Beruf & Karriere

Reden gewinnt in Zeiten der Digitalisierung mehr Relevanz – aber richtig Kommunizieren will gelernt sein. (Foto: dpa)

02.02.2018

Im Gespräch bleiben – aber wie?

Die Zahl digitaler Botschaften steigt, doch die Qualität der Kommunikation wird schlechter

Die Zahl der Facebook-Nutzer ist um etwa zehn Prozent auf etwa 31 Millionen gestiegen. Doch ein echter Dialog findet zwischen den Beteiligten kaum statt. Das Phänomen der virtuellen „Filter-Bubble“ ist inzwischen auch im realen Berufsleben angekommen.

Kurznachrichten im Telegrammstil auf Twitter, Posts auf Facebook, Messages über WhatsApp und all das, was sonst an sogenannten sozialen Medien zur Verfügung steht, dient vor allem der Verbreitung persönlicher Meinungen und der Pflege von Beziehungen. Innerhalb der Familie hat WhatsApp dem Telefon bereits den Rang abgelaufen: Laut einer Studie von Kantar TNS, von dem renommierten Marktforschungsinstitut 2017 im Auftrag des Axel Springer Verlags und der Telekom durchgeführt, nutzen 59 Prozent der rund 2000 Teilnehmer regelmäßig WhatsApp-Nachrichten, um mit Familienangehörigen und Verwandten in Kontakt zu bleiben und nur noch jeder Zweite das Telefon.

Ganz klar: Die elektronischen Anwendungen sind äußerst praktisch und helfen in vielen Fällen, das private Leben zu beleben. Etwa drei Viertel der Studienteilnehmer – übrigens ausschließlich Nutzer bestimmter Online-Seiten wie Techbook.de, über die die Befragung veröffentlicht wurde – gaben darüber hinaus an, dass sich die Häufigkeit ihrer realen Treffen mit Freunden und Bekannten aufgrund der Nutzung von Facebook & Co. nicht verringern würde. Betrachtet man Inhalte, Ziele und Mechanismen der neuen elektronischen Kommunikationsformen, stellt sich die Frage, ob und inwieweit es negative Einflüsse auf die Verständigung zwischen den Beteiligten gibt. Es hält sich beispielsweise die These, dass der Austausch mit überwiegend Gleichgesinnten in bestimmten Gruppen und Foren zu einer Verengung der eigenen Sichtweise führt. Im Rahmen einer „Filter-Bubble“, einer sich praktisch automatisch bildenden Meinungsblase, würden abweichende oder gegenläufige Anschauungen einfach ausgeblendet, wenn nicht sogar bewusst verdreht.

Ein Facebook-Team versuchte bereits 2012, mit wissenschaftlicher Unterstützung solche Thesen zu widerlegen, allerdings wenig erfolgreich. Nicht alles, was ständig wiederholt wird, muss stimmig sein Fatal wird es, sofern das „posten“ von persönlichen Ansichten und das Reagieren per „Like-Button“ mit Kommunikation oder einem differenzierten Meinungsaustausch verwechselt werden. Genau das passiert leider häufig und führt dazu, dass solche Gepflogenheiten sich auch im beruflichen Umfeld durchsetzen und einem konstruktiven Dialog über anstehende Themen und Herausforderungen das Wasser abgraben können.

Es geht nicht darum, die Facebook-Kultur grundsätzlich mit Argwohn zu betrachten

Wenn es in Meetings zu einem gebetsmühlenartigen Wiederholen der Meinung einzelner kommt und andere mit einem kopfnickenden „Like“ reagieren, wenn gegenläufige Darstellungen dadurch im Keim erstickt werden, ist das Phänomen der virtuellen „Filter-Bubble“ bereits im realen Berufsleben angekommen. Natürlich gab es dieses Verhalten bereits vor den digitalen Medien – durch sie wird es allerdings multipliziert und für viele so praktikabel wie gängig. Dass ein solches Verhalten sich zunehmender Beliebtheit erfreut, ist letztlich weniger dem bösen Willen der beteiligten Personen zuzuschreiben als der Komplexität und den Mühen differenzierter Kommunikation.

Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun trägt bereits seit den 1980er Jahren dazu bei, die Grundlagen für einen gelingenden Dialog klarer zu erkennen und dies im privaten, schulischen und berufspraktischen Umfeld zu nutzen. Sein mehrbändiges Standardwerk Miteinander reden gewinnt in Zeiten der Digitalisierung und der sozialen Medien noch mehr Relevanz. Wird doch beispielsweise anhand seines Modells der vier Ebenen von Kommunikation, von ihm als „vier Ohren“ bezeichnet, schnell klar, wie weit ein ping-pong-artiges Hin- und Herschieben von Äußerungen von einem werthaltigen Dialog entfernt ist. Wenn Schulz von Thun neben dem Sachinhalt von der Beziehungsebene, der Selbstkundgabe sowie dem Appell spricht, die in der kommunikationspsychologischen Betrachtung nahezu jedes Gesprächs stecken, wird zudem deutlich, dass „Miteinander reden“ ganz besondere Qualitäten ebenso wie zahlreiche Tücken mit sich bringt.

Was lässt sich für die berufliche Praxis nun konkret daraus ableiten? Es geht nicht darum, die Gepflogenheiten der Facebook-Kultur grundsätzlich mit Argwohn zu betrachten oder bestimmte Gewohnheiten für dumm zu verkaufen. Vielmehr sollte den Verantwortlichen in den Unternehmen und Verwaltungen bewusstwerden, wie eine solche Kultur funktioniert und welche Auswirkungen davon abgeleitete Praktiken für die Zusammenarbeit haben und haben können. Das effektive Verbreiten klarer Mitteilungen kann, wo dies erforderlich ist, über einen elektronischen Netzwerk-Weg wunderbar funktionieren. Wird in einer Diskussion nach dem „der Lauteste hat Recht“-Prinzip verfahren, bleiben dagegen mit Sicherheit sinnvolle Handlungsoptionen auf der Strecke, ebenso wie Mut und Motivation derer, die nicht gehört werden. Zudem ist es förderlich, sich mit den Grundlagen gelingender Kommunikation weiterführend zu beschäftigen. Denn Sprechen können zwar die meisten, miteinander Reden noch längst nicht alle. (Frank Beck)

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