem, sondern vielmehr als Chance gesehen werden"

BSZ: Wie genau ist das gemeint?
Schumacher: Ganz einfach: Dynamik und Entwicklung sind für ein Unternehmen essenziell, wenn es am Puls der Zeit und damit zukunftsfähig in der Branche bleiben will. Viele Unternehmen scheuen das und bevorzugen lieber starre Strukturen und Arbeitsabläufe. Deren Belegschaft arbeitet täglich nach Schema F, um ja nichts zu riskieren oder Fehler zu machen; so gibt es auch keine Entwicklung. Denn ein Entwicklungsgeist erfordert auch eine offene und positive Fehlerkultur. Es geht darum, Dinge und Ideen einfach auszuprobieren. Wenn es nicht funktioniert, dann ist es so, aber wir wissen dafür, was wir beim nächsten Mal besser machen können. So entsteht eine Lernkurve. Fehler sollten in einem gewissen Rahmen gemacht werden dürfen, ohne gleich mit einem Vorwurf oder Jobverlust rechnen zu müssen. Fehler können passieren und sollten weniger als Problem, sondern vielmehr als Chance gesehen werden, um daraus zu lernen, sich zu entwickeln und es beim nächsten Mal besser zu machen. Diese Einstellung habe ich erst durch meine Zeit bei Topregal gelernt.

BSZ: Nun haben Sie ja bereits eine Führungsposition inne. Wie war hier der Werdegang und wie würden Sie Ihre Entwicklung reflektieren?
Schumacher: Angefangen habe ich als Sachbearbeiterin im Vertriebsinnendienst und Kundenservice. Zu diesem Zeitpunkt waren wir nur eine Handvoll Vertriebsmitarbeiter und -mitarbeiterinnen, wodurch alle im Tagesgeschäft anfallenden Aufgaben durch jeden bearbeitet werden konnten. Doch Herausforderung und Abwechslung machen mir Spaß. Von Beginn an hatte ich betont, dass ich ein Mensch bin, der gerne Verantwortung übernimmt und sich in neue Sachen reinfuchst. Das war sicher einer der Gründe, weshalb ich 2021 das Angebot bekam, die Stellvertretung der Vertriebsleitung zu übernehmen. Durch diesen Positionswechsel war ich weniger im Tagesgeschäft, sondern mehr in Projekten und Prozessoptimierung involviert, wodurch auch die Verantwortung mehr wurde. Natürlich habe ich mir anfangs Gedanken gemacht, ob ich dem gewachsen bin, immerhin war ich zu dem Zeitpunkt erst 23 Jahre alt. Nun war ich diejenige, die Bewerbungsgespräche führte und Onboarding-Prozesse begleitete, da muss man erst reinwachsen. Schließlich ist noch keiner als Führungskraft vom Himmel gefallen. Ich habe offen und ehrlich nach Feedback gefragt und konnte dadurch an mir arbeiten und mich verbessern. Doch auch als Führungskraft hat man nie ausgelernt. Dabei ist es besonders wichtig, stets ein Gespür für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu behalten. Denn auch Vorgesetzte brauchen Feedback, um sich weiterzuentwickeln. Ich will hier also Kritik haben, denn nur so bin ich die letzten Jahre gewachsen. Hier hat Topregal meine Skills erkannt und gut gefördert – zum Vorteil für beide Seiten. Ich habe ein hohes Maß an Empathie, ein gutes Feingefühl für Prozesse und Strukturen und auch dafür, wie man diese optimieren kann, um zielorientiert voranzukommen. Diese Fähigkeiten sind sehr wertvoll. Gute Arbeitgeber erkennen und fördern solche Potenziale und bieten die Chance, die eigenen Fähigkeiten gekonnt und selbstbewusst weiterzuentwickeln. Eine Bereicherung für beide Seiten. Unternehmen können also entscheidend mitbeeinflussen, ob sich Potenziale zur Gänze entfalten oder ungenutzt bleiben. Durch einen modernen Mitarbeiterumgang in einem anpassungsfähigen Unternehmen können Rohdiamanten zum Glänzen gebracht werden. (Interview: Lilian Lehr-Kück)
 

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