Beruf & Karriere

Mehr Kreativität zulassen, fordern Experten. Manche Firmen probieren es mit einem Bällebad für Erwachsene. (Foto: dpa)

16.11.2018

Kreativität zahlt sich aus

Bei den Schlüsselqualifikationen für Fach- und Führungskräfte sollte der kreative Umgang mit neuen Aufgabenstellungen mehr Beachtung finden

Wo es um die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen geht, stehen oft nur technologische Kompetenz, Investitionen und Kosten im Mittelpunkt. Dabei wird übersehen, dass erfolgreiche Geschäftsmodelle und kundenorientierte Lösungen nicht zuletzt aus kreativen Prozessen heraus entstehen, die entsprechende Freiräume brauchen.

Hört man Vorstandsreden und liest Pressemitteilungen unterschiedlichster Institutionen, gewinnt man den Eindruck, dass die Bedeutung von Innovationen und neuen Lösungsansätzen nicht hoch genug einzuschätzen wäre. Sobald allerdings hinterfragt wird, wie die begehrten Ideen denn entstehen könnten, wird vielfach deutlich, dass es um die konkreten Voraussetzungen eher schlecht bestellt ist. Eine Paradoxie, die Management-Vordenker Reinhard K. Sprenger auf den Punkt bringt: „Für viele Firmen […] ist Innovation identisch mit Überleben: Alle Unternehmen scheitern an Innovationsschwäche.“ Scheinbar paradox klingt auch der Titel seines aktuellen Werks, aus dem der genannte Satz zitiert ist: „Radikal digital. Weil der Mensch den Unterschied macht.“ Wenn Sprenger für die „Wiedereinführung der Kreativität ins Unternehmen“ plädiert, hat dies zwei Gründe: Zum einen, dass eine kreative Grundhaltung die Voraussetzung für nachhaltige Innovationsstärke und damit auch für den Umgang mit den Anforderungen der Digitalisierung darstellt. Zum anderen, dass kreative Fähigkeiten viel zu wenig als wesentliche Qualifikation von Führungskräften und Mitarbeitenden angesehen, sondern eher als „nice-to-have“ bei den Soft Skills einsortiert werden.

Was bedeutet es eigentlich, im Unternehmenskontext kreativ zu sein? Die Zeiten, in denen der Begriff ausschließlich bei Gestaltungsaufgaben verortet wurde, sind längst vorbei. Für kreative Methoden gibt es weit über die Erstellung von Websites oder Werbebroschüren hinaus weitreichende Einsatzgebiete: kaum ein Fachbereich, in dem nicht bereits Design Thinking-Workshops durchgeführt werden. Auch das gute alte Brainstorming wird immer wieder praktiziert, um neue Ideen zu entwickeln. Es mangelt oft weniger an der Bereitschaft, solche Instrumente einzusetzen, als an der Konsequenz, die Ergebnisse ernst zu nehmen und weiter zu verfolgen. Der Transfer in die konkrete Entwicklungsarbeit, in die Produktgestaltung und letztlich ins Tagesgeschäft ist es, der aus kreativen Ideen Innovationen machen kann – im Kleinen wie im Großen.

Manche Mittelständler sind kreativer, als es auf den ersten Blick scheinen mag

In vielen klassischen Konzernen wabern immer noch schemenhafte Innovations-Forderungen durch die Bereiche und Abteilungen, die eher für Verunsicherung sorgen, als zum Anpacken zu motivieren. Manchmal werden zwar kreative Spielplätze geschaffen, auf denen allerlei erlaubt ist – zum Beispiel eingefahrene Routinen oder als gesetzt geltende Grundsätze infrage zu stellen. Den Erkenntnissen daraus haftet oftmals jedoch ein praxisferner oder gar unseriöser Geruch an. Steckt dahinter die Vorsicht, funktionierende Modelle allzu schnell über Bord zu werfen, wäre dagegen kaum etwas einzuwenden. „Man darf keine unrealistischen Szenarien entwerfen, nur weil diese ambitioniert klingen“, warnt Reinhard K. Sprenger. Und ermuntert dazu, die Kreativität voranzutreiben, „… ohne gleich zu hyperventilieren“. Manche Mittelständler sind dabei weiter, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Im Gegensatz zu Konzernunternehmen, deren Management auf der Suche nach dem großen Wurf gerne die vielen kleinen marktentscheidenden Verbesserungsschritte übersieht, praktiziert so mancher „Hidden Champion“ bereits erfolgreich die Industrie 4.0 – mit Ideen und Produkten, die mehr Leistung zu niedrigeren Kosten erlauben, kundengerechte Verbesserungen mitbringen oder, in seltenen Fällen, auch völlig neue Lösungen darstellen. Diese fallen nicht wie reife Pflaumen vom Baum, sondern sind in den allermeisten Fällen das Ergebnis konsequenter, mutiger Arbeitsprozesse in Verbindung mit der Möglichkeit, immer wieder neu zu denken.

Ein wesentliches Hindernis, das dem im Weg steht, sind in der Regel nicht fehlendes Know-how oder unfähige Mitarbeitende. Vielmehr geht es darum, über den Schatten der Planbarkeit zu springen – und damit gewissermaßen eine der unumstößlichen Säulen der geläufigen Unternehmensführung auszuhebeln. Bei kreativen Prozessen weiß niemand genau, was am Ende entsteht und wie nützlich – im Sinne der Unternehmensziele – dies sein wird. Detaillierte Planvorgaben sind insofern mit Vorsicht zu genießen und verengen leicht die Handlungsoptionen auf bisher bekannte und als sinnvoll erachtete Vorgehensweisen. Wer gar glaubt, disruptive Neuerungen können innerhalb starrer Plan- und Forecast-Routinen nebenherlaufen, wird kaum entsprechende Chancen realisieren können. Für jede weit entwickelte Organisation stellt es einen äußerst schwierigen Balanceakt dar, der menschlichen Kreativität genügend Raum zu geben, ohne bestehende Prinzipien zu vernachlässigen und die Kernaufgaben zu gefährden. Allerdings können genau durch diese Balance Innovationen reifen, die zu künftigen Säulen von Geschäft und Ertrag werden – Mühe und Mut sind also durchaus lohnenswert. (Frank Beck)

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