Beruf & Karriere

Anders als heute wurden Studentinnen mit Kind früher von Kommilitonen geschnitten und von manchen Professoren ignoriert. (Foto: dpa)

23.11.2018

Mama mit Master

Immer mehr Studierende entscheiden sich aus beruflichen Gründen für ein Kind während des Studiums – was sind die Vorteile?

Erst vor 20 Jahren wurde in Bayern die Elternzeit an Hochschulen eingeführt. Damit sollte die Vereinbarkeit von Studium und Familienleben erleichtert werden. Denn früher war ein Kind während des Studiums noch eine große Belastung. Heute entscheiden sich immer mehr Studierende bewusst für Nachwuchs, um die „Rushhour of Life“ zu entzerren. Doch es gibt auch Nachteile.

„Es war eine wunderschöne Zeit“, erzählt Laura Heck. Die 28-jährige Masterstudentin aus München hat sich vor vier Jahren bewusst für ein Kind am Ende ihres Bachelor-Studiums entschieden. Dank Urlaubssemester aufgrund von Mutterschutz oder Elternzeit, in denen man Prüfungsleistungen erbringen darf, ist es Studierenden heute möglich, sich eine Art Teilzeitstudium einzurichten. Dadurch brauche man zwar im Gegensatz zu Vollzeitstudierenden ein bisschen länger, „dafür kann man sich aber seine Zeit flexibel einteilen und alles step-by-step machen, sodass Studium und Familie vereinbar sind“, erzählt Laura.

Als Hildegard Adam, Studienberaterin der Zentralen Studienberatung an der Uni München, 1996 ihr erstes Kind bekam, war das noch anders. Damals konnten sich Studierende noch nicht wegen eines Kindes beurlauben lassen – viele scheiterten daher an der Höchststudiendauer. „Die Nachricht, schwanger zu sein, war für einige eher eine Belastung“, erinnert sich Adam. Schwangere Studentinnen wurden von manchen Kommilitonen geschnitten, von manchen Professoren ignoriert.

Erst 1998 wurde die Elternzeit an den bayerischen Hochschulen eingeführt, mit der sich Mütter und Väter bis zu sechs Semester pro Kind beurlauben lassen und trotzdem Prüfungsleistungen erbringen können. Von da an konnten studierende Eltern Zeit mit ihrem Kind verbringen, ohne ständig Angst vor der Exmatrikulation zu haben. Auch das Verständnis für studierende Mütter oder Väter bei den Professoren sei dadurch gewachsen.

Als Adam nach ihrer eigenen Elternzeit wieder bei der Zentralen Studienberatung einstieg, baute sie aufgrund der eigenen Erfahrungen die erste Beratungsstelle an einer bayerischen Universität auf. Zunächst fungierte sie lediglich als Ansprechpartnerin. „Aber das wurde schnell zum Selbstläufer“, sagt sie und lacht. Seitdem berät, coacht und unterstützt sie und ihr Team junge Mütter und Väter. Während Studierende vor 20 Jahren häufig noch ungewollt schwanger wurden, treffen sie laut Adam heute oft eine ganz bewusste Entscheidung für die Familiengründung – so wie Laura.

Familiengründung im Studium reduziert später berufliche Unterbrechungen durch Elternzeiten – aber ist das sinnvoll?

Nachdem die Studentin mit ihrem Sohn ihren Bachelor absolviert hatte, ging der Kleine mit einem Jahr in die Kinderkrippe, und Laura begann ihren Master. Seitdem arbeitet die Medienkulturwissenschaftlerin zusätzlich drei Tage die Woche bei der Beratungsstelle für Studierende mit Kind. Kindererziehung, Masterarbeit, Beratungsstelle: klingt stressig. „Ist es auch, aber mit dem richtigen Zeitmanagement nicht so viel anders als bei ‚Normal-Studierenden’“, sagt Laura. Mit ihrer Arbeit wolle sie anderen Studierenden mit Kind das Gefühl vermitteln, dass sie in ihrer Situation nicht alleine sind. Und sie dabei unterstützen, „dass es durchaus möglich und vor allem schön ist, Familie und Studium unter einen Hut zu bekommen“.

Auch Adam kennt die Sorgen und Nöte der Studierenden von ihrer eigenen Schwangerschaft vor rund 20 Jahren. In die Sprechstunde kommen nicht selten Mütter, die an sich selbst zweifeln. Sie hätten das Gefühl, weder gute Mutter, gute Partnerin, noch gute Studentin zu sein. Viele Studierende seien auch bei der Kindererziehung verunsichert, berichtet Adam. Unter der Unsicherheit leidet das Studium. „Ich versuche ihnen dann in der Einzelberatung klarzumachen, was sie da eigentlich leisten.“

So sieht das auch der Best Practice-Club „Familie in der Hochschule“, ein Programm von Hochschulen zur Weiterentwicklung familienorientierter akademischer Einrichtungen. Studieren mit Kind stelle ein zukunftsorientiertes Ausbildungs- und Familienmodell dar, welches als Chance wahrgenommen werden solle, die „Rushhour of Life“ zu entzerren. Familiengründung im Studium könne demnach helfen, spätere berufliche Unterbrechungen durch Elternzeiten zu reduzieren. Nicht nur deshalb kommen viele studierende Paare bereits vor der Schwangerschaft zu der Beratungsstelle. Einigen fällt der Berufseinstieg leichter, wenn das Kind bereits während des Studiums auf die Welt gekommen ist.

Neben Einzelberatungen, Informationsveranstaltungen sowie diversen Workshops hilft die Beratungsstelle bei der Vernetzung der Studierenden mit Kind – sei es auf Online-Plattformen, bei Eltern-Kind-Kursen oder dem hochschulübergreifenden Familiencafé. „Durch die regelmäßigen Treffen sollen soziale Netzwerkgruppen entstehen, die auch privat tragen“, erläutert Adam. Unsicherheiten sollen genommen und Mamas in ihrer Rolle als Mutter und Studentin bestärkt werden.

„Mit Kind zu studieren ist viel selbstverständlicher geworden als es noch vor 20 Jahren war“, resümiert Studienberaterin Hildegard Adam. Dozenten, Verwaltung und andere Studierende würden dies als Teil der universitären Diversität anerkennen. „Daher ist es umso wichtiger, nach wie vor den Studierenden eine solche Unterstützung zu bieten, um Familie und Studium gut vereinen zu können und das Bewusstsein für Studierende mit Kind an der gesamten Universitätslandschaft weiterhin zu stärken.“ (David Lohmann)

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