Beruf & Karriere

Im Sommersemester konnten Studierende endlich wieder Freunde und Kommiliton*innen persönlich im Hörsaal treffen. (Foto: dpa/Stefan Puchner)

19.08.2022

Digitalisierungsschub fürs Studium

Corona hat die Lehre an Hochschulen massiv verändert. Anonyme Online-Vorlesungen vermisst niemand, aber manches ist seither aus dem Studienalltag nicht mehr wegzudenken

Das erste Präsenz-Sommersemester nach eineinhalb Jahren Corona-Zwangspause ist vorbei. Inzwischen sprüht an den Hochschulen wieder das Leben. Doch einige digitale Tools und Lehrformate aus der Pandemie haben sich bewährt. Moodle, Podcasts oder hybride Vorlesungen: Was Bildungsstätten wie die Universität München für die kommenden Semester planen.

„Zeit wird’s“, findet Martin. „Juicy“, freut sich Santiago. „Das ist die wahre Uni“, jubelt Tabea. Für viele Studierende war das erste Präsenzsemester nach eineinhalb Jahren Online-Lehre regelrecht befreiend. Endlich wieder Freunde im Hörsaal sehen, zusammen in die Mensa gehen und sich in den Fachschaften oder anderen Hochschulinitiativen treffen. „Die Campus in Bayern sprühen wieder voller Leben und Events aller Art“, freuen sich Johanna Weidlich, Torsten Utz und Lena Härtl von der Bayerischen Landesstudierendenvertretung (LAK). Außerdem konnten auch wieder Orientierungstage für Studieninteressierte oder Karrieremessen für Hochschulabsolventen stattfinden. „Natürlich gab es auch den ein oder anderen Studierenden, dem die digitale Lehre von zu Hause aus besser gefallen hat“, räumen sie ein. Besonders groß sei die Umstellung für die „Corona-Erstis“ gewesen, die ihr Studium während der Pandemie begonnen haben. Aber insgesamt überwiege deutlich die Freude.

Diese beobachtet auch der Vizepräsident für den Bereich Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), Oliver Jahraus. „Viele Studierende waren regelrecht ausgehungert, wieder an die Uni und unter Menschen zu kommen“, berichtet er. Auch für ihn persönlich, aber auch für viele Kolleginnen und Kollegen sei es ein „überragendes Gefühl“ gewesen. Natürlich fänden manche Vorlesungen immer noch online statt. „Wir haben den Fakultäten die Freiheit gelassen, das selbst zu entscheiden.“ Die LMU verstehe sich aber als Präsenzuniversität und werde es auch immer bleiben. Das bedeutet laut Jahraus allerdings natürlich nicht, digitale Formate, Techniken und Prozesse aus der Pandemiezeit nicht auch für die zukünftige Lehre zu nutzen. Als Beispiel nennt der Vizepräsident die Eignungsfeststellungsverfahren, die in vielen Fächern Voraussetzung für ein Studium sind. Diese könnten aus seiner Sicht vor allem ausländische Studierende getrost online absolvieren. Um die Präsenzlehre zukünftig mit digitalen Angeboten zu erweitern, hat die LMU einen Fonds zur Förderung der Lehre in Höhe von einer Million Euro für zwei Jahre aufgelegt.

Corona sorgte für einen „Moodle-Boost“

Ideen, was mit diesem Geld gefördert werden kann, gibt es an den Fakultäten viele. „Wir hatten in den letzten zwei Jahren einen regelrechten Moodle-Boost“, sagt Studiendekanin Anne C. Frenzel von der Fakultät für Psychologie und Pädagogik. Moodle ist eine zentrale Lernplattform mit einem Kursmanagementsystem, beispielsweise für Hochschulen. Vor Corona sei das Lehrveranstaltungskonzept, der sogenannte Syllabus, noch auf Papier verteilt worden. „Das muss man sich mal vorstellen!“ Jetzt könnten über Moodle Lehrveranstaltungen fortlaufend mit digitalen Lernangeboten unterfüttert werden und Studierende sich in den Foren untereinander beziehungsweise mit den Dozierenden austauschen. „Davon werden wir nie wieder wegkommen“, ist Frenzel überzeugt. Das erste Präsenzsemester hat auch Auswirkungen auf ihre Forschung. Künftig will sie untersuchen, welche Auswirkungen digitale Lehre auf zwischenmenschliche Beziehungen hat. „Ich war nämlich überrascht von mir, wie sehr ich unsere Studierenden vermisst habe.“

Ähnlich erging es den Studiendekanen an der Fakultät für Mathematik, Informatik und Statistik. Die erste Vorlesung vor Studierenden sei ein feierliches Erlebnis gewesen. „In dem Moment haben wir uns gedacht: ‚Das war es, warum wir diesen Beruf gewählt haben!‘“, sagen Thomas Augustin vom Institut für Statistik, Andreas Butz vom Institut für Informatik und Konstantinos Panagiotou vom Mathematischen Institut. Sie glauben, dass zukünftig Videos bei Vorlesungen, Tutorien und Prüfungen einen erheblichen Mehrwert schaffen können. „Wir haben beispielsweise in technisch angelegten Veranstaltungen wie der Computergrafik verstärkt zu Programmieraufgaben als Prüfungsform gegriffen, da diese teilautomatisch bewertet werden können.“ Auch ist es laut der Studiendekane jetzt viel einfacher möglich, Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis über Online-Gastvorträge in die Vorlesungen mit einzubinden. Früher sei eine persönliche Anwesenheit scheinbar unerlässlich gewesen. Allerdings gibt es immer noch vor allem renommierte Professor*innen, die ausdrücklich persönlich eingeflogen werden wollen.

Auch an der Juristischen Fakultät ist man froh, die Vorlesungen nicht mehr vor den vermeintlich immer gleichen schwarzen Kacheln der Videokonferenzdienste halten zu müssen. „Im Vergleich dazu grenzte der nun wieder mögliche Blick in einen gefüllten Hörsaal mit seinen zahllosen Augenpaaren und dem unübersehbaren nonverbalen Feedback geradezu an eine Reizüberflutung“, berichtet der dortige Leiter des Studienbüros und Koordinator für digitale Lehre, Andreas Bartholomä. Das gehe den meisten der Studierenden nicht anders. Er sieht im Blended Learning, also der Kombination aus Präsenzlehre und E-Learning, erhebliches Potenzial. Als Beispiel nennt Bartholomä Karteikarten, Glossare, Quiz, Kreuzworträtsel und andere Online-Selbsttest-Elemente. Da es gerade in den Rechtswissenschaften oft auf leicht überhörbare Feinheiten ankommt, werden auch künftig verstärkt Podcasts zum Nachhören angeboten. Durch die verbesserte technische Ausstattung konnten Studierende außerdem in einem Seminar eine neue Form des Referats entwickeln. Dort wurden sie motiviert, ein kreatives Präsentationsvideo zu drehen.

Hybride Vorlesungen haben auch sozialen Aspekt

Studiendekan Manfred Schwaiger von der Fakultät für Betriebswirtschaft ist froh, wieder in Präsenz lehren zu können. Im Sommersemester fanden nur noch die Kolloquien für die Abschlussarbeiten online statt. Er habe sich bei Live-Veranstaltungen via Zoom häufig gefragt, ob hinter den schwarzen Kacheln überhaupt Studierende sitzen. Die verschiedenen digitalen Lehrangebote wurden sorgfältig analysiert: „Wir haben viele unterschiedliche Formate ausprobiert“, sagt er. „Alle, in denen nicht ein Dozierender den Stoff vorgetragen hat, sind schlecht angekommen.“ Zwar gebe es viele Anfragen von Studierenden nach hybriden Veranstaltungen. Schwaiger befürchtet aber, dass viele dann gar nicht mehr in die Vorlesungen kommen und sich das negativ auf den Studienerfolg auswirkt. Abgesehen davon seien hybride Formate auch eine Zusatzaufgabe für die Lehrenden. Die Studierenden waren mit dem Pandemie-Management der BWL- Fakultät laut einer Umfrage des Centrums für Hochschulentwicklung hochzufrieden. „Obwohl wir in der Vergangenheit nicht immer mit guten Studierendenurteilen verwöhnt wurden, hatten wir extrem hohe Zufriedenheitswerte in den einzelnen Kategorien von 80 bis 90 Prozent während der Pandemie“, freut sich Schwaiger.

Andreas Brachmann von der Fakultät für Biologie ist hingegen ein Freund von hybriden Vorlesungen. Sein Trick: „Weil ich sie aufzeichne, müssen die Studierenden während der Vorlesungen mucksmäuschenstill sein“, sagt er und lacht. Dass die jungen Menschen nicht mehr in seine Vorlesungen kommen, befürchtet er nicht. Erstens wollten sie ihre Freunde sehen. Zweitens werden in seinen Vorlesungen zwischendurch Fragen beantwortet – diesen Teil zeichne er nicht auf. Und drittens gebe es in der Biologie viele Praktika, weshalb viele Studierende so oder so persönlich nach Martinsried kommen müssten. Grundsätzlich haben hybride Vorlesungen in Brachmanns Augen auch einen sozialen Aspekt: „Gerade von Müttern mit Kindern erhalten wir viel positives Feedback.“ Auch wohnten viele Studierende noch bei ihren Eltern weit weg von München, weil sie sich die teuren Mieten in der Landeshauptstadt nicht leisten könnten. Zukünftig will die Biologie verstärkt auf E-Learning setzen. Für die während Corona gestartete E-Plattform „Methods in Molecular Biology“ auf Moodle erhielten die LMU-Biologinnen Dagmar Hann und Daniela Meilinger im Frühjahr 2022 sogar den Ars legendi-Fakultätenpreis für exzellente Hochschullehre.

Auch die Bayerische Studierendenvertretung nennt hybride Konzepte und Vorlesungsaufzeichnungen die größten Errungenschaften durch die Pandemie. Dazu brauche es aber mehr didaktisch ausgearbeitete Konzepte für echte hybride Lehre. Die Möglichkeit des digitalen Arbeitens in Kleingruppen habe sich ebenfalls bewährt. „Bei vielen Projektarbeiten ist es nicht zwingend notwendig, dass sich die Studierenden in Präsenz treffen“, meinen Weidlich, Utz und Härtl. Die Möglichkeit des digitalen Austauschs sorge einfach für mehr Flexibilität. Generell spüre die LAK aber bayernweit an den Hochschulen von Dozierenden und Studierenden eine große Offenheit gegenüber digitalen Angeboten. Sie hoffen daher, dass die vielen Lizenzen für Videokonferenzplattformen verlängert werden – allein schon, falls Corona das Präsenzsemester im Winter noch mal ausbremst.

Banges Warten auf den Herbst

Vor einem erneuten Online-Semester fürchtet sich natürlich die gesamte Hochschulfamilie. „Wir sind gut vorbereitet“, sagt Vizepräsident Jahraus. Es sei viel in Technik, neue Räume und deren Ausstattung investiert worden. Die Hochschulen ständen zudem im engen Austausch mit dem Wissenschaftsministerium und könnten schnell wieder Vorsichtsregeln inkraftsetzen. „Das heißt aber nicht, dass wir keinen Horror vor dieser Situation haben“, betont er. Die Fakultäten fühlen sich ebenfalls gerüstet: Inzwischen gebe es ausreichend digitale Lernmaterialien, die Methodenkoffer seien passend erweitert worden und letzte Hürden, beispielsweise bei den Online-Prüfungen, könnten sicherlich bald überwunden werden, heißt es unisono. „Aber“, bringen es die Studiendekane Augustin, Butz und Panagiotou auf den Punkt, „im Interesse unserer Studierenden, die ja die Universität als eine Gemeinschaft der Lernenden erleben sollen, und auch mit Blick auf unseren eigenen Spaß, den wir im Hörsaal haben, hoffen wir, dass wir uns weiterhin persönlich begegnen können.“ (David Lohmann)

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